Das Video-Projekt EU 2111

 

Die Vorbereitungen für den media literacy award laufen auf Hochtouren!

Zeit für eine erste Sneak-Preview von unseren PreisträgerInnen!

 

Wie sieht Europa in 100 Jahren aus? Wird es überhaupt noch ein „Europa“, wie wir es heute kennen, geben? Was kann Europa dann (noch) zusammenhalten? – Was Schülerinnen und Schüler über diese Themen denken, haben sie anhand des Projektes „EU 2111“ zum Ausdruck gebracht.

 

Um Näheres über das Projekt zu erfahren, trafen wir Walter Dickmanns zum Gespräch. Er unterrichtet am BORG für Musik und Kunst (Wien 1, Hegelgasse 12) im Fachbereich Audiovision und realisiert seit über 20 Jahren Fotografie- und Videoprojekte mit SchülerInnen. Zusammen mit seinem Kollegen Karl Kühberger leitete er das Projekt, dessen Grundidee es war, dass ein bis zwei Schüler zu einem frei wählbaren europäischen Themenbereich einen Kurzfilm produzieren. „EU 2111“ wurde im Oktober 2012 in Lissabon beim „doclisboa 2012 International Film Festival“ präsentiert.

 

Was treibt eigentlich einen Lehrer an, mit seinen SchülerInnen solch ein Projekt umzusetzen? Welches (Europa-)Bild möchte er seinen SchülerInnen vermitteln und wie sieht er selbst die Welt?

 

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Video-Link: http://vimeo.com/43625226

Hier geht’s zum vollständigen Interview mit Walter Dickmanns!

 

 

Lisa Badura: Wie kam es zum Projekt „EU 2111“?

Walter Dickmanns: Das Projekt begann bereits im Jahr 2011. Über einen Kontakt von mediaOpera kamen wir zum Projekt „Europa 2111“, das ein Projekt aus dem Life Long Learning Programme der EU ist und untersucht, inwiefern der Einsatz von neuen Medien ein lebenslanges Lernen fördern kann. (Mehr Informationen zu diesen Initiativen, siehe Project-Facts). Unsere Schule wurde dankenswerterweise eingeladen, an diesem Projekt teilzunehmen. Die Präsentation wird Mitte Oktober 2012 in Lissabon stattfinden. Ein bis zwei Schüler produzieren jetzt ein Projekt zum Thema „EU 2111“, weil es 100 Jahre vom vorigen Jahr ausgegangen ist.

 

Wie sah der Projektverlauf konkret aus?

Jeder Schüler sollte zu Beginn ein Brainstorming verfassen und überlegen, was ihn interessiert. Parallel dazu haben wir, mein Kollege Karl Kühberger und ich, die Schüler über die verschiedenen Bereiche informiert. Ob das der Bereich Gesundheit, Bildung, Musik, Kunst oder was auch immer war – die Themenstellung war ganz offen. Grundlegend war die Frage, wie dieser Bereich in 100 Jahren ausschauen könnte. Nach dem Brainstorming hat jeder Schüler ein Storyboard verfasst und ein Exposé geschrieben. Alle Schritte wurden immer in Rücksprache mit uns vorgenommen. Bei der ein oder anderen Überlegung konnten wir so ein wenig einhaken und unterstützen, wenn das Projekt zu umfangreich angesetzt war. Der Film sollte nicht länger als fünf Minuten sein, da die Umsetzung für ein Semester angesetzt war und die Gefahr vermieden werden sollte, dass das Projekt nicht bewältigt werden kann.

 

(Die folgenden beiden Screenshots stammen aus dem Film „EU 2111“ von Alicia Atria)

 

Was waren Themen, die behandelt wurden?

Es wurden sehr spannende Themen aufgegriffen. Zum Beispiel, dass der Überwachungsstaat noch martialischer wird und Politiker das Volk als Marionettenpuppen verwenden. Dass man, wenn man etwas Bildung und Kreativität hat, schon Outsider ist. Dass die Umwelt schon so belastet ist, dass Kinder sterben und die Aussicht, Kinder zu bekommen, illusorisch wäre. Dass es verschiedene Kulturen – wie es sie im Jahr 2011/2012 noch gab – nicht mehr gibt und jetzt alles einheitlich ist. Ich empfand, dass die Jugendlichen sich sehr bewusst auf diese Dinge eingelassen haben.

 

 

Welches Bild versuchen Sie von Europa zu vermitteln?

Interrail feiert dieses Jahr 40-jähriges Jubiläum! Ich glaube, dass es ein sehr interessanter Impuls ist, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen, selber großzügiger und gelassener zu werden und sich raus aus der Käseglocke der eigenen kleinen Umwelt und rein in die Ideen und Schöpfungen von anderen zu wagen. Auch das ERASMUS-Programm ist eine ganz grandiose Sache. Es gibt viele EU-Projekte, die diesen Austausch unterstützen. Und ich höre auch immer wieder von den Schülern, dass sie reisen und Neues kennenlernen wollen. Das versuchen wir zu unterstützen, indem wir internationale Festivals besuchen und die Plattform dafür schaffen.

 

Was treibt Sie an?

 

Ich fotografiere seit 1973. Durch das Medium Bild ist mein Leben erfüllter geworden, weil ich neugieriger geworden bin, genauer beobachte und die Welt zum Teil wie durch einen Sucher betrachte. Und das möchte ich auch meinen Schülern vermitteln. Es funktioniert.

Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?

Erfahrungen mit Jugendgruppen hatte ich bereits gemacht, als ich bei den Pfadfindern „Fähnleinführer“ war und Spaß dabei hatte, mit Jugendlichen zusammen zu sein. Das lag mir. In Bonn habe ich mit dem Studium der Geologie begonnen und später dann in Wien Biologie studiert. Im dritten Semester gab es dann die Möglichkeit zu unterrichten. Und weil ich mein Studium selbst finanzieren musste, bin ich so hineingerutscht. Seit 1979 habe ich Fotografie in einem Freifach unterrichtet und habe Lehrerfortbildungen diesbezüglich getätigt.

 

Biologie hat auf den ersten Blick wenig mit Fotografie zu tun. Wie sind Sie zum Audiovisions- und Medienzweig gekommen?

Ich bin als Geograf viel gereist und habe gern fotografiert. Und auch in der Biologie kann man viel fotografieren. Zum Beispiel hat mich die Mikroskopfotografie fasziniert. Grundsätzlich war ich diesen Dingen gegenüber immer sehr offen eingestellt und habe selbst viel produziert. Man kann sagen, mein Hobby ist mein Beruf. Nach dem Abschluss der Akademie der bildenden Künste bekam ich dann die Möglichkeit, Dinge mitzugestalten und so folgte meine Lehrtätigkeit hier an der Schule. In weiterer Folge konnte ich dann den Audiovisionszweig mit gründen.

 

Woran orientieren sich Jugendliche heutzutage?

Es hat mal eine Untersuchung gegeben, die aufzeigt, dass sich Jugendliche immer mehr von der Familie abwenden und Freunden zuwenden. Dass – großes Fragezeichen – Facebook wichtiger ist als die Mama. Ich bin da eher skeptisch, weil sie jetzt schon vorsichtiger damit umgehen und wissen, dass die Daten nicht gelöscht werden können und allen zur Verfügung stehen. Aber die Tendenz dahin ist leider am Horizont zu erkennen.

 

Inwiefern wird die Auseinandersetzung mit Medien immer wichtiger?

Ich habe den Eindruck, dass zwei Dinge auseinanderklaffen: Auf der einen Seite die alltägliche Welt, die immer platter und dünner wird bis hin zu inhaltslosen Hülsen. Auf der anderen Seite gibt es beispielsweise die Fotografie. Wenn ich sehe, was sich seit den 70er-Jahren getan hat und wie sie sich als eigenständige Kunstrichtung etabliert hat, ist das ein Spagat, der sehr groß ist und auseinanderdriftet. Diese beiden Welten wird es immer geben. Das, was eine Gesellschaft vorantreibt und das, was alles andere zumüllt.

 

 

Wie wirkt sich der Konsum von Alltagsmedien auf die Sehgewohnheiten Ihrer Schülerinnen und Schüler aus?

Ich glaube, wenn man Dinge anschaut und sich bewusst vor Augen führt, dann kommt automatisch das Empfinden, was einen geistig weiterbringt oder was einen nur davon abhält. Es ist selbstverständlich ein Unterschied, ob man etwas mit 15-Jährigen oder mit 18-Jährigen anschaut. Mit 15 ist man noch mehr in der Entwicklung und das Plakative reizt dann natürlich noch besonders stark. Und das darf ja auch ausgelebt werden. Aber am Ende sollte man schon die Frage nach dem Warum stellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Frage von den Schülern angenommen wird. Wenn ich mir das zum Beispiel bei diesem Projekt anschaue: Es wird an kleinen Bildsequenzen gefeilt, Sekunden werden herausgeschnitten, weil sie nichts bringen, sondern nur Füllmaterial sind.

 

Was sind für Sie gelungene Medienprojekte?

 

Ich glaube, Dinge sind dann gut, wenn Sie mehrschichtig sind. Es darf nach außen plakativ erscheinen. Wenn man tiefer hineinschauen kann, empfindet man eine andere Ebene. Wer sich näher damit beschäftigt und dadurch mehr weiß, sieht die Dinge dann in einem dritten Licht.

 

Ihre Botschaft an Ihre Schülerinnen und Schüler?

Mut haben, unkonventionelle Dinge anzugehen, kreativ, unverfroren und frech sein, aber in keiner Weise unhöflich. Sondern an sich glauben und etwas umsetzen!

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

PROJEKT-FACTS

  • Dauer des Projekts: ein Semester, Stundenumfang in der Woche: 6 Stunden + insgesamt 15-25 Stunden privat für Dreh etc.
  • Kooperation: Das Projekt „EU 2111“ wurde in Kooperation mit Media Opera durchgeführt. Media Opera realisiert Projektionen und Visualisierungen im Bereich Tanz, Musik, Performance und Literatur. Mehr Infos: http://www.mediaopera.org/
  • Ausschreibung: „EU 2111“ ist Bestandteil von EUROPA 2111, ein Projekt aus dem Life Long Learning Programme der EU. Über einen Zeitraum von zwei Jahren entwickelt ein interdisziplinäres Team, bestehend aus acht Projektpartnern aus ganz Europa, ein Konzept für den Einsatz von neuen Medien im Bereich Lehren und Lernen. Umgesetzt werden die neuen Kenntnisse in Filmprojekten. Das Thema: „Europa in hundert Jahren“. Mehr Infos: http://pweu2111.wordpress.com/eu-2111/
  • Präsentationen des Projekts: Präsentiert wurden die Filme von „EU 2111“ am 27.06.2012 in der Rinderhalle der Media Opera in St. Marx und auf dem doclisboa 2012 International Film Festival, mehr Infos: http://www.doclisboa.org/2012/en/
  • Technische Hilfsmittel / Voraussetzungen für die Realisierung:

Hardware: DSLR Kameras mit Filmoption, iMacs
Software: Photoshop, Final cut express, Cubase

 

Das Projekt wurde an folgender Schule durchgeführt:

BORG für Musik und Kunst, Wien 1, Hegelgasse 12, Website der Schule: http://h12.at/

 

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