Bevor eine Filmkamera zum ersten Mal eingeschaltet wird, muessen die wesentlichen kreativen Entscheidungen bereits getroffen sein. Das Drehbuch und das Storyboard sind die zentralen Planungsinstrumente, die den Uebergang von der Idee zur filmischen Umsetzung ermoeglichten. Sie bilden die Grundlage, auf der alle weiteren Arbeitsschritte aufbauen – von der Besetzung ueber die Kalkulation bis hin zu den Dreharbeiten selbst.
Von der Idee zum Konzept
Jeder Film beginnt mit einer Idee. Diese kann aus den unterschiedlichsten Quellen stammen: einer persoenlichen Erfahrung, einem Zeitungsartikel, einem Traum, einer historischen Begebenheit oder einer gesellschaftlichen Frage. Die entscheidende Aufgabe in der fruehesten Entwicklungsphase besteht darin, aus dieser rohen Idee ein tragfaehiges Filmkonzept zu entwickeln.
Das Expose
Der erste schriftliche Schritt ist in der Regel das Expose – eine knappe Zusammenfassung der Filmhandlung in wenigen Seiten. Das Expose beschreibt die Geschichte von Anfang bis Ende, stellt die wichtigsten Figuren vor und vermittelt einen Eindruck von Stimmung und Tonalitaet des geplanten Films. Es dient als Diskussionsgrundlage und hilft den Beteiligten, ein gemeinsames Verstaendnis von dem zu entwickeln, was der Film erzaehlen soll.
Das Treatment
Das Treatment ist eine ausfuehrlichere Darstellung der Filmhandlung, die bereits die Erzaehlstruktur, die wichtigsten Szenen und die dramaturgischen Wendepunkte enthaelt. Anders als das spaetere Drehbuch ist das Treatment in Prosaform verfasst und enthaelt noch keine Dialoge oder technischen Angaben. Es liest sich wie eine Kurzgeschichte und vermittelt ein lebendiges Bild davon, wie der fertige Film aussehen und sich anfuehlen koennte.
Das Drehbuch
Das Drehbuch ist die detaillierte schriftliche Vorlage fuer den Film. Es beschreibt Szene fuer Szene, was zu sehen und zu hoeren sein wird, und bildet die Arbeitsgrundlage fuer alle Abteilungen der Filmproduktion.
Aufbau eines Drehbuchs
Ein professionelles Drehbuch folgt standardisierten Formatierungsregeln, die sich international weitgehend durchgesetzt haben:
Szenenkopf: Jede neue Szene beginnt mit einem Szenenkopf, der angibt, ob es sich um eine Innen- oder Aussenaufnahme handelt, an welchem Ort die Szene spielt und zu welcher Tageszeit.
Handlungsbeschreibung: Die Handlung wird in der Gegenwartsform und in moeglichst knappen, bildhaften Saetzen beschrieben. Beschrieben wird nur, was tatsaechlich zu sehen und zu hoeren ist – keine inneren Gedanken oder Hintergrundgeschichten, die sich nicht filmisch umsetzen lassen.
Dialog: Die Dialoge werden zentriert unter dem Namen der sprechenden Figur angeordnet. Regieanweisungen zum Tonfall oder zur Art des Sprechens werden sparsam eingesetzt.
Uebergaenge: Zwischen den Szenen koennen Uebergangsanweisungen stehen (wie “Schnitt auf:” oder “Ueberblende zu:”), die jedoch in modernen Drehbuechern nur selten verwendet werden, da diese Entscheidungen typischerweise der Regie und dem Schnitt ueberlassen bleiben.
Dramaturgische Grundlagen
Ein gutes Drehbuch folgt dramaturgischen Prinzipien, die sicherstellen, dass die Geschichte das Publikum fesselt und emotional beruehrt.
Die Dreiaktstruktur: Die meisten Spielfilme folgen einer Dreiaktstruktur: Der erste Akt etabliert die Figuren, den Schauplatz und den zentralen Konflikt. Der zweite Akt steigert den Konflikt durch Komplikationen und Hindernisse. Der dritte Akt fuehrt die Geschichte zur Aufloesung.
Der dramatische Bogen: Eine gelungene Dramaturgie zeichnet sich durch einen stetig steigenden Spannungsbogen aus, der in einem Hoehepunkt gipfelt, bevor die Spannung in der Aufloesung abfaellt.
Figuren und Motivation: Ueberzeugende Figuren haben klare Ziele und Motivationen. Der Konflikt des Films entsteht durch Hindernisse, die sich diesen Zielen in den Weg stellen. Je groesser die Hindernisse und je staerker die Motivation der Figuren, desto mitreissender wird die Geschichte.
Zeigen statt erzaehlen: Film ist ein visuelles Medium. Die Grundregel des Drehbuchschreibens lautet daher: Zeigen statt erzaehlen. Anstatt eine Figur ueber ihre Trauer sprechen zu lassen, zeigt ein gutes Drehbuch die Trauer durch Handlungen, Gesten und visuelle Details.
Besonderheiten des Dokumentarfilm-Drehbuchs
Im Dokumentarfilm ist das Drehbuch notwendigerweise weniger detailliert als im Spielfilm, da die tatsaechlichen Ereignisse nicht vollstaendig vorhergesagt werden koennen. Stattdessen wird haeufig mit einem Konzeptpapier gearbeitet, das die thematische Ausrichtung, die geplanten Drehorte, die Protagonistinnen und Protagonisten sowie den dramaturgischen Rahmen beschreibt. Die endgueltige Struktur entsteht oft erst im Schnitt.
Das Storyboard
Das Storyboard uebersetzt das geschriebene Drehbuch in eine Folge von Bildern. Es ist ein visuelles Planungsinstrument, das zeigt, wie die einzelnen Einstellungen des Films aussehen sollen.
Funktion und Bedeutung
Das Storyboard erfuellt mehrere wichtige Funktionen:
Visualisierung: Es macht die Vorstellungen der Regie fuer das gesamte Team sichtbar. Was als Text im Drehbuch abstrakt bleiben mag, wird durch die Zeichnungen konkret und greifbar.
Planung: Das Storyboard hilft bei der Planung der Dreharbeiten. Es zeigt, welche Einstellungen an einem Drehort benoetigt werden, welche Kamerabewegungen geplant sind und welche Requisiten in welcher Szene sichtbar sein muessen.
Kommunikation: Es erleichtert die Kommunikation zwischen allen Abteilungen. Die Kameraabteilung sieht, welche Einstellungen gewuenscht sind; das Szenenbild erkennt, welche Teile des Sets im Bild erscheinen; die Lichttechnik kann die Beleuchtung entsprechend planen.
Problemerkennung: Beim Zeichnen des Storyboards koennen Probleme fruehzeitig erkannt werden: Stimmen die Blickrichtungen? Ist die raeumliche Kontinuitaet gewahrt? Gibt es genug Schnittmoeglichkeiten?
Aufbau eines Storyboards
Ein Storyboard besteht aus einer Reihe von Bildfeldern, die typischerweise im Format des spaetere Filmbildes gezeichnet werden. Unter oder neben jedem Bildfeld stehen Angaben zu:
- Einstellungsgroesse (Totale, Nah, Gross etc.)
- Kamerabewegung (Schwenk, Fahrt, Zoom etc.)
- Dialog und Tonanweisungen
- Handlungsbeschreibung (was in der Einstellung geschieht)
- Dauer (geschaetzte Laenge der Einstellung)
Die zeichnerische Qualitaet spielt eine untergeordnete Rolle. Wichtiger als kuenstlerisches Talent ist die Faehigkeit, die wesentlichen Bildinformationen klar und verstaendlich darzustellen. Auch einfache Strichmaennchen koennen ein wirksames Storyboard ergeben, solange Kamerawinkel, Einstellungsgroesse und Figurenpositionen erkennbar sind.
Digitale Storyboard-Werkzeuge
Neben der traditionellen Handzeichnung gibt es heute zahlreiche digitale Werkzeuge fuer die Storyboard-Erstellung. Spezielle Programme bieten vorgefertigte Figuren, Requisiten, Hintergruende und Bewegungspfeile, die sich nach Bedarf kombinieren lassen. Auch 3D-Programme ermoeglichen die Erstellung von Previsualisierungen, die weit ueber die Moeglichkeiten einer Handzeichnung hinausgehen.
Fuer Schulprojekte genuegen oft einfache Zeichenprogramme oder sogar Prasentationssoftware, in der sich Bilder und Textfelder frei auf Folien anordnen lassen. Auch Fotos, die mit einem Smartphone aufgenommen werden, koennen als Grundlage fuer ein fotografisches Storyboard dienen. Dabei werden die geplanten Einstellungen mit den tatsaechlichen Darstellenden am Drehort nachgestellt und fotografiert. Diese Methode hat den Vorteil, dass sie gleichzeitig als Probe fuer die spaetere Aufnahme dient.
Vom Storyboard zur Animatic
Eine Weiterentwicklung des statischen Storyboards ist die Animatic: Die einzelnen Storyboard-Zeichnungen werden in einem Schnittprogramm hintereinandergeschnitten und mit einer vorlaeufigen Tonspur versehen. So entsteht eine Art Rohversion des Films, anhand derer sich Rhythmus, Erzaehlfluss und Timing bereits vor den Dreharbeiten beurteilen lassen. Die Animatic ist besonders bei aufwendigen Produktionen ein wertvolles Planungsinstrument.
Vom Storyboard zur Drehplanung
Das Storyboard bildet die Grundlage fuer die detaillierte Drehplanung. Aus den visualisierten Einstellungen lassen sich die technischen und organisatorischen Anforderungen ableiten:
Equipmentbedarf: Welche Kameras, Objektive, Stative, Schienen oder Kraene werden benoetigt?
Lichtbedarf: Welche Beleuchtung erfordert jede Szene?
Zeitplanung: Wie viele Einstellungen muessen an einem Drehtag realisiert werden? Wie viel Zeit wird fuer den Umbau zwischen den Einstellungen benoetigt?
Besetzung: Welche Darstellerinnen und Darsteller werden an welchem Drehtag benoetigt?
Tipps fuer das Drehbuchschreiben in der Praxis
Wer ein Drehbuch fuer ein eigenes Filmprojekt schreibt, kann von folgenden Hinweisen profitieren:
Klein anfangen: Fuer ein erstes Filmprojekt empfiehlt sich eine einfache Geschichte mit wenigen Figuren, wenigen Schaupleatzen und einer klaren Handlung. Komplexe Erzaehlstrukturen und aufwendige Szenen erfordern Erfahrung.
Laut lesen: Dialoge sollten immer laut gelesen werden, um zu pruefen, ob sie natuerlich klingen. Was auf dem Papier gut aussieht, kann gesprochen holprig oder unnatuerlich wirken.
Ueberarbeiten: Ein gutes Drehbuch entsteht selten beim ersten Versuch. Planen Sie genuegend Zeit fuer Ueberarbeitungen ein. Jede Fassung sollte schaerfer, knapper und filmischer werden als die vorherige.
Feedback einholen: Lassen Sie andere Ihr Drehbuch lesen und fragen Sie nach ehrlichem Feedback. Aussenstehende bemerken oft Schwaechen und Unkklarheiten, die dem Verfasser oder der Verfasserin entgehen.
Filme analysieren: Studieren Sie die Drehbuecheer von Filmen, die Sie bewundern. Viele Drehbuecheer sind online oder in gedruckter Form verfuegbar. Der Vergleich zwischen Drehbuch und fertigem Film ist aeusserst lehrreich.
Tipps fuer das Storyboard-Zeichnen
Format beachten: Zeichnen Sie die Storyboard-Felder im korrekten Seitenverhaeltnis (typischerweise 16:9 fuer aktuelle Produktionen).
Kamerabewegungen markieren: Verwenden Sie Pfeile, um Kamerabewegungen und Figurenbewegungen innerhalb des Bildausschnitts zu kennzeichnen.
Schluesselmomente fokussieren: Nicht jede Sekunde des Films muss ins Storyboard. Konzentrieren Sie sich auf die Schluesselmomenge jeder Szene und auf Einstellungen, die technisch oder gestalterisch besonders anspruchsvoll sind.
Uebergaenge einplanen: Denken Sie an die Uebergaenge zwischen den Einstellungen. Wie passt das Ende einer Einstellung zum Anfang der naechsten?
Nummerierung verwenden: Versehen Sie jedes Storyboard-Feld mit einer fortlaufenden Nummer und einem Hinweis auf die entsprechende Drehbuchszene. Dies erleichtert die Kommunikation am Set erheblich, wenn etwa auf eine bestimmte Einstellung Bezug genommen werden muss.
Alternativen skizzieren: Fuer besonders wichtige Szenen kann es sinnvoll sein, alternative Storyboard-Versionen zu zeichnen. So stehen am Drehtag Ausweichmoeglichkeiten zur Verfuegung, falls die urspruenglich geplante Einstellung aus technischen oder raeumlichen Gruenden nicht realisierbar ist.
Das Drehbuch und das Storyboard sind die kreativen Fundamente, auf denen ein Film gebaut wird. Je sorgfaeltiger diese Planungsarbeit ausgefuehrt wird, desto reibungsloser verlaufen die Dreharbeiten und desto naeher kommt das Endergebnis der urspruenglichen kuenstlerischen Vision. Gleichzeitig sollte die Planung nicht als starres Korsett verstanden werden: Gute Filmschaffende bleiben offen fuer spontane Ideen und Veraenderungen, die sich aus der Dynamik der Dreharbeiten ergeben. Das Drehbuch und das Storyboard bieten die Orientierung, innerhalb derer kreative Freiheit erst moeglich wird.