Wie Digitale Grundbildung den Unterricht bereichern kann – Interview mit Klaus Himpsl-Gutermann (PH Wien)

 

Prof. Klaus Himpsl-Gutermann

 

Lisa Badura: Digitale Grundbildung ist in aller Munde. Du bist in der Lehrerfortbildung tätig, befasst dich u.a. mit Life-Long Learning, eLearning und didaktischen Konzepten.

Was hat sich auf Seiten der Lehrerfortbildung seit der Einführung der Digitalen Grundbildung verändert? Worauf legt ihr verstärkt Fokus?

 

Klaus Himpsl-Gutermann: In der Fortbildung haben sich einerseits die Formate, andererseits auch die Inhalte verändert. Unsere Angebote sind vielfältig. Im sehr beliebten (einmaligen) Nachmittags-Workshop können die Lehrkräfte aus einem breiten Themenspektrum (etwa 50 pro Semester) wählen. Hier gilt: Das Ausprobieren von Hands-on und vielen praktischen Beispielen, um ein Gefühl für die unmittelbare Anwendung im Unterricht zu bekommen. Wir bieten auch Lehrgänge im Blended-Learning-Format (2 bis 4 Semester) und ein Programm zur „Schulentwicklungsbegleitung“ an. Dies ist eine Mischung aus Fortbildung, Entwicklungsprojekt und Schulentwicklungsberatung. Auch inhaltlich hat sich das Spektrum wesentlich erweitert. Nach wie vor wichtig ist der Bereich der Mediendidaktik: Wie nutze ich (digitale) Medien professionell, gewinnbringend und didaktisch versiert für die Unterrichtsvorbereitung und -gestaltung? Immer wichtiger geworden sind gesellschaftlich brennende Fragen rund um die Digitalisierung in Alltag und im Beruf. Hier ermutigen wir dazu, eine kritisch-reflektierte Haltung zu Themen zu entwickeln. Stichwort: Der richtige Umgang mit Social Media, künstlicher Intelligenz und fortschreitender Automatisierung.

 

 

Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts heißen u.a. Problemlösungskompetenz und Kreativität.

Gibt es einfache, aber gute didaktische Methoden für den Unterricht, die du deinen Studentinnen und Studenten immer wieder gerne weiterempfiehlst?

 

Hier müssen wir ehrlicherweise zugeben, dass in der Vergangenheit auch Fehler gemacht worden sind. Beispielsweise dass der Informatikunterricht zu anwendungsorientiert und lediglich auf die Office-Programme (Stichwort ECDL) ausgerichtet war. Die Programme sind nach wie vor nicht bedeutungslos, aber entscheidender ist doch, das grundlegende informatische Denken zu fördern und nicht aufzuhören, hinter die Funktionsweisen der Technologien zu schauen. In den Computational-Thinking-Ansätzen wird das gekoppelt mit einer speziellen Didaktik: Schülerinnen und Schüler gehen von einer realen Problemstellung aus und je nach Altersstufe entwickeln sie die Lösungsansätze. Als wichtig erachten wir, dass neben bewährten Problemlösestrategien eben auch eigene, kreative Ansätze ausprobiert werden. Ganz entscheidend ist hierbei das aktive Tun der Lernenden in vielen Phasen des Unterrichts. So praktizieren wir das auch in den Konzepten der Lernräume „Future Learning Lab“ und „Education Innovation Studio“. Mit ganz simplen „didaktischen Tricks“ geht das eher nicht. Es gehört immer ein Verständnis für das Gesamtkonzept dazu. Eine grundlegende Botschaft lautet: Weniger Vermittlung und bloßes Nachahmen vorgegebener Rezepte! Mehr Eigenaktivität der Lernenden zulassen! Dieser Prozess muss gut vorbereitet und betreut werden (wie beispielsweise bei den Flipped-Classroom-Ansätzen). Genau hier können Digitale Medien wie Videos, interaktive Übungen oder AR/VR-Anwendungen in vielen Phasen sehr gut unterstützend eingesetzt werden.

 

 

 

Die Beschäftigung mit den Phänomenen der digital vernetzten Welt ist in einem „rein theoretischem, digital-freien Trockentraining“ wenig zielführend.

 

Am ZLI beruft ihr euch u.a. auf das Dagstuhl-Dreieck“. Es ist ein Modell, das zur Auseinandersetzung mit Phänomenen, Gegenständen und Situationen aus der digital vernetzten Welt anregt. Eine wichtige Perspektive des Modells sind die gesellschaftlichen Auswirkungen.

Was sind deiner Meinung nach die größten gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen, die auf die Digitalisierung zurückzuführen sind? Worauf müssen wir Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert vorbereiten?

 

Die große Herausforderung insgesamt ist, dass die zu erwartenden Veränderungen so schnell voranschreiten und viele Bereiche wesentlich betreffen. Zukunftsprognosen und insbesondere Vorhersagen, was für künftige Generationen wichtig sein wird, sind schwer zu treffen. Ziemlich deutlich ist, dass der Leitmedienwechsel zu Computer und Internet längst vollzogen ist. Im Bildungsbereich – bis auf einzelne Leuchtturmschulen – spüren wir aber noch verhältnismäßig wenig davon. Die Beschäftigung mit den Phänomenen der digital vernetzten Welt, wie in der Dagstuhl-Erklärung skizziert, ist in einem „rein theoretischem, digital-freien Trockentraining“ wenig zielführend. Das wäre absurd bis unmöglich. Eine digital-freie Schule würde Gefahr laufen, das wichtige didaktische Prinzip des Lebensweltbezuges zu verletzen. Komplexität und Spezialisierung steigen in allen Bereichen: ein hohes Fachwissen wird nach wie vor eine wichtige Grundlage sein. Ebenfalls wichtig: übergreifende Fähigkeiten, wie beispielsweise in den 4Cs (Communication, Collaboration, Creativity, Critical Thinking) der 21st Century Skills beschrieben.

 

 

Mehr weibliche Role Models in den MINT-Fächern wären super!

 

Mit vielen gesellschaftlichen Themen (Technik, IT, Klima etc.) setzen sich Schülerinnen und Schüler vor allem in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern auseinander. Du bist Beirat im Projekt „Die Zukunft des MINT-Lernens“. Seit Herbst 2018 erarbeiten fünf Hochschulen in einem Entwicklungsverbund Konzepte für guten MINT-Unterricht.

Wie begeistert man Mädchen für naturwissenschaftliche Fächer? Gibt es didaktische Methoden, die alle Geschlechter gleichermaßen ansprechen? Worauf sollten Lehrerinnen und Lehrer besonders achten?

 

Im genannten mehrjährigen Projekt werten fünf Hochschulen ihre langjährigen Erfahrungen mit naturwissenschaftlichen Lehr-/Lernlaboren aus, die sehr stark aus einer jeweiligen fachdidaktischen Perspektive heraus betrieben werden. Hier werden Digitale Medien zunächst als flexible Werkzeuge in allen Lernphasen gesehen: vom Recherchieren über das Kommunizieren bzw. Zusammenarbeiten bis hin zum Präsentieren. Hinzu kommt auch das Experimentieren im Labor, sowie komplexere Simulationen, wenn reale Experimente schwer durchführbar oder zu teuer sind. Eine besondere Stärke der meisten Labore ist die effektive Zusammenarbeit der Involvierten. Hochschullehrende, Lehramtsstudierende und erfahrene Lehrkräften können Schülerinnen und Schülern eine hervorragende Theorie-Praxis-Verschränkung bieten. So soll es sein.

 

Hinsichtlich der Begeisterung von Mädchen für die MINT-Fächer müssten wir die Frage eigentlich andersherum stellen: Wie schaffen wir es, die kindliche (und geschlechtermäßig gleichverteilte) Begeisterung für naturwissenschaftliche Fragen aufrechtzuerhalten? Wie schaffen wir es im Zuge der Schullaufbahn, besonders den Mädchen, diese Begeisterung NICHT „auszutreiben“? Hier spielen natürlich die, in unserer Gesellschaft nach wie vor sehr dominierenden, Geschlechterklischees eine wesentliche Rolle. Es ist also schon sehr viel gewonnen, wenn Lehrerinnen und Lehrer es schaffen, diese Rollenklischees in der Vorbereitung und Gestaltung von Unterricht zu vermeiden. Beispielsweise in der Verwendung einer achtsamen Sprache, beim Korrigieren von Tests oder in der Auswahl von Aufgabenbeispielen. Und mit Letzterem ist nicht gemeint, dass etwa beim Bauen mit Lego-Robotik-Kästen die Burschen das Rennauto zur Aufgabe bekommen und die Mädchen die Blütenbestäubung durch eine Biene… Und mehr weibliche Role Models in den MINT-Fächern wären natürlich super!

 

Auffällig viele Projekte beim media literacy award haben sich mit den „Schattenseiten“ der Digitalisierung auseinandergesetzt. 

 

Klaus, du warst Juror beim media literacy award 2018 und hast dir sehr viele medienpädagogische Projekte angesehen. Du hast Einblicke in verschiedenste Themenfelder und Ausgestaltungen bekommen.

Was hat dich am meisten überrascht? Was waren Merkmale von Projekten, die dir besonders gut gefallen haben?

 

Tendenziell ist mir vorgekommen, dass sich im Vergleich zu früheren Jahren auffällig viele Projekte mit den „Schattenseiten“ der Digitalisierung auseinandergesetzt haben: Manipulation von Meinungen in den Social Media, Jobverlust durch Automatisierung, Cyber Mobbing, etc. Die Auswahl der Themen und die teilweise gedrückte Stimmung scheinen den Zeitgeist widerzuspiegeln. Positiv überrascht hat mich hierbei die tiefgehende und sehr kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit diesen doch sehr schwierigen Themen und Problemen. In der Oberstufe hat mich die sehr hohe Professionalität vieler Projekte beeindruckt, sowohl in künstlerisch-kreativer Gestaltung als auch hinsichtlich der medialen Produktion. Hier zeigt sich meines Erachtens auch, welch hoher Level – insbesondere an Schulen mit entsprechenden Ausbildungszweigen – erreicht werden kann. Bei einigen Einreichungen von Volksschulklassen fand ich die unbekümmerte Herangehensweise, die Begeisterungsfähigkeit und die spielerische Kreativität richtiggehend ansteckend. Die didaktische Vielfalt sowie das unverkrampfte Neben- und Miteinander von analogen und digitalen Medien in den Projekten sollte eigentlich beispielgebend sein für den Umgang mit der Digitalisierung in allen Schulen.

 

 

Klaus, vielen Dank für deine Ideen und Ansätze!

 

 

 

 

Zur Person:

 

Dr. Klaus Himpsl-Gutermann, MSc ist Hochschulprofessor an der Pädagogischen Hochschule Wien und Institutskoordinator und Leiter des Zentrums für Lerntechnologie und Innovation (ZLI). Zu den Arbeitsbereichen zählen u.a. Hochschuldidaktik, E-Learning, Medienbildung und Informatische Bildung. Klaus Himpsl-Gutermann war Jury-Mitglied des media literacy awards [mla] 2018.

Mehr Infos zu Klaus Himpsl-Gutermann.

 

Das ZLI

Das im Jahr 2014 gegründete Zentrum für Lerntechnologie und Innovation (ZLI) beschäftigt sich mit den Einsatzmöglichkeiten von digitalen Technologien, Medien und Werkzeugen für eine zeitgemäße und innovative (Hochschul-)Didaktik. Unter Einbeziehung internationaler Entwicklungen und aktueller Forschungserkenntnisse erprobt und erarbeitet das ZLI Modelle, Best-Practice-Beispiele und Materialien für eine effiziente Kommunikation und Kooperation in Lerngruppen und -netzwerken.

 

 

Interessante Links zu Digitale Grundbildung im Primarbereich / „Denken lernen, Probleme lösen“:

 

https://zli.phwien.ac.at/medienbildung-im-kindergarten-paedagogischer-tag-an-der-bafep8-in-wien/

 

 

https://padlet.com/erich_schoenbaechler/BAFEP8

 

 

https://www.medienimpulse.at/articles/view/1092

 

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