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Zivilcourage
Mobbing und Beleidigungen gab es schon immer. Doch durch Social Media hat sich was verändert. Es braucht mehr Zivilcourage – offline und online.

 

Zivilcourage

Im Jahr 2019 kam eine Studie der Universität Wien zu dem Ergebnis, dass Jugendliche bei öffentlicher Demütigung im Netz den Opfern noch seltener zu Hilfe kommen, als bei Übergriffen im echten Leben. Viele Jugendliche würden Hass-Postings oder Bloßstellungen zwar mitlesen, allerdings die digitalen Überfälle auf andere Jugendliche ignorieren – vor allem aus Angst davor, selbst Opfer von Angriffen zu werden.

Drachengate
Welche Dimension Massenmobbing im Zeitalter von Social Media erreichen kann, zeigt der Autor und Netzaktivist Sascha Lobo in seinem Buch Realitätsschock. Darin wird die Geschichte von Rainer Winkler beschrieben, einem YouTuber, der täglich mit einer gewalttätigen Hetzjagd aus Drohungen, Beleidigungen und Beschimpfungen konfrontiert ist. Über Jahre hat sich eine Art "Anti-Fan-Community" gebildet, eine anonyme Übermacht aus Hatern und Mitläufern, denen die bösartigen Attacken und Hate-Pranks via YouTube und Twitter als Unterhaltung dienen. Ihr Handeln gipfelt in einer perfiden Schuldumkehr: Rainer Winkler sei selbst schuld an der Situation, er bräuchte nur aufzuhören YouTube-Videos zu machen. Dieses inakzeptable Treiben zeige "das Versagen einer Gesellschaft, die längst in weiten Teilen eine digitale ist, aber noch nicht verstanden hat, was daraus folgen sollte.", so der Autor Sascha Lobo.

Hass im Netz zurückdrängen
Feindselige Enthemmungen in Form von Hate Speech oder Cyber-Mobbing vergiften das gesellschaftliche Klima. Beliebte Ziele dieser Attacken und Anfeindungen sind Frauen, Menschen mit Beeinträchtigung und Minderheiten aller Art. Soziale Netzwerke, die diese Kommunikationskanäle zur Verfügung stellen, tragen eine Mitverantwortung und müssen in die Pflicht genommen werden. Wir alle sind gefordert uns die Frage zu stellen, welche Auswirkungen soziale Medien auf unsere Gesellschaft haben. Wie gelingt es uns, ethische Standards im Cyberspace zu etablieren und Hass im Netz zurückzudrängen?

Online Zivilcourage zeigen
Parallel zur gesellschaftlichen Debatte hat jede/r Einzelne die Aufgabe, aktiv am respektvollen Umgang mitzuwirken. Hater leben von ihrem Publikum, von Mitläufern, Schaulustigen und Zaungästen. Je mehr Personen im digitalen Alltag Zivilcourage zeigen, desto schwieriger fällt es Trollen ihren Hass zu verbreiten. Dazu gehört, welche Memes man selbst teilt, welche YouTube-Videos man liked und welche Kommentare man postet. Werden Grenzen überschritten, ist es wichtig zu reagieren, beispielsweise indem man disliked, entfolgt oder auch mal eine Gruppe verlässt. Wird man Zeuge von einer Attacke gilt es auch außenstehende Personen zu informieren. Oft verunsichert es Täter, wenn sie bemerken, dass das Opfer nicht alleine dasteht.

Gesetzeslage
Last but no least ist es auch wichtig, die aktuelle Gesetzeslage zu kennen: Seit Jänner 2016 ist Cybermobbing in Österreich ein Straftatbestand und kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr geahndet werden. Bei der Beratungsstelle #GegenHassImNetz können Hasspostings und Anfeindungen gemeldet werden.


STRATEGIEN ZUR SELBSTBEHAUPTUNG

Training Zivilcourage
Zivilcourage zu zeigen kann man lernen. Das Mauthausen Komitee bietet kostenlose Workshop und Trainings an, um die Sensibilität für zivilcouragiertes Handeln zu erhöhen und das eigene Verhaltensrepertoire auf unterschiedlichen Ebenen zu erweitern: https://www.zivilcourage.at

Die App Ban Hate
Für andere online einzustehen war noch nie so einfach: Mit der ersten Anti-Hassposting-App der Antidiskriminerungsstelle Steiermark hat man es selbst in der Hand etwas gegen Hass im Netz zu tun: https://www.banhate.com

Kontern mit Humor
Hetze im Netz ist keine Naturgewalt: Jede/r kann aktiv werden. Zum Beispiel mit den Memes, Gifs, Video und Sprüchen der Initiative "No Hate Speech", die sich europaweit für ein respektvolles Miteinander einsetzt. Hier kann man eigene Konter hochladen und sich am Gegensprechen beteiligen: https://no-hate-speech.de/de/kontern


Literatur

Sascha Lobo: Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart, Kiwi, Köln, 2019
Zoe Quinn: Crash Override. How Gamergate (Nearly) Destroyed My Life, and How we Can Win the Fight Against Online Hate, Public Affairs, 2018