Medienbildung muss nicht immer ueber Monate hinweg in kleine Unterrichtsportionen aufgeteilt werden. Eine konzentrierte Projektwoche kann einen kraftvollen Impuls setzen, der bei Schuelerinnen und Schuelern nachhaltig wirkt. “Medienfit in einer Woche” ist ein strukturierter Leitfaden, der zeigt, wie eine solche Projektwoche geplant und durchgefuehrt werden kann. Das Konzept richtet sich an Lehrkraefte der Sekundarstufe I und II und verbindet theoretische Grundlagen mit praktischer Medienarbeit.
Das Konzept: Fuenf Tage, fuenf Schwerpunkte
Die Projektwoche ist in fuenf thematische Tage gegliedert, die aufeinander aufbauen. Jeder Tag hat einen klaren Schwerpunkt, verbindet Theorie mit Praxis und schliesst mit einer gemeinsamen Reflexion ab. Die modulare Struktur ermoeglicht es, einzelne Tage bei Bedarf anzupassen oder auszutauschen, ohne das Gesamtkonzept zu gefaehrden.
Tag 1: Mein Medienalltag – Bestandsaufnahme
Der erste Tag dient der Bewusstwerdung. Schuelerinnen und Schueler untersuchen ihren eigenen Medienkonsum und reflektieren ihre Mediengewohnheiten.
Vormittag: Mediennutzung erfassen Die Schuelerinnen und Schueler erstellen ein detailliertes Protokoll ihres Medienalltags. Welche Medien nutzen sie wann, wie lange und wofuer? Sie dokumentieren nicht nur die Bildschirmzeit, sondern auch analoge Medien wie Buecher, Zeitschriften und Plakate. Die Ergebnisse werden in der Gruppe ausgewertet und verglichen.
Nachmittag: Medienlandschaft kartieren In Gruppen erstellen die Schuelerinnen und Schueler eine Uebersichtskarte der Medienlandschaft: Welche Medienarten gibt es? Wer sind die Absender? Wie finanzieren sich verschiedene Medien? Wer nutzt welche Medien und warum? Diese Kartierung schafft einen gemeinsamen Wissensstand und bildet die Grundlage fuer die folgenden Tage.
Reflexion: Was hat mich ueberrascht? Welche Mediengewohnheiten moechte ich genauer betrachten?
Tag 2: Wie Medien gemacht werden – Hinter den Kulissen
Am zweiten Tag wechseln die Schuelerinnen und Schueler die Perspektive: vom Mediennutzer zum Medienmacher.
Vormittag: Medienproduktion verstehen Anhand konkreter Beispiele wird untersucht, wie Medienprodukte entstehen. Wie wird eine Nachrichtensendung geplant? Wer entscheidet, welches Thema auf die Titelseite kommt? Welche Schritte durchlaeuft ein YouTube-Video von der Idee bis zur Veroeffentlichung? Schuelerinnen und Schueler erkennen, dass hinter jedem Medienprodukt ein Herstellungsprozess steht, in dem zahlreiche Entscheidungen getroffen werden.
Nachmittag: Gestaltungsmittel erproben In Werkstatt-Stationen experimentieren die Schuelerinnen und Schueler mit verschiedenen Gestaltungsmitteln. Eine Station widmet sich der Bildkomposition (Wie veraendert der Bildausschnitt die Wirkung?), eine andere der Textgestaltung (Wie klingt dieselbe Nachricht als Schlagzeile, als Kommentar, als Glosse?), eine dritte dem Ton (Wie veraendert Hintergrundmusik die Wirkung eines Bildes?).
Reflexion: Was habe ich ueber die Gemachtheit von Medien gelernt? Welche Gestaltungsentscheidung hat mich am meisten ueberrascht?
Tag 3: Wahrheit und Taeuschung – Kritisch mit Medien umgehen
Der dritte Tag konzentriert sich auf die kritische Bewertung medialer Inhalte.
Vormittag: Desinformation erkennen Schuelerinnen und Schueler lernen Strategien kennen, mit denen sich die Glaubwuerdigkeit von Informationen ueberpruefen laesst. Sie ueberpruefen konkrete Beispiele: Stimmt diese Behauptung? Ist dieses Foto echt? Wer steckt hinter dieser Website? Dabei wenden sie systematische Pruefverfahren an – Quellencheck, Rueckwaertsbildersuche, Vergleich mit verlaesslichen Quellen.
Nachmittag: Manipulation durchschauen In Fallstudien untersuchen die Schuelerinnen und Schueler verschiedene Formen der Medienmanipulation: manipulierte Fotos, irrefuehrende Statistiken, emotionalisierende Schlagzeilen, Deepfakes. Sie diskutieren, warum Desinformation verbreitet wird und welche gesellschaftlichen Folgen sie haben kann.
Reflexion: Welche Pruefstrategien fand ich besonders nuetzlich? Wie sicher fuehle ich mich jetzt beim Bewerten von Online-Informationen?
Tag 4: Selbst aktiv werden – Eigene Medienproduktion
Der vierte Tag ist der Hoehepunkt der Projektwoche: Die Schuelerinnen und Schueler werden selbst zu Medienproduzenten.
Ganztag: Projektarbeit In Gruppen planen und realisieren die Schuelerinnen und Schueler ein eigenes Medienprojekt. Je nach Ausstattung und Interesse stehen verschiedene Formate zur Auswahl:
- Kurzfilm: Von der Idee ueber Drehbuch und Storyboard bis zum fertigen Film.
- Podcast: Recherche, Aufnahme, Schnitt und Veroeffentlichung eines Audiobeitrags.
- Fotoreportage: Eine Geschichte in Bildern erzaehlen, ergaenzt durch Bildunterschriften.
- Blog oder digitale Zeitung: Recherche, Texterstellung, Layout und Veroeffentlichung.
- Plakatkampagne: Entwurf und Gestaltung einer Informations- oder Aufklaerungskampagne.
Die Lehrkraft begleitet die Gruppen als Coach, gibt Impulse und Feedback, laesst den Schuelerinnen und Schuelern aber moeglichst viel Gestaltungsfreiheit. Der Fokus liegt darauf, den gesamten Produktionsprozess zu durchlaufen und dabei bewusste Gestaltungsentscheidungen zu treffen.
Tag 5: Praesentation und Ausblick
Der letzte Tag gehoert der Praesentation und der gemeinsamen Reflexion.
Vormittag: Ergebnisse praesentieren Jede Gruppe praesentiert ihr Medienprojekt. Die anderen Gruppen geben konstruktives Feedback: Was hat gut funktioniert? Welche Gestaltungsentscheidungen sind besonders gelungen? Was haette man anders loesen koennen? Die Praesentationen werden nach Moeglichkeit einem breiteren Publikum zugaenglich gemacht – etwa im Rahmen einer Schulveranstaltung, auf der Schulwebsite oder in einer Ausstellung.
Nachmittag: Reflexion und Ausblick Die gesamte Gruppe reflektiert die Projektwoche: Was haben wir gelernt? Was hat uns ueberrascht? Was nehmen wir fuer unseren kuenftigen Medienumgang mit? Schuelerinnen und Schueler formulieren persoenliche Vorsaetze oder Erkenntnisse, die sie in ihren Alltag mitnehmen moechten.
Organisatorische Hinweise
Vorbereitung
Eine erfolgreiche Medienprojektwoche erfordert sorgfaeltige Vorbereitung. Folgende Punkte sollten vorab geklaert sein:
- Technik: Welche Geraete stehen zur Verfuegung? Sind Kameras, Tablets, Mikrofone, Laptops vorhanden und funktionsfaehig?
- Software: Welche Programme werden fuer Bild-, Ton- und Videobearbeitung benoetigt? Sind sie installiert und getestet?
- Raeume: Stehen genuegend Raeume fuer die Gruppenarbeit zur Verfuegung? Gibt es einen ruhigen Raum fuer Tonaufnahmen?
- Material: Sind Zeitschriften, Zeitungen und andere analoge Materialien fuer Collagen und Analysen vorhanden?
Teamteaching und externe Expertise
Die Projektwoche gewinnt an Qualitaet, wenn mehrere Lehrkraefte zusammenarbeiten und gegebenenfalls externe Fachleute eingeladen werden – etwa aus dem Bereich Journalismus, Film oder Medienpaedagogik. Solche Begegnungen mit Medienprofis koennen fuer Schuelerinnen und Schueler besonders motivierend sein.
Dokumentation
Die gesamte Projektwoche sollte dokumentiert werden – durch Fotos, Videos, ein Projekttagebuch oder einen Blog. Diese Dokumentation dient nicht nur der Erinnerung, sondern kann auch anderen Lehrkraeften als Inspiration und Planungshilfe fuer eigene Projektwochen dienen.
Wirksamkeit und Nachhaltigkeit
Eine Projektwoche allein macht noch keine medienkompetenten Schuelerinnen und Schueler. Ihr Wert liegt darin, einen intensiven Impuls zu setzen, der Interesse weckt, Kompetenzen aufbaut und Zusammenhaenge sichtbar macht, die im regulaeren Unterricht oft zu kurz kommen. Die nachhaltige Wirkung haengt davon ab, ob die in der Projektwoche gewonnenen Erkenntnisse und Faehigkeiten im weiteren Unterricht aufgegriffen und vertieft werden.
“Medienfit in einer Woche” ist daher nicht als Ersatz fuer kontinuierliche Medienbildung zu verstehen, sondern als wirkungsvolle Ergaenzung. Die Projektwoche kann den Anstoss geben, Medienbildung staerker im schulischen Alltag zu verankern – ein Prozess, der im Medienentwicklungsplan der Schule seinen systematischen Rahmen finden kann.