Vom Wert des Lebens

 

Wie verhandelt man moralische Fragen in eigenen Medienprojekten?

Im Rahmen ihres Ethikunterrichts haben Schülerinnen der Modeschule Wien sich einerseits mit den Geschehnissen am Spiegelgrund während der NS-Zeit und andererseits mit der aktuellen Flüchtlingsthematik befasst. Die Schülerinnen haben sich medienkritisch auf ganzer Linie vorarbeitet: Die Teams haben in Archiven recherchiert, Mainstreammedien analysiert, Kontakte zu völlig unbekannten Menschen geknüpft – und an einigen Punkten sind sie inhaltlich oder technisch auch gescheitert. Ein multimediales Projekt zum Staunen.

 

 

Man könnte annehmen, dass in einer Modeschule lediglich gelehrt wird, was zum Anfertigen von Gewand und Kleidern aller Art notwendig ist. Und tatsächlich versprühen die Klassenräume der Modeschule Wien, die im Schloss Hetzendorf untergebracht sind, eine arbeitssame und kreative Stimmung. Anziehpuppen, bereits angefertigte Modelle und Stoffproben zeugen von einem Handwerk, das man am liebsten auch gleich selbst ausüben möchte.

 

Als wir Claudia Weinzierl und ihre Projektgruppen erneut besuchen (den ersten Videobeitrag haben wir in der Entstehungsphase des Projekts im Sommer 2015 gedreht), wird uns wieder schnell vor Augen geführt, dass sich ein künstlerisch-kreativer Schwerpunkt und eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen nicht ausschließen.

 

Über ein halbes Jahr lang haben insgesamt 60 SchülerInnen der 3. und 4. Klasse(n) – in Teams aufgeteilt – Videoclips, Collagen, Diagramme, Texte und Hörspiele angefertigt, die um die Frage nach dem Wert des Lebens kreisen. Thematisiert wurden sowohl das Euthanasieprogramm am Spiegelgrund während der NS-Zeit, als auch Bedingungen der aktuellen Flüchtlingskrise.

 

Wir haben mit den Projektteams über die Ideen ihrer Umsetzung und über ihre Erfahrungen gesprochen.

 

 

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=V4HRudmDE00

 

 

Mögliche Sichtweisen von Tätergruppen (wie z.B. von Krankenschwestern am Spiegelgrund und von Schleppern) wurden gleichermaßen aufgearbeitet wie der Umgang mit den Opfern. So wurden Interviews mit PolitikerInnen zur aktuellen Flüchtlingskrise geführt, Flüchtlingslager aufgesucht und jede Menge recherchiert.

 

Das Erstaunlichste am Projekt? Projektbetreuerin Claudia Weinzierl fühlte sich zu keinem Zeitpunkt veranlasst, in die verschiedenen Arbeitsprozesse der Teams einzugreifen. Ihre wichtigste Erkenntnis während und nach dem Projektverlauf:

 

„Es war gut, die Teams selbstständig arbeiten zu lassen, sie Fehler machen und selber nach Lösungen suchen zu lassen. Nur so kann Medienkompetenz erlangt werden.“

 

Das Ergebnis des Projekts kann sich sehen lassen. Neben einer großangelegten abendlichen Präsentation im Festsaal der Schule für Eltern, MitschülerInnen und KollegInnen,  waren die Kleingruppen untereinander stark zusammengewachsen und auch die gesamten Klassen.

Jeder spürte, dass es ohne den anderen nicht geht. Ein Projekt, das nicht nur jede Menge Medienkompetenz generiert hat, sondern auch Erfahrungen mit Teambuilding!

 

Im Video berichten zwei Projektteams von ihrer Arbeit. Woran die anderen Teams gearbeitet haben, erfahren Sie hier:

 

 

 

Das Projekt von Valentina, Aila, Aurelia, Lea und Pamina (v.l.) trägt den Titel „Die Macht der Gefühle“.

 

Ursprünglich wollte das Team eine Spendenaktion für Flüchtlinge organisieren, aber es scheiterte an zu wenig Unterstützung von außen. Die Gruppe entschied sich letztendlich, die Schlagzeilen der Mainstreammedien zu analysieren und dann selber Texte über die Flüchtlingsthematik zu verfassen. Wichtig war der Gruppe, vor allem medial vielzitierte Begriffe zu reflektieren und in einen selbsterstellten Textzusammenhang zu bringen.

 

Auszug aus einem Text von Valentina:

„ … Man will Menschen aufteilen. Menschen teilen nicht gerne. Europa teilt nicht gerne. Wir teilen nicht gerne, was uns gehört. Wir wollen sie nicht aufteilen. Die Menschen. Will man nicht Gutes teilen, weitergeben?! Aber wer teilt nicht gerne ein Problem?! So viele. Lasst sie uns doch einfach teilen! Aber wer möchte ein Problem? Problem? Menschen? Ein menschliches Problem? Ein Flüchtling. Einen Flüchtling mit anderen teilen? Ist diese Krise ein Versagen der Menschlichkeit? Ein Versagen des Teilens? Wir teilen mit: „Refugees welcome!“. Ich möchte teilen.“

 

Die Erkenntnisse der Gruppe:

 

„Unsere Medien wollen sich vor allem verkaufen. Deshalb werden oft Meinungen publiziert, von denen man ausgeht, dass sie der Masse entsprechen. Probleme (z.B. in Bezug auf die Flüchtlingsthematik) werden künstlich hochgeschaukelt. Politische EntscheidungsträgerInnen haben zu wenig Berührung mit betroffenen Personen.“

 

 

„Wir haben bei der Umsetzung gelernt, dass es auch gut sein kann zu scheitern. Man lernt daraus und man lernt, flexibel zu werden und auch mal umzudisponieren.“

 

 

Das Projekt von Cecilia und Rubina trägt den Titel „Various opinions“.

 

Ihr Video ist eine ironische Gesellschaftskritik. In überzeichneten Rollen werden Meinungen über die Flüchtlingsthematik überspitzt formuliert:

„Ich habe nicht vor zu helfen. Aber ich habe denen zugeschaut, die es gemacht haben.“

„Ich würde schon gerne helfen, aber ich kann nicht den ganzen Tag am Westbahnhof stehen und Bananen austeilen.“

„Ich war schon bei mehreren Demos. Vor allem, weil es gratis Bier gab.“

 

Erkenntnisse von Cecilia und Rubina:

 

„Wir wollten durch die humoristische Herangehensweise Aufmerksamkeit erzeugen und vor allem auch Jugendliche ansprechen. Wichtig war uns, die Persönlichkeitsrechte nicht zu verletzen und niemanden ins Lächerliche zu ziehen. Da verlaufen für uns die Grenzen, was Satire darf.“

 

 

„Wir haben gelernt, wie wichtig Kommunikation und Absprachen sind, damit die Aufgabenschritte gerecht verteilt werden können und jeder weiß, was er zu tun hat.“

 

 

Das Projekt von Moana, Mariella, Emma, Marie und Magdalena (v.l.) trägt den Titel: „Welchen Wert haben (politische) Worte?“

 

Für ihre Interviewreihe suchten die Schülerinnen VertreterInnen aller Parteien im Parlament und Rathaus auf. Für ihr Video wollte das Team die persönlichen Meinungen der PolitikerInnen zur Flüchtlingsthematik einfangen.

 

Die Erkenntnisse der Gruppe:

 

„Erstaunlich war, dass die PolitikerInnen unsere Fragen sehr ausweichend beantwortet haben. Wir hätten gerne die persönlichen Meinungen erfahren, aber die Antworten spiegelten meist nur die Grundsätze des Parteiprogramms wider. Die glatten Antworten wirkten oft auswendig gelernt und bargen wenig Angriffsfläche. Wir hatten leider nicht die Übung in der richtigen Interviewtechnik und sind daher beim Nachhaken gescheitert.“

 

 

„Durch das Projekt haben wir uns viel mit Politik beschäftigt. Wir interessieren uns jetzt mehr für die Zusammenhänge und kennen nun zum Teil auch die PolitikerInnen, die sich in den Medien äußern.“

 

 

„Hätten wir die richtige Technik gehabt und wäre der Ton bei den Interviews besser geworden, hätten wir einen super Film hinbekommen. Dass das nicht geklappt hat, hat uns geärgert. In Zukunft kennen wir uns besser aus. Learning by doing.“

 

 

„Aufgaben müssen gerecht verteilt sein, damit keiner zu wenig und keiner zu viel macht. Die Aufgabenverteilungen müssen gut kommuniziert werden, damit sich jeder gut auskennt. Das hat bei uns nicht so gut funktioniert, aber das machen wir beim nächsten Mal besser.“

 

 

Wir danken allen Projektgruppen für die wertvollen Gespräche!

 

Präsentation der verschiedenen Werke zum Thema „Vom Wert des Lebens“

Jänner 2016

Festsaal der Modeschule Wien


 

 

 

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