Schulradio ist weit mehr als ein Unterrichtsprojekt. Es verbindet Sprachfoerderung, technische Kompetenz, journalistisches Denken und kreative Gestaltung in einer einzigen Aktivitaet. Schuelerinnen und Schueler lernen dabei nicht nur das Medium Radio kennen, sondern entwickeln auch Faehigkeiten, die weit ueber den Medienbereich hinausreichen: Sie recherchieren, formulieren, argumentieren, arbeiten im Team und praesentieren ihre Ergebnisse einem echten Publikum.

Dieser praktische Leitfaden bietet eine strukturierte Einfuehrung in die Radioproduktion im schulischen Kontext. Von der ersten Ideenfindung ueber die redaktionelle Planung bis hin zur technischen Umsetzung werden alle wesentlichen Schritte beschrieben.

Die erste Sendung planen

Thema und Zielgruppe definieren

Am Anfang jeder Radiosendung steht die Frage: Woruebler wollen wir berichten, und wer soll zuhoeren? Im schulischen Umfeld bieten sich zahlreiche Themen an, die fuer Mitschuelerinnen und Mitschueler, Lehrende oder Eltern gleichermassen interessant sein koennen. Schulveranstaltungen, lokale Ereignisse, aktuelle Debatten, Buchvorstellungen, Musikempfehlungen oder Interviews mit interessanten Persoenlichkeiten aus dem schulischen Umfeld sind nur einige Moeglichkeiten.

Die Zielgruppe beeinflusst sowohl den Ton als auch den Inhalt der Sendung. Eine Sendung fuer Gleichaltrige wird anders klingen als ein Beitrag, der sich an die gesamte Schulgemeinschaft richtet. Es empfiehlt sich, die Zielgruppe von Beginn an klar zu definieren und alle weiteren Entscheidungen daran auszurichten.

Sendeformat festlegen

Soll es eine einzelne Sendung mit verschiedenen Beitraegen werden, ein thematisches Magazin oder eine regelmaessige Serie? Die Wahl des Formats haengt von den verfuegbaren Ressourcen, der Gruppengroesse und den zeitlichen Moeglichkeiten ab.

Ein bewaehertes Einstiegsformat ist das kurze Magazin mit einer Dauer von zehn bis fuenfzehn Minuten. Es laesst sich gut in einer Projektphase von mehreren Unterrichtsstunden realisieren und bietet genuegend Raum fuer verschiedene Beitragsformen: einen kurzen Nachrichtenblock, ein Interview, eine Musiktitel-Moderation und vielleicht eine Umfrage.

Redaktionsplanung

Eine gute Radiosendung entsteht nicht spontan, sondern durch sorgfaeltige redaktionelle Planung. In einer Redaktionssitzung werden Themen gesammelt, Aufgaben verteilt und ein Sendeablauf erstellt. Jedes Teammitglied sollte eine klare Rolle haben: Wer moderiert, wer fuehrt Interviews, wer kuemmert sich um die Technik, wer schneidet die Beitraege?

Ein schriftlicher Sendeablaufplan, in dem die Reihenfolge der Beitraege, deren ungefaehre Dauer und die Uebergaenge festgehalten werden, ist ein unverzichtbares Werkzeug. Er gibt der Sendung Struktur und sorgt dafuer, dass alle Beteiligten wissen, was wann passiert.

Technische Grundlagen

Aufnahmegeraete

Fuer schulische Radioproduktionen reicht in vielen Faellen bereits einfache Technik aus. Ein digitales Aufnahmegeraet oder ein Smartphone mit einer geeigneten Aufnahme-App genuegt fuer die Aufzeichnung von Interviews und Atmo. Wichtiger als teure Geraete ist die richtige Handhabung: Das Mikrofon sollte in einem Abstand von etwa einer Handbreit zum Mund gehalten werden, und der Aufnahmeort sollte moeglichst ruhig sein.

Fuer Studioaufnahmen empfiehlt sich ein USB-Mikrofon, das direkt an den Computer angeschlossen werden kann. In Kombination mit einer kostenlosen Audiobearbeitungssoftware lassen sich damit bereits sehr gute Ergebnisse erzielen.

Aufnahmetipps

Vor jeder Aufnahme sollte ein kurzer Test durchgefuehrt werden, um den Aufnahmepegel zu pruefen und sicherzustellen, dass keine stoerenden Hintergrundgeraeusche vorhanden sind. Windgeraeusche im Freien lassen sich mit einem einfachen Windschutz aus Schaumstoff deutlich reduzieren.

Bei Interviews empfiehlt es sich, auch nach dem eigentlichen Gespraech noch einige Sekunden Stille beziehungsweise Raumatmo aufzunehmen. Dieses Material ist beim spaeteren Schnitt aeusserst hilfreich, um Uebergaenge zu glaetten und akustische Sprruenge zu vermeiden.

Ein haeufiger Fehler ist das Sprechen waehrend des Zuhoerens. Zustimmende Laute wie “mhm” oder “ja” der interviewenden Person ueberlagern die Antwort und erschweren den spaeteren Schnitt erheblich. Besser ist es, Zustimmung durch Nicken zu signalisieren.

Schnitt und Nachbearbeitung

Der Schnitt ist jener Arbeitsschritt, in dem aus dem Rohmaterial ein fertiger Beitrag entsteht. Moderne Audiobearbeitungsprogramme bieten intuitive Oberflaechen, auf denen Audiodateien als Wellenformen dargestellt und mit wenigen Klicks geschnitten, verschoben und ueberlagert werden koennen.

Beim Schnitt gelten einige Grundregeln: O-Toene sollten nicht aus dem Zusammenhang gerissen oder sinnentstellend gekuerzt werden. Uebergaenge zwischen verschiedenen Aufnahmen wirken natuerlicher, wenn sie mit einer kurzen Blende versehen werden. Und die Gesamtlautstaerke des fertigen Beitrags sollte einheitlich sein, damit das Publikum nicht staendig am Lautstaerkeregler drehen muss.

Der redaktionelle Ablauf

Recherche

Gruendliche Recherche ist die Basis jedes guten Radiobeitrags. Vor einem Interview sollten Hintergrundinformationen zum Thema gesammelt und ein Fragenkatalog vorbereitet werden. Dabei ist es wichtig, offene Fragen zu formulieren, die nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden koennen. Fragen, die mit “Wie”, “Warum” oder “Was bedeutet” beginnen, fuehren zu ausfuehrlicheren und interessanteren Antworten.

Texten fuers Hoeren

Texte fuer das Radio unterscheiden sich grundlegend von Texten fuer Print. Sie muessen beim ersten Hoeren verstaendlich sein, denn das Publikum kann nicht zurueckblaettern. Das bedeutet: kurze Saetze, einfache Satzstrukturen, konkrete Begriffe statt abstrakter Formulierungen. Schachtelsaetze und Fremdwoerter sollten vermieden werden.

Ein hilfreicher Test: Den geschriebenen Text laut vorlesen. Was sich beim Sprechen sperrig anfuehlt, wird auch beim Zuhoeren schwer verstaendlich sein. Radiotext muss klingen, als wuerde jemand frei erzaehlen, auch wenn er sorgfaeltig vorbereitet wurde.

Sprechen vor dem Mikrofon

Viele Menschen sind unsicher, wenn sie zum ersten Mal vor einem Mikrofon stehen. Das ist voellig normal und laesst mit etwas Uebung schnell nach. Wichtig ist eine aufrechte Koerperhaltung, die das freie Atmen erleichtert. Die Sprechgeschwindigkeit sollte etwas langsamer sein als im normalen Gespraech, und Pausen zwischen den Saetzen helfen dem Publikum, die Informationen zu verarbeiten.

Wer moderiert, sollte moeglichst frei sprechen und sich nur auf Stichworte stuetzen. Abgelesene Texte klingen steif und unpersoenlich. Ein paar Probedurchlaeufe vor der eigentlichen Aufnahme nehmen die Nervositaet und helfen dabei, den richtigen Tonfall zu finden.

Veroeffentlichung und Verbreitung

Schulinternes Radio

Die einfachste Form der Verbreitung ist das Abspielen der fertigen Sendung ueber die Lautsprecheranlage der Schule, etwa in Pausen oder bei Schulveranstaltungen. Auch eine regelmaessige Ausstrahlung zu festen Zeiten kann etabliert werden und schafft eine treue Zuhoererschaft.

Podcast und Online-Verbreitung

Die Veroeffentlichung als Podcast ermoeglicht es, die Sendungen einem breiteren Publikum zugaenglich zu machen. Verschiedene kostenlose Plattformen bieten die Moeglichkeit, Audiodateien hochzuladen und als Podcast-Feed bereitzustellen. So koennen Eltern, ehemalige Schuelerinnen und Schueler oder andere Interessierte die Beitraege jederzeit anhoeren.

Bei der Online-Veroeffentlichung ist auf den Datenschutz zu achten. Alle Personen, die in den Beitraegen zu hoeren sind, muessen ihr Einverstaendnis gegeben haben. Bei Minderjaehrigen ist die Zustimmung der Erziehungsberechtigten erforderlich.

Zusammenarbeit mit freien Radios

Viele nichtkommerzielle Radiosender bieten spezielle Sendeplaetze fuer Schulradio-Projekte an. Eine Zusammenarbeit mit einem lokalen freien Radio kann fuer alle Beteiligten bereichernd sein: Die Schuelerinnen und Schueler erhalten Zugang zu professioneller Technik und erfahrener Begleitung, waehrend der Sender von den frischen Perspektiven und dem Engagement der jungen Radiomachenden profitiert.

Paedagogische Chancen

Schulradio foerdert eine Vielzahl von Kompetenzen, die weit ueber die Medienbildung hinausgehen. Die sprachliche Ausdrucksfaehigkeit wird durch das Texten und Sprechen geschaerft. Soziale Kompetenzen entwickeln sich in der Teamarbeit und in der Interaktion mit Interviewpartnerinnen und -partnern. Technisches Verstaendnis waechst durch den Umgang mit Aufnahme- und Schnitttechnik. Und nicht zuletzt staerkt die Erfahrung, etwas Eigenes geschaffen und veroeffentlicht zu haben, das Selbstvertrauen und die Motivation der Lernenden.

Radiomachen ist damit ein ideales Werkzeug fuer handlungsorientierten Unterricht, das sich in nahezu jedes Fach integrieren laesst – von Deutsch ueber Geschichte und Politische Bildung bis hin zu Fremdsprachen und naturwissenschaftlichen Faechern.