Menschen

Das war die Woche der Medienkompetenz 2019 – Interview mit Christoph Kaindel

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„Weil wir beinahe unser gesamtes Wissen über die Welt aus Medien beziehen, ist die Bewertung von Informationen eine ganz entscheidende Kompetenz.“

Christoph Kaindel, der Koordinator der Woche der Medienkompetenz, hat gern Weitblick.
Foto: Christoph Kaindel

Lisa Badura: Ein beachtliches Programm hat die „Woche der Medienkompetenz“ heuer wieder zustande gebracht: Über 130 Aktivitäten wurden von Schulen und Universitäten, vom ORF und anderen Institutionen bundesweit initiiert und angeboten. Hat dich etwas besonders gefreut?

Christoph Kaindel: Ich habe mich in diesem Jahr besonders über die tatkräftige Unterstützung durch den oberösterreichischen Presseklub gefreut. Die haben sich wirklich ins Zeug gelegt und viele Angebote organisiert. Einige Zeitungen haben ihre Redaktionen für Schulklassen geöffnet, dazu gab es Führungen im ORF-Landesstudio in Linz und beim Regionalsender LT1.

Du selbst warst bei vielen Veranstaltungen vor Ort. Was waren deine persönlichen Highlights?

Du weißt ja, dass ich mich sehr für Spiele im Bildungskontext interessiere. Darum war ein Highlight für mich ein Workshop an der PH Wien, wo das Projekt GIRAT – Game Informed Recruitment and Assessment Tool – vorgestellt wurde, derzeit in der Pilotphase. Da geht es darum, wie Kompetenzen von Jugendlichen durch das gemeinsame Spielen ausgesuchter Games sichtbar gemacht werden können, zur Selbsteinschätzung, bei Jobmessen oder in Bewerbungsverfahren. Wir haben zwei Spiele, Keep Talking and Nobody Explodes und Spelunky, gespielt und danach über unsere Erfahrungen diskutiert. Sehr interessant, welche Eigenschaften durch gemeinsames Spielen zum Vorschein kommen, vor allem in den Bereichen Kommunikation und Kollaboration.

Thomas Kunze erläutert das Konzept von GIRAT – Game Informed Recruitment and Assessment Tool
Foto: Christoph Kaindel

Spannend fand ich auch eine „Public Value Lecture” an der FH Wien der WKW für Studierende des Studienzweiges Journalismus und Medienwissenschaft. Dort war am 21. Oktober Stefan Kappacher, Leiter des Medienmagazins #doublecheck auf Ö1, zu Gast. Er hat sehr offen und anschaulich über den Recherche-Alltag und die Qualitätssicherung in einem Radiosender erzählt, wie auch über die mögliche zukünftige Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Übrigens: Das Public Value Kompetenzzentrum des ORF ist meiner Ansicht nach noch zu wenig bekannt. Dort macht man sich Gedanken genau darüber, wie der ORF, der ja als großes Unternehmen einerseits etwas träge und andererseits durch gesetzliche Bestimmungen reguliert ist, auf Veränderungen in der Medienlandschaft reagieren kann und soll. Auf der Webseite sind viele Studien, Materialien und Videos zu finden, die zum Teil auch für den Unterricht geeignet sind. Hineinzuschauen lohnt sich, auf zukunft.orf.at.

Konrad Mitschka (li.) vom Public Value Kompetenzzentrum des ORF
im Gespräch mit Stefan Kappacher
Foto: Christoph Kaindel

Ob Cybermobbing, Fake News, Gaming, Propaganda im Film oder die Aufbereitung von Nachrichten – so unterschiedlich die teilnehmenden Institutionen waren, so unterschiedlich waren auch die methodischen Zugänge und Themengebiete. Welche Themen siehst du persönlich momentan als besonders dringlich im Schulkontext an? 

Ich halte tatsächlich den Themenkomplex Fake News/Propaganda derzeit für den wichtigsten. Weil wir beinahe unser gesamtes Wissen über die Welt aus Medien beziehen, ist die Bewertung von Informationen eine ganz entscheidende Kompetenz. In vielen europäischen Staaten ist es schwierig geworden sich Zugang zu unabhängigen Nachrichten zu verschaffen. Auch in Österreich wurde versucht, die Berichterstattung zu beeinflussen. Da heißt es wachsam sein und kritisches, also hinterfragendes Denken in der Schule zu fördern. Natürlich hängen das Thema Cybermobbing und Hassrede auch damit zusammen. Wie bei Fake News geht es da um emotional aufgeladene Inhalte und ihre virale Verbreitung bzw. besser Nicht-Verbreitung.

Ein Ziel der Woche der Medienkompetenz ist es, Schulen, (medienpädagogische) Institutionen und Medien zusammenzubringen. Ist dieses Vorhaben deiner Einschätzung nach heuer wieder aufgegangen?

Die Angebote von medienpädagogischen Einrichtungen werden, soweit ich das sehe, von Schulen gerne angenommen. Die Woche der Medienkompetenz kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem wir zeigen, welche Bandbreite an Angeboten es überhaupt gibt. Eine österreichweite Medienberichterstattung, die wir uns gewünscht hätten, gab es heuer leider nicht. Der KURIER, der im letzten Jahr sehr viel über die Woche der Medienkompetenz und einzelne Projekte berichtet hat, war nicht mehr als Medienpartner dabei.

Dafür gab es, wie gesagt, reichlich Unterstützung durch den oberösterreichischen Presseklub. Auf ORF III wurden zudem preisgekrönte Filmbeiträge des media literacy award [mla] ausgestrahlt. Die APA hat eine kostenlose Presseaussendung ermöglicht und für das nächste Jahr eine weitere Kooperation in Aussicht gestellt. Auch mit dem Verband der Regionalmedien sind wir im Gespräch. Immer mehr Medien werden also auf die Aktionswoche aufmerksam. Aber Pressearbeit braucht natürlich Zeit, und viele Gespräche.

Die Dringlichkeit von Medienkompetenz und Medienbildung kann man auch an der großen Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehen. Wenn alle Pläne aufgehen, wird die Woche der Medienkompetenz auch nächstes Jahr stattfinden. Welches Feedback und welche Reaktionen hast du von teilnehmenden Personen vernommen?

Alle Organisationen, die in den vergangenen Jahren dabei waren, haben ihre Angebote auch heuer wieder eingetragen. Und alle, mit denen ich spreche, halten die Aktionswoche für eine gute Sache. Ein wenig wird unser Aktivitätenkalender wohl dazu beitragen, die TeilnehmerInnenzahl der Veranstaltungen zu erhöhen. Vor allem aber wollen wir ja auf die Bedeutung von Medienkompetenz in all ihren Facetten hinweisen. Das sehen offenbar auch die Veranstalterinnen und Veranstalter so. Ich hoffe sehr, dass es die Woche der Medienkompetenz auch im nächsten Oktober wieder gibt.

Was würdest du dir für die WDMK im nächsten Jahr wünschen?

Wie immer wünsche ich mir mehr Beiträge aus den Bundesländern und mehr Beiträge aus Schulen. Dazu hoffe ich auf die verstärkte Teilnahme von Regionalmedien im nächsten Jahr. Ankündigungen in Regionalzeitungen oder freien Radio- und Fernsehsendern sollten die Bekanntheit der Aktionswoche kräftig steigern, und sowohl Anbieter als auch Schulen anregen, ihre medienpädagogischen Aktivitäten in den Kalender einzutragen oder neue Angebote zu entwickeln. Daraus könnten wieder spannende Projekte entstehen, über die in Regionalmedien berichtet werden kann – also ein Gewinn für alle Beteiligten.

Vielen Dank für das Interview!

Zur Person: Christoph Kaindel ist studierter Historiker und seit 20 Jahren als Medienpädagoge tätig, unter anderem war er pädagogischer Leiter des Vereins Wiener Bildungsserver und Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Wien. Daneben ist er auch als Grafiker und Cartoonist tätig. Sein Lieblingsthema ist Lernen durch Game Design. Bei mediamanual ist er für die Koordination der Aktionswoche „Woche der Medienkompetenz“ zuständig. Er lebt in Gablitz bei Wien.

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Vom 20. – 28. Oktober 2019 waren Schulen, Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler, Vertreter der Medien, der Wissenschaft und Kunst sowie NGOs und Politik eingeladen, sich aktiv mit eigenen Ideen und lokalen Aktivitäten österreichweit an der Woche der Medienkompetenz zu beteiligen.

Die Woche der Medienkompetenz hatte das Ziel, den Schwerpunkt Medienbildung in den gesellschaftlichen Mittelpunkt zu rücken. Kreative Ideen und kritische Impulse von MediennutzerInnen jeden Alters waren herzlich willkommen! Gemeinsam sollten Chancen und Gefahren im Umgang mit digitalen Medien sichtbar und nachvollziehbar gemacht werden.   

Nächstes Jahr findet die Woche der Medienkompetenz vom 18. – 26. Oktober 2020 statt.

Mehr Infos zur Woche der Medienkompetenz

Hinter den Kulissen: Fakten auf der Spur – die 6C des Gymnasiums Geblergasse in Wien zeigt wie es geht

 

Wie erkennt man „Fake News“ und welche Interessen stecken dahinter? Wie organisiert man eine eigene mediale Kampagne und klärt über Auswirkungen von manipulierten Meldungen auf?

 

Im Rahmen von „Digital Resistance“ (DigiRes) hat sich die 6C des Gymnasiums Geblergasse in Wien mit den Themen rund um Fake News, Desinformation und Manipulation befasst und dazu eigene Medienprojekte erstellt. Das von der EU geförderte Projekt DigiRes wurde initiiert, um im Sinne des Digital Citizenship-Ansatzes den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu bieten, gesellschaftliche Teilhabe auszuüben und durch eine eigenständige Wissensaneignung das selbständige Lernen zu fördern (Interview mit Johanna Urban von DigiRes hier).

 

Ich besuche die 6C, um mehr über die Projekte, die im Rahmen von DigiRes entstanden sind, zu erfahren. Zusammen mit seiner Kollegin Verena Nenning betreut Matthias Leichtfried das fächerübergreifende Projekt (Geschichte und Deutsch). Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Arbeiten bereits fertig gestellt. In Kleingruppen realisierten sie insgesamt fünf Videos und ein Comic.

 

Am Tag meines Besuchs wird der „Aktionstag“ geplant. Die Schülerinnen und Schüler haben sich in ihren Gruppen zusammengetan und besprechen den Ablauf ihrer Präsentationen. Am 18. Juni dürfen sie ihre Arbeiten im Rahmen eines Aktionstages vorstellen. Das Besondere dabei ist, dass die 6C ihre Projekte einem jüngeren Publikum präsentiert. Insgesamt neun Klassen aus der Unterstufe (der eigenen Schule und von Schulen im benachbarten Umfeld) werden am Aktionstag ins Gymnasium Geblergasse eingeladen, damit die älteren Schülerinnen und Schüler ihr erworbenes Wissen an die Jüngeren weitergeben.

 

Im Gespräch mit Matthias Leichtfried

 

Matthias Leichtfried / Gymnasium Geblergasse Wien

 

 

„Beim Peer-to-Peer-Teaching findet ein Perspektivenwechsel statt. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich selber überlegen, wie sie ihr Wissen aufbereiten und an andere weitergeben. Sie müssen die Inhalte wirklich gut verstehen. Dieser Perspektivenwechsel ist eine wichtige Erfahrung, die im Regelunterricht selten stattfindet.“

 

Matthias Leichtfried ist vom geplanten Wissenstransfer überzeugt. „Beim Peer-to-Peer-Teaching geht es ja nicht nur darum, dass die Schülerinnen und Schüler sich in der Klasse gegenseitig helfen, sondern auch darum, dass Ältere ihr Wissen an Jüngere weitergeben. Ich bin mir sicher, dass meine Klasse sehr stolz darauf sein wird, ihr selbst erworbenes Expertentum an die Jüngeren weiterzureichen. Außerdem findet ja dadurch auch ein Perspektivenwechsel statt. Die präsentierenden Schülerinnen und Schüler müssen sich selber überlegen, wie sie ihr Wissen aufbereiten und wie sie die Ergebnisse vorstellen. Sie merken dann plötzlich, was es heißt, vorne zu stehen und wie eine Lehrperson Inhalte weiterzugeben. Ich glaube, dass dieser Perspektivenwechsel eine sehr wichtige Erfahrung ist, da die Schülerinnen und Schüler die Inhalte wirklich gut verstehen müssen. Im Regelunterricht findet dieser Perspektivenwechsel ja leider meist nicht statt.“

 

Ich mische mich unter die Kleingruppen und lausche mit, was die 15- bis 16-Jährigen bei ihrem Aktionstag so vorhaben. Youssefs Gruppe hat sich mit dem Thema Verschwörungstheorien befasst. In ihrem Video lassen die Jugendlichen einen „YouTuber“ Falschmeldungen zu 9/11 verbreiten. Das Video soll loopartig abgespielt werden „um die Aufmerksamkeit noch mehr zu vergrößern“. Außerdem möchte Youssefs Gruppe im Rahmen ihrer Präsentation mit dem Publikum ein Memory und ein Kahoot spielen. „Diese Spiele müssen wir noch etwas planen, aber wir wollen auch was Interaktives dabeihaben, damit die Jungen was zu tun haben,“ fasst Youssef die Pläne für den großen Tag zusammen.

 

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Feingefühl gefragt – Ethik im Journalismus – Interview mit Beate Haselmayer (ORF)

 
Viele Medien lenken ihren Schwerpunkt vor allem auf die Zurschaustellung von Emotionen und sensationsgeladene Informationen. Vor allem Social Media Kanäle leben von der Schnelllebigkeit schlagzeilengetriebener Nachrichten und missachten mitunter Persönlichkeitsrechte und die Wahrung des Pressekodex’.

Wir wollen der Frage nachgehen, was Ethik im Journalismus bedeutet und wie man Medieninhalte aufbereitet, ohne die betroffenen Personen in ihren Persönlichkeitsrechten zu verletzen.

 

Gerade bei sozial heiklen Themen ist ethisches Gespür gefragt. Wie sehr darf man sich einem Menschen mit der Kamera nähern? Ihn in seiner Wohnung und Intimsphäre zeigen? Zur Erzählung von Lebensumständen und persönlichen Schicksalsschlägen ermutigen? Wie berichtet man über persönliche Missstände, ohne die Menschenwürde zu verletzen?

Kurzum, was bedeutet es, journalistisch verantwortungsvoll zu handeln?

 

Eine Journalistin, die mit der Gestaltung von Sozialreportagen betraut ist und sich dabei immer wieder mit der ethischen Dimension von Medieninhalten befasst, ist Beate Haselmayer. Sie ist Journalistin und arbeitet als Reporterin bei „Am Schauplatz“ (ORF). Im Fokus der wöchentlich erscheinenden Sendereihe stehen die Lebensumstände von Menschen, die von Armut, herausfordernden Ereignissen und Isolation betroffen sind. In ihren Reportagen beleuchtet Beate Haselmayer soziale Missstände und wie Betroffene das Sozialsystem in Österreich erleben.

 

Ich treffe Beate Haselmayer in ihrem Stammlokal (Café Weimar), im 9. Wiener Gemeindebezirk.

Mich interessiert vor allem, wie sie bei ihren Recherchen vorgeht, was für sie Ethik im Journalismus bedeutet und wie man medienkritisches Denken schon in der Schule fördern kann.

 

Ein Gespräch mit Beate Haselmayer 

 

Beate Haselmayer im Café Weimar (Foto: Lisa Badura)

 

„Mich interessiert, worin die Ressourcen von Menschen bestehen. Diese möchte ich aufzeigen, da man aus den Lebensgeschichten von Menschen sehr viel lernen kann.“

 

 

Die Frage nach „Inszenierung“ und „Realität“

 

Lisa Badura: Immer wieder hört man, dass Reportagen zum Teil inszeniert sind. Protagonistinnen und Protagonisten werden ermutigt, bestimmte Handlungen auszuführen, die sich gut in eine Geschichte einfügen, die aber nicht von ihnen selbst kommen. Viele Sender arbeiten auch mit „Sripted Reality“, also mit der zugrundeliegenden Methode, Regieanweisungen und Aussagen der handelnden Personen vorzugegeben. Man führt damit die Betroffenen vor, ohne ihnen eine eigene Stimme zu geben. Wie geht ihr bei „Am Schauplatz“ mit dem Thema um? Wie viel „Realität“ darf überhaupt sein?

 

Beate Haselmayer: Als Reporterin versuche ich, so viel Realität wie möglich einzufangen. Gemeinsam mit meinem Kamerateam will ich Situationen dokumentieren, die auch ohne uns stattfinden würden. Wir beobachten Geschehnisse. Wir greifen nicht ein. Scripted Reality und vorgegebene Sätze sind genau das Gegenteil von dem, was wir wollen: das Leben, ganz so wie es ist, darstellen.

Im Unterschied zu den klassischen Nachrichtensendungen, die Politikerinnen und Politiker interviewen, haben wir es oft mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu tun. Zum Beispiel mit Obdachlosen, Flüchtlingen oder Menschen, die sich in ungewollten Lebenssituationen befinden. Es geht bei uns um die Hintergründe dieser Situationen und Lebensgeschichten.

Nach den entsprechenden Recherchen zu einem bestimmten Thema und dem Auffinden passender Protagonistinnen und Protagonisten ist es üblicherweise so, dass wir telefonische oder persönliche Vorgespräche mit den Personen führen. Uns ist wichtig, die Betroffenen vor den Drehs erst einmal kennenzulernen und eine Vertrauensbasis zu entwickeln. Außerdem versuchen wir schon im Vorfeld abzuklären, was beispielsweise tägliche Routinen sind und wo sich der Protagonist oder die Protagonistin gerne aufhält. Wenn jemand etwa erzählt, dass er oder sie auf Einkäufe im Sozialmarkt angewiesen ist, schlagen wir vor, ihn oder sie bei einem Einkauf zu begleiten. Insofern ist bei uns nichts inszeniert. Nur der Zeitpunkt bestimmter Handlungen kann Drehplantechnisch bedingt abgemacht sein. Die Vorgespräche dienen also dazu, einen Drehplan zu entwickeln und abzuklären, welche Themen überhaupt angesprochen werden dürfen. Wichtig ist uns vor allem Authentizität. Keine der Handlungen vor der Kamera sind unsere Anweisungen oder unsere Ideen.

Oft ist es auch möglich, dass wir Menschen ohne genauen Drehplan mit der Kamera begleiten, weil sich aus der Situation heraus authentische Handlungen ergeben, beispielsweise wenn wir mit Sanitäterinnen und Sanitätern unterwegs sind oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Dann schauen wir einfach beim Dreh, was passiert. Auch spontane Interviews auf der Straße sind bei uns üblich. Wir klären immer vorher mit den Interviewpartnerinnen und -partnern ab, wofür das Material gedreht wird, wo es gesendet wird und klären auf, dass jede Aussage natürlich freiwillig ist.

 

 

Persönlichkeitsrechte und Schaulust

 

Lisa Badura: Wie wahrt man die Persönlichkeitsrechte und die Integrität trotz „Zurschaustellung“ einer Person? Wann muss man als Journalistin oder Journalist wissen, dass die Kamera besser ausmacht wird bzw. man diese vielleicht gar nicht erst anschaltet?

 

Beate Haselmayer: Bei unseren Vorgesprächen – mit Menschen in sehr schwierigen Situationen besprechen wir meist vorher, wie das Interview ablaufen wird – klären wir heikle Themen, die nicht vor der Kamera besprochen werden sollen, immer ab. Wenn wir beispielsweise mit einem Gewaltopfer reden, ist es nicht unser Ziel, bis ins letzte Detail nachzubohren, wann und wie die Gewalt erfahren wurde, sondern eher zu zeigen, wie diese Person hier und heute lebt, mit ihrem Schicksal umgeht und wie sich die Lebensumstände verändert haben. Ich merke immer wieder, dass einige Menschen die Chance nutzen wollen, vor der Kamera ihre Stimme zu erheben und ihre Perspektive darzulegen.

Das ist es auch, was mich an meiner Arbeit antreibt. Mich interessieren Menschen. Jeder Mensch hat Ressourcen. Und mich interessiert, worin diese Ressourcen bestehen. Wie machen Menschen das Beste aus ihrer Situation? Wie gehen sie mit ihrem Schicksal um? Man kann aus den Lebensgeschichten anderer Menschen sehr viel lernen.

 

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Crossing Europe – YAAAS! COMPETITON

 

 

YAAAS! zu rufen bedeutet euphorisch „JA!“ zu sagen. Das Crossing Europe Filmfestival, das seit nunmehr 16 Jahren in Linz stattfindet, hat „Ja!“ zu einer neuen Jugendschiene gesagt und somit eine vierte Wettbewerbssektion dazubekommen, die sich speziell an junges Publikum richtet.

 

Das ganzheitliche Angebot an Filmvermittlung, Erwerb von Medienkompetenz und einer Vielzahl an Workshops richtet sich an Jugendliche von 15 bis 20 Jahren, die so auch die Chance erhalten, sich mit internationalen Medienprofis auszutauschen, zu diskutieren und eigene Produktionen zu schaffen.

 

Wir waren dort, haben das vielfältige Angebot miterlebt und waren beeindruckt.

 

Ein Beitrag von Renate Holubek und Angelika Fürst.

 

 

 

Interview mit Robert Hinterleitner, dem Leiter der YAAAS! Jugendschiene:

 

Wir sind hier in einem der Workshop-Räume, kannst du uns zu Beginn erzählen, welchen Ansatz ihr mit eurem Workshop-Konzept verfolgt?

 

Robert Hinterleitner: Bei den Videoworkshops gibt es insgesamt drei Gruppen, mit jeweils einem Mentor oder einer Mentorin. Wir nennen die Workshopleiterinnen und Workshopleiter  „Mentorinnen“ und „Mentoren“, weil diese nicht in die Arbeit der Jugendlichen eingreifen, sondern die jeweils acht Schülerinnen und Schüler lediglich bei ihrer Arbeit unterstützen. Die Schülerinnen und Schüler kommen aus verschiedenen Schulen und haben unterschiedliche Vorkenntnisse. Es geht hier nicht um Wettbewerb, sondern um den Schaffensprozess und um die Möglichkeit, sich in Fachgebieten wie Kamera, Schauspiel, Ausstattung, Sound und Licht weiterzubilden.

 

Wie bist du auf die Idee gekommen, die „YAAAS!“ Jugendschiene ins Leben zu rufen?

 

Ich bin ja schon einige Jahre auf Jugendfestivals unterwegs (u.a. media literacy award [mla] oder Camera Zizanio in Griechenland) und es war mein Wunsch, neben meiner Tätigkeit in der Schule (Anm.: HBLA für Künstlerische Gestaltung Linz) auch nach draußen zu gehen. Ich bin schon lange bei Crossing Europe dabei und schätze das Festival sehr, besonders weil hier sehr auf gute Kontakte geschaut wird. Dementsprechend entstand die Idee, entweder ein selbstständiges Festival im Bereich Schul- oder Jugendfilm zu gründen oder eine Kooperation mit dem Crossing Europe einzugehen. Und bereits von Beginn an war zudem die Kernidee einer Produktionsschiene vorhanden, in der Schülerinnen und Schüler selbst Videos in gemischten Teams produzieren sollten.

Die Erweiterung des Festivals im Jugendbereich hat Christine Dollhofer, der Leiterin von Crossing Europe, gut gefallen und so konnten wir das gesamte Know-how des Festivals nutzen, was die Organisation für uns enorm erleichtert hat.

 

Ein wesentlicher Teil der YAAAS! Jugendschiene ist das sogenannte „Young Programmers“-Format. Wie funktioniert das?

 

Jugendliche werden von uns eingeladen als KuratorInnen, also als Young Programmers, tätig zu sein. Das heißt wir legen den Jugendlichen eine größere Auswahl an Filmen vor, wo wir meinen, dass diese für ein jugendliches Publikum interessant sind.

Im konkreten Fall wurden fünfzehn Filme von den Young Programmers angesehen – sechs davon haben sie für die Jugendschiene ausgewählt — allesamt Filme, die besonders für das Jugendalter passend sind. In speziellen Schulfilmvorführungen präsentieren die Young Programmers dann diese Filme und moderieren die anschließenden Gespräche mit den Filmgästen auf der Bühne. Die zentrale Idee ist, die Profis direkt mit den Jugendlichen zusammenzubringen.

 

Ein anderes Format von YAAAS! nennt sich „Face-To-Face“. Kannst du erklären worum es dabei genau geht?

 

„Face-To-Face“ bietet Jugendlichen die Möglichkeit, direkt mit Filmprofis aus dem In- und Ausland ins Gespräch zu kommen. In Form von „Speed Dates“ sitzen die Jugendlichen einer Reihe von Profis gegenüber, die aus unterschiedlichsten Bereichen kommen. Wir versuchen dabei ein breites Spektrum anzubieten, u.a. Schauspiel, Regie, Produktion, Festivalleitung bis hin zu Filmkritik. In Gruppen von bis zu drei Personen können die Jugendlichen innerhalb von 15 Minuten alle Fragen stellen, die ihnen einfallen. Dann wird gewechselt.

 

Haben sich die Schülerinnen und Schüler auf die Gespräche vorbereitet?

 

Mehr oder weniger: Manche bereiten sich besser vor, andere weniger — so wie es in der Schule eben ist. Uns war es jedenfalls wichtig, das Setting im Vorfeld zu vermitteln, die Gäste vorab vorzustellen und Schulmaterialien zu den Filmen zur Verfügung zu stellen.

(Hier finden Sie das Programm der Film-Screenings und die erwähnten Schulmaterialien.)

 

Wir waren erstaunt, dass der Ursulinensaal, in dem wir am Vormittag den Film „Schwimmen“  von Luzie Loose gesehen haben, randvoll mit Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrerkräften war. Wie viele Personen fasst er?

 

Wir hatten heute 294 Personen in der Vorstellung.

 

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Werbekompetenz im digitalen Zeitalter – Influencerinnen und Influencern auf der Spur

 


„Ich poste Bilder, die ich schön finde, denn das macht ein Profil ja erst authentisch. Mein Geld verdiene ich dann mit Kooperationen. Die Firmenkaufen Pakete – eine gewisse Anzahl von Beiträgen, in denen ich ihr Produkt bewerbe. Ich habe eine Preis-Leistungs-Liste, wie ein Friseursalon. Diese Postings kennzeichne ich als Werbung, wie es das Mediengesetz vorschreibt.“

 

(Leonie Rachel, Influencerin / Zitat aus standard-Interview entnommen*)

 

 

 

Lässige Posen. Coole Outfits. Fotos und Videos, die scheinbar mühelos und ohne Inszenierungsgedanken entstanden sind. So präsentieren sich angesagte Influencerinnen und Influencer in Social Media Kanälen wie Instagram, YouTube und auf Blogs. Präsentiert werden meist Produkte rund um Mode, Beauty, Lifestyle, Sport und Reisen. Dass hinter den Aufnahmen vor allem marktwirtschaftliche Interessen und knallhart ausverhandelte Verträge mit den entsprechenden Firmenkonzernen stecken, wissen vermutlich eher wenige.

Wie wäre es, selber mal in die Rolle einer Influencerin oder eines Influencers zu schlüpfen? Selber zu überlegen, wie man ein Produkt für Instagram ins rechte Licht rückt? Würde man dann besser verstehen, welche Prozesse und Überlegungen hinter den Inszenierungen stehen?

Jugendliche eines deutschen Gymnasiums durften Fotos und Videos erstellen, um herauszufinden, worauf es bei angesagten Instagram-Aufnahmen ankommt. Das folgende Beispiel möchte aufzeigen, wie die Vermittlung von Werbekompetenz im digitalen Zeitalter aussehen kann – und durch einfache Methoden dazu einladen, sich mit dem Thema in der eigenen medienpädagogischen Arbeit auseinanderzusetzen.

 

Im Gespräch mit Julian Lochowicz

 

 

Julian Lochowicz

 

Eine Person, die sich mit dem Phänomen der Influencer und Influencerinnen auskennt und immer wieder Workshops in aktiver Medienarbeit anbietet, ist Julian Lochowicz. Er ist Medienpädagoge und hat seine Magisterarbeit über die Förderung von Werbekompetenz anhand einer Projektarbeit über Influencer-Marketing geschrieben. Ausgangspunkt seiner Forschungsarbeit war die Konzipierung, Durchführung und Evaluation eines fünfstündigen Workshops, den Julian Lochowicz im Heinrich-Böll-Gymnasium in Saalfeld in Thüringen (D) abgehalten hat.

 

„Bei keinem anderen Werbeformat greifen Emotionen, Authentizität und gekonntes Storytelling so gut ineinander wie beim Instagram-Marketing.“

 

Ich treffe Julian Lochowicz in einem Wiener Café, um mehr über seine medienpädagogische Herangehensweise zu erfahren und mir Fotos seines Workshops zeigen zu lassen. Julian ist selbst begeisterter Instagram-Nutzer und stellt regelmäßig Content auf die Plattform. Um so wichtiger ist ihm, dass junge Menschen verstehen, was sie medial umtreibt: „So vieles ist heutzutage Fake. Followerzahlen kann man zum Beispiel kaufen. Im Hintergrund treiben Bots Zahlen künstlich in die Höhe. Jugendliche wissen oft gar nicht, dass vermeintliche Popularität käuflich ist. Mir ist es ein Anliegen, dass Jugendliche ein Verständnis dafür bekommen, was ethisch nicht korrekt, aber technisch machbar ist, um Abläufe in Social Media zu durchschauen.“

 

Zur Durchführung des Workshops

 

Als Julian Lochowicz in die Klasse der Altersgruppe 14-15 Jahre eingeladen wurde, war sein Ziel, eine mediale Bewusstseinsbildung mittels der handlungsorientierten Medienpädagogik herbeizuführen. Aufbauend auf sein selbst konzipiertes Curriculum (s. Anhang) gliederte er den Workshop in drei Arbeitsphasen:

 

  1. Einführung durch theoretischen Input mit Diskussion im Plenum
  2. Die freie Erarbeitung der Thematik mittels aktiver Medienarbeit in Kleingruppen
  3. Abschluss durch Reflexion und Feedback

 

Erstellung eines Influencer-Profils

 

 

Zu Beginn des Workshops diskutierten die Schülerinnen und Schüler, was Influencerinnen und Influener ausmacht. Im Zentrum standen die Fragen, welche Inhalte häufig vorkommen und was Abonnenten-Zahlen bedeuten. Auch rechtliche Grundlagen wurden in der Einführungsphase eingebracht und diskutiert. Julian klärte die Jugendlichen darüber auf, dass laut dem Mediengesetz* eine Werbungs-Kennzeichnungspflicht notwendig und „Schleichwerbung“ verboten ist.

 

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Medienkritik und Medienanalyse: Historischen Bildern auf der Spur – Waldheims Walzer im Österreichischen Filmmuseum

 

„Er schien sein Volk umarmen, umschlingen zu wollen.“

(Ruth Beckermann, Regisseurin von „Waldheims Walzer“)

 

 

Im April widmen wir uns dem Thema „Medienkritik und Medienanalyse“ und fragen uns, wie man sich Medienkritik und Medienanalyse in der medienpädagogischen Arbeit nähern kann. Zu welchen Erkenntnissen kann uns der Einblick in historisches Filmmaterial führen? Wir schlagen eine Spurensuche im Österreichischen Filmmuseum vor und zeigen ein Beispiel auf, bei dem Bilder politischer Inszenierungen die Gelegenheit boten, in vergangene Bilderwelten einzutauchen.

 

Im Rahmen der „Woche der Medienkompetenz“ arrangierte das Österreichische Filmmuseum vergangenen Herbst eine Schulvorstellung zum Film „Waldheims Walzer“ und lud zum anschließenden Publikumsgespräch mit Regisseurin Ruth Beckermann ein. Der Dokumentarfilm ist inzwischen vielfach ausgezeichnet, u.a. in der Kategorie „Bester Kinodokumentarfilm 2019“ auf der diesjährigen DIAGONALE.

 

Katharina Müller vom Österreichischen Filmmuseum im Gespräch mit Ruth Beckermann (Foto: Lisa Badura)

 

Im Dokumentarfilm „Waldheims Walzer“ (2018) zeichnet Ruth Beckermann anhand von Archivmaterial den Wahlkampf des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten im Jahr 1986 nach. Die Lücken in der Kriegsbiografie des Politikers bilden die Ausgangsfrage des Films.

Ein Großteil des Archivmaterials zeigt einen Mann, der als öffentlichkeitswirksamer, charismatischer und familienfreundlicher Staatsmann inszeniert wird. Wie hätte man solch einem Mann nicht das repräsentativ höchste Amt in der Republik zutrauen können? Entsprechend großen Rückhalt genoss der Politiker in der Bevölkerung und wurde bekanntlich – wenn auch knapp – 1986 zum Bundespräsidenten gewählt.

 

„Er schien sein Volk umarmen, umschlingen zu wollen,“ ist eine Aussage, die ziemlich zu Beginn des Films aus dem Off kommt und von der Regisseurin selbst stammt. Viele der während des Wahlkampfes entstandenen Aufnahmen gehen noch heute unter die Haut. Es sind Bilder, die verführen und emotional bewegen. Sie zeigen Frauen und Männer, die dem Politiker freudig zujubeln und in die Kamera winken. Es sind affirmative Bilder, die die positive Aura und Reputation des Präsidentschaftskandidaten bestärkt haben dürften.

 

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=g5-SFTA5Cjw&feature=youtu.be

 

Während des Publikumgesprächs berichtete Ruth Beckermann über ihre herausfordernde Rolle im Rahmen des Filmprojekts. Sie war nicht nur Dokumentierende, sondern auch DemonstrierendeIm Film kommen nämlich auch jene Bilder zum Vorschein, die zu Zeiten des Wahlkampfes laut Aussage der Regisseurin von den öffentlich-rechtlichen Medien selten gezeigt wurden. Zum einen handelt es sich um selbst gedrehtes Filmmaterial (von damaligen Demonstrationen, Manifestationen und Kunstaktionen) als auch um Material aus diversen Archiven (Archiv des ORF, Staatsarchive aus dem ehemaligen Jugoslawien, Archiv des Jüdischen Weltkongresses), das die Regisseurin miteinander verwebt und somit auch die andere Seite des Politikers zeigt.

 

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Frauen und Medien – Interview mit Gabriele Gundacker

 
Große Augen, schmales Gesicht, hohe Wangenknochen. Immer wieder untermauern diese Merkmale das weibliche Schönheitsideal. Auch im jüngsten Fotoprojekt des britischen Fotografen Rankin kam das von Jugendlichen gewünschte Selbstbild auf eindrucksvolle Weise zum Vorschein. Wie geht man mit der zunehmenden Bedeutung von Social Media wie Instagram und den Einfluss auf das Selbstbild(nis) um? Wie verändert sich das Bild der Frau in den Medien und welches Rüstzeug kann man Jugendlichen beim Heranwachsen mitgeben?

 

Wir haben mit zwei Frauen gesprochen, die dieses Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven bewerten und angehen.

 

Gabriele Gundacker, Gesundheitspsychologin im F.E.M.

 

Mädchen wollen nicht hören, dass sie sich in Schablonen pressen lassen. Viel sinnvoller ist es, sie selbst reflektieren zu lassen, welche Bilder über Frauen und Männer sie wahrnehmen.

 

 

 

Lisa Badura: Gabi, du bist Gesundheitspsychologin und arbeitest in der Frauen- und Mädchenberatung. Stichwort „Frauen und Medien“: Unsere Medien vermitteln nach wie vor Geschlechter-Stereotype und beeinflussen somit das Rollenbild von Heranwachsenden. Gibt es Möglichkeiten, wie man mit Mädchen – und auch Jungen – die von vielen Medien klischeehaften Abbildungen gut reflektieren kann?

 

Gabriele Gundacker: Diskutieren, hinterfragen und Blickwinkel erweitern. Wesentlich ist zu überlegen, was für Ansatzpunkte es gibt und welche Überlegungen ich im Hinterkopf habe. Worum geht es und was möchte ich mit den Methoden erreichen? Konkrete Methoden findet man überall – als Tipp: http://www.give.or.at/material/ oder man kommt zu einem unserer momentan kostenlosen Fortbildungsworkshops im Frauengesundheitszentrum F.E.M.

Bei meiner Arbeit mit Mädchen im FEM mache ich immer wieder die Erfahrung, dass es wenig bringt, die Mädchen auf die Manipulation durch Medien hinzuweisen. Dabei erlebe ich oft, dass sie sich persönlich nicht betroffen fühlen und schon gar nicht hören wollen, dass sie sich in Schablonen pressen lassen. Viel sinnvoller finde ich es, Fragen zu stellen und andere Perspektiven aufzuzeigen und sie selbst reflektieren zu lassen, welche Bilder über Frauen und Männer sie wahrnehmen, welche Schönheitsideale sie erleben und womit sie sich identifizieren können und womit nicht. Es ist wichtig, selbst zu erkennen, wenn man manipuliert wird. Gerade Jugendliche haben meist einen sehr gut ausgeprägten Widerspruchsgeist in sich. Sie können sich in realen Situationen gut gegen Vorschriften zur Wehr setzen, die sie nicht sinnvoll finden und wollen selten so sein wie alle anderen. Diesen Widerspruchsgeist gilt es zu wecken und zu fördern und seine Kraft auch auf Bereiche zu lenken, wo Jugendliche vielleicht manchmal unkritischer sind.

 

Je mehr positive Körpererfahrungen ich mache, desto eher fühle ich mich im eigenen Körper wohl.

 

Stichwort „Körperbild“: Viele Abbildungen der digitalen und analogen Medien zeigen unnatürliche Formen von weiblicher „Schönheit“ und „schlank sein“. Wie kann man helfen, bei heranwachsenden Frauen ein positives und gesundes Körperbild zu etablieren? 

 

Es geht darum, bestimmte Themen im Auge zu behalten, immer wieder mitzudenken und mit den Jugendlichen zu diskutieren. Oftmals geht es um Haltungen und möglichst unterschiedliche Zugänge, über die ein Thema bearbeitet wird. Je unterschiedlicher und vielfältiger, desto eher kann eine Veränderung erreicht werden. Ich finde es immer wichtig, zunächst einmal die eigene Haltung und die eigenen Verhaltensweisen zu reflektieren. Wir alle sind geprägt und beeinflusst von den Bildern, die wir täglich sehen und von den gesellschaftlichen Bezugspunkten, mit denen wir aufwachsen. In den Fortbildungen, die ich für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren im Bereich Jugendarbeit anbiete, bitte ich immer einmal zu überlegen, wie man selber zum Thema Gewicht und Körper steht. Wie kritisch ist man selbst dem eigenen Körper gegenüber? Wie oft macht man anderen Komplimente, wenn sie an Gewicht verloren haben oder Kleidung tragen, die eine schlanke Silhouette machen? Welche Bilder verwendet man in der Arbeit mit Jugendlichen – wie werden die Frauen dargestellt? Gibt es eine gewisse Vielfalt an unterschiedlichen Frauentypen und dargestellten Rollenbildern?
Das sind keine speziellen Methoden, aber Überlegungen die wichtig sind, weil sie sich durch alle Bereiche der Arbeit mit Mädchen und Burschen ziehen und nicht nur punktuell wirken. Aber natürlich gibt es auch ganz konkrete Bereiche, die man aufgreifen kann. Etwa das Thema Körpergefühl und Körperwahrnehmung. Je mehr positive Körpererfahrungen ich mache, desto eher fühle ich mich im eigenen Körper wohl. Das können Bewegungserfahrungen sein oder ein Überlegen, was meinem Körper guttut. Oder man macht Körperwahrnehmungsübungen. Ganz wesentlich ist in diesem Zusammenhang natürlich auch das Thema Grenzen. Grenzen der Intimität und auch das Spüren und Erfahren von den eigenen Körpergrenzen. Methoden zu all diesen Themen und Ansatzpunkten gibt es viele. Welche man gerne einsetzen möchte, hängt auch von der eigenen Person ab. Ich glaube, dass es wichtig ist, Methoden zu wählen, die man selbst ausprobiert hat und gerne mag und die man authentisch und begeistert weitergeben kann.

 

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Feminismus auf Instagram – Interview mit Lea Wegner

 

Lea Wegner, Zeichnerin und Illustratorin

 
 

Es geht darum, die grenzenlosen Möglichkeiten ungehindert ausschöpfen zu können. Stereotype sind für mich eine Einengung der eigenen Möglichkeiten und Entwicklung des Charakters.

 

 

 

Wie sehen Bilder von Frauen aus, die nicht gefallen wollen? In Lea Wegners Zeichnungen haben Frauen große Bäuche und Haare an den Beinen. Lea Wegner kämpft gegen ein negatives Körperbild und veröffentlicht ihre Bilder auf Instagram.

 

Lisa Badura: Du bist leidenschaftliche Zeichnerin, hast Graphik und Buchkunst studiert und beschäftigst dich mit feministischen Themen. Deine Zeichnungen zeigen Frauen mit Lebenslust und Selbstbewusstsein. Sie entsprechen aber nicht dem gängigen Frauen-Ideal. Deine Frauen wollen nicht gefallen. Was fasziniert dich an „Gegen-Bildern“? Gegen was kämpfst du an?

 

Lea Wegner: Ich würde meine Zeichnungen gar nicht als so provokativ oder „Gegen-Bilder“ bezeichnen, sondern als realistisches Abbild der Menschen.

Im Endeffekt versuche ich Körper einfach so zu zeigen, wie sie im realen Leben aussehen, ohne Photoshop und ohne gängige Ideale, davon gibt es ja immerhin schon genug. Schönheitsideale sind unrealistisch und für viele auch unerreichbar. Ihnen nachzueifern ist eigentlich nur schmerzvolle Zeitverschwendung. Wir haben nun mal Dellen, die auch mit noch so viel Sport nicht verschwinden, mit der Zeit hängen Brüste, Pickel können wir nicht wegretuschieren, Haare wachsen nach und haben vielleicht auch an manchen Stellen ihre Berechtigung. Meine Ohren würde ich auch nicht abschneiden nur weil das 2019 vielleicht trendy ist. Wenn diese Dinge von allen als so normal angesehen werden würden, wie sie nun mal sind, wären sie für viele von uns auch einfach nicht so schlimm. Und um diese Normalisierung geht es mir.

 

 

 

Deine Zeichnungen strotzen vor Ironie und Humor. Kann man mit Ironie leichter ernste Themen anpacken? Was ist der Schlüssel von Ironie?

 

Ja. mit Humor kann man meiner Meinung nach einfach mehr Menschen erreichen bzw. vielleicht einen leichteren Zugang zu vielen, manchmal komplizierteren Themen finden.

 

Viele Abbildungen unserer digitalen und analogen Medien scheinen mit ihren Männer- und Frauen-Stereotypen oftmals Lichtjahre von einem gleichberechtigten und authentischen Körperbild entfernt zu sein. Was erhoffst du dir für die kommende Generation? Hast du die Hoffnung, dass heutige Jugendliche zunehmend reflektierter und milder mit ihrem eigenen Körperbild umgehen? Oder verschärft sich das Körper-Urteil über sich selbst zunehmend?

 

Natürlich hab ich diese Hoffnung 😀 !

Einerseits habe ich das Gefühl, dass Jugendliche heute mehr Möglichkeiten haben sich zu vernetzten, zu informieren und Zuspruch zu finden, den sie in ihrem direkten Umfeld vielleicht nicht bekämen. Zum anderen sind das Internet, Social Media, Instagram und Co. starke Plattformen zur Propagierung gängiger Schönheitsideale, Gendernormen und so weiter. Also Vor- und Nachteil. Allerdings hat man eben die Freiheit, sich aus einem riesigen Pool an Information und Content auszusuchen, mit was man sich beschäftigen will. Ein bisschen Eigenverantwortung ist natürlich auch immer dabei 😉

 

 

 

Wir haben bald den 8. März: Weltfrauentag. Deine Ausdrucksform ist die Kunst. Gedankenspiel. Du hast eine Gruppe von Mädchen vor dir und dürfest mit ihnen einen Tag lang zeichnen und malen. Wie würdest du ihnen deine „Mission“ schmackhaft machen? Hättest du Ideen, wie man Jugendliche an das Thema „Stereotype und Geschlechterrollen“ heranführt?

 

Wichtig ist immer der Erfahrungsaustausch, neuer Input, andere Blickwinkel, Diskussionen und ehrliche Gespräche miteinander und ein Heraustreten aus der eigenen Komfortzone. Natürlich mit Humor und Leichtigkeit aber eben auch mit dem manchmal nötigen Ernst. Was sich für mich richtig anfühlt, muss für andere nicht gelten, das ist immer wichtig im Hinterkopf zu behalten. Anderen die Freiheiten zu lassen, sich so wohl zu fühlen wie sie es für richtig halten, solange sie niemand anderen damit einschränken und/oder verletzten natürlich! Wenn man sich wohl fühlt in einer dieser Rollen ist das auch gut. Es geht nicht darum, dass Mädchen nicht mehr mit Puppen spielen dürfen oder nur noch Mechanikerinnen werden sollen. Es geht darum, die grenzenlosen Möglichkeiten ungehindert ausschöpfen zu können. Stereotype und Geschlechterrollen sind für mich eine Einengung der eigenen Möglichkeiten und Entwicklung des eigenen Charakters. Stereotype bedeuten auch die Einengung anderer Menschen, wenn ich sie beispielsweise für ihr „nicht gendergerechtes Verhalten “ herabsetze. Wieso Menschen in Kategorien stecken? Wieso nicht Menschen als Individuen betrachten, anstatt eine zweigeteilte Welt in rosa und blau. Fernab dieser Normen können Menschen sein, wer sie sein wollen und nicht wer sie sein sollen.

 

Liebe Lea, vielen Dank, dass du deine vielen spannenden Gedanken mit uns geteilt hast!

 

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Wie Digitale Grundbildung den Unterricht bereichern kann – Interview mit Klaus Himpsl-Gutermann (PH Wien)

 

Prof. Klaus Himpsl-Gutermann

 

Lisa Badura: Digitale Grundbildung ist in aller Munde. Du bist in der Lehrerfortbildung tätig, befasst dich u.a. mit Life-Long Learning, eLearning und didaktischen Konzepten.

Was hat sich auf Seiten der Lehrerfortbildung seit der Einführung der Digitalen Grundbildung verändert? Worauf legt ihr verstärkt Fokus?

 

Klaus Himpsl-Gutermann: In der Fortbildung haben sich einerseits die Formate, andererseits auch die Inhalte verändert. Unsere Angebote sind vielfältig. Im sehr beliebten (einmaligen) Nachmittags-Workshop können die Lehrkräfte aus einem breiten Themenspektrum (etwa 50 pro Semester) wählen. Hier gilt: Das Ausprobieren von Hands-on und vielen praktischen Beispielen, um ein Gefühl für die unmittelbare Anwendung im Unterricht zu bekommen. Wir bieten auch Lehrgänge im Blended-Learning-Format (2 bis 4 Semester) und ein Programm zur „Schulentwicklungsbegleitung“ an. Dies ist eine Mischung aus Fortbildung, Entwicklungsprojekt und Schulentwicklungsberatung. Auch inhaltlich hat sich das Spektrum wesentlich erweitert. Nach wie vor wichtig ist der Bereich der Mediendidaktik: Wie nutze ich (digitale) Medien professionell, gewinnbringend und didaktisch versiert für die Unterrichtsvorbereitung und -gestaltung? Immer wichtiger geworden sind gesellschaftlich brennende Fragen rund um die Digitalisierung in Alltag und im Beruf. Hier ermutigen wir dazu, eine kritisch-reflektierte Haltung zu Themen zu entwickeln. Stichwort: Der richtige Umgang mit Social Media, künstlicher Intelligenz und fortschreitender Automatisierung.

 

 

Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts heißen u.a. Problemlösungskompetenz und Kreativität.

Gibt es einfache, aber gute didaktische Methoden für den Unterricht, die du deinen Studentinnen und Studenten immer wieder gerne weiterempfiehlst?

 

Hier müssen wir ehrlicherweise zugeben, dass in der Vergangenheit auch Fehler gemacht worden sind. Beispielsweise dass der Informatikunterricht zu anwendungsorientiert und lediglich auf die Office-Programme (Stichwort ECDL) ausgerichtet war. Die Programme sind nach wie vor nicht bedeutungslos, aber entscheidender ist doch, das grundlegende informatische Denken zu fördern und nicht aufzuhören, hinter die Funktionsweisen der Technologien zu schauen. In den Computational-Thinking-Ansätzen wird das gekoppelt mit einer speziellen Didaktik: Schülerinnen und Schüler gehen von einer realen Problemstellung aus und je nach Altersstufe entwickeln sie die Lösungsansätze. Als wichtig erachten wir, dass neben bewährten Problemlösestrategien eben auch eigene, kreative Ansätze ausprobiert werden. Ganz entscheidend ist hierbei das aktive Tun der Lernenden in vielen Phasen des Unterrichts. So praktizieren wir das auch in den Konzepten der Lernräume „Future Learning Lab“ und „Education Innovation Studio“. Mit ganz simplen „didaktischen Tricks“ geht das eher nicht. Es gehört immer ein Verständnis für das Gesamtkonzept dazu. Eine grundlegende Botschaft lautet: Weniger Vermittlung und bloßes Nachahmen vorgegebener Rezepte! Mehr Eigenaktivität der Lernenden zulassen! Dieser Prozess muss gut vorbereitet und betreut werden (wie beispielsweise bei den Flipped-Classroom-Ansätzen). Genau hier können Digitale Medien wie Videos, interaktive Übungen oder AR/VR-Anwendungen in vielen Phasen sehr gut unterstützend eingesetzt werden.

 

 

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Fachtagung „Wie kann Medienbildung im Schulalltag gelingen?“

 

Digitale Grundbildung im Schulalltag verankern – aber wie? Die diesjährige Fachtagung erörterte theoretische und praktische Aspekte der neuen verbindlichen Übung und zeigte Best Practice Beispiele auf.

 

Auch in diesem Jahr wollten wir in unserer Fachtagung der Frage auf den Grund gehen, wie Medienbildung im Schulalltag gelingen kann. Mit Beginn des Schuljahres 2018/19 wurde im Lehrplan die verbindliche Übung „Digitale Grundbildung“ für alle Schulen der Sekundarstufe I (NMS und AHS) flächendeckend eingeführt.

 

Wir haben diese Neuerung zum Anlass genommen, uns in der diesjährigen Fachtagung der Erörterung von Chancen, Herausforderungen und Perspektiven der „Digitalen Grundbildung“ zu widmen. In zwei Panels wollten wir mit unseren Gästen die theoretischen und praktischen Aspekte von Medienbildung und Digitaler Grundbildung thematisieren sowie Strategien für Beispiele gelungener Medienkompetenz diskutieren.

 

v.l.n.r.: Julia Wippersberg, Christian Swertz, Alicia Bankhofer, Gerhard Brandhofer, Conny Lee (Foto: Hans Hochstöger)

 

Die zentralen Fragen

 

Die zentralen Fragen der Tagung lauteten wie folgt: Was kann und soll Bildung leisten? Wie muss Unterricht im „Internetzeitalter“ – wo man Wissen „googeln“ kann – aussehen? Für welche zukünftige Gesellschaft müssen wir unsere Kinder vorbereiten, damit ihr Leben gelingt?

Eingeladen waren Lehrende aus der Bildungs- und Kommunikationswissenschaft sowie Preisträgerinnen und Preisträger des media literacy awards [mla]. Die anwesenden Experten aus der Wissenschaft hatten teils selbst am Lehrplan für Digitaler Grundbildung mitgearbeitet, verfügen über Erfahrungen aus der medienpädagogischen LehrerInnenfort- und Weiterbildung oder arbeiten als IKT- bzw. Informatik-KoordinatorInnen. Durch das Programm und die Diskussionen der Tagung führte Conny Lee (fm4).

 

Keynote: Christian Swertz (Foto: Hans Hochstöger)

 

Keynote Christian Swertz

 

Man kann Schülerinnen und Schüler nicht auf die eine Zukunft vorbereiten. Wir müssen Zukunft offen denken, da man Entwicklungen nicht voraussehen kann. Wir können Kinder nur dazu verhelfen, ihre Verhältnisse zur Welt selbst zu gestalten.

 

Universitätsprofessor Dr. Christian Swertz hob in seiner einleitenden Keynote hervor, dass der Lehrplan zur Digitalen Grundbildung als verbindliche Übung international einzigartig sei. Fachlich fundierte Inhalte aus der Fachdidaktik Informatik werden mit bildungstheoretisch fundierten Inhalten aus der Medienkompetenzvermittlung verbunden.

 

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