StartseiteStartseite Archiv
BMB
editorial
info
themen
leitfaden
projekte
workshop
e-academy
network
Kommunikation
Wie entsteht Bedeutung?
Der Kommunikationsprozess
Das ich und die Gesellschaft
Information
Zeichen und Sprache
Interaktion/Beziehungen
Massenkommunikation
Kommunikationsumwelt
Kommunikationsumwelt
Kommunikation und Kultur
Wirklichkeitskonstruktion
Ideologie
Technologie
Semiotisches Labor
Medienlabor
Texte-Medienkultur
Cultural Studies
Einführung
Visual Cultures
Mediengeschichten
Medienpraxis
Gender und Film
Filmkritik mit C. Philipp
Filmehefte
Spielend Radio machen
Radiobeitrag machen
Radiotechnik
Sprechen vor der Kamera
Animationsfilm
Videoschnitt am Computer
Videoschnitt mit Avid
Meinungsfreiheit
Schülerzeitung
Weblogs & Podcasts
Dziga Vertov
Audiovisuelle Materialien
Tonmaterial
Medienkatalog
Reifikation
Erinnern Sie sich, dass die Gewohnheiten, die letztendlich institutionalisiert werden, ihren Ursprung in den Gewohnheiten von Einzelpersonen haben. Indem immer mehr Leute diese Verhaltensmuster annehmen, bilden sich Institutionen, und indem diese Muster an nachfolgende Generationen weitergegeben werden, werden die Institutionen legitimiert und "permanent".


Die Objektivität der institutionellen Welt "verstärkt" und "verhärtet" sich - nicht nur für die Kinder, sondern ebenso für die Eltern. Das "Da fangen wir schon wieder an" wird nun zu "So macht man das". (Berger and Luckmann 1966, S. 55)

Wenn eine Institution über eine lange Zeitperiode hinweg permanent bleibt, kann in Vergessenheit geraten, wie es dazu kam. In diesen Fällen stellen sich die Leute möglicherweise vor, dass die Institutionen immer schon existiert haben; dass es eben irgendwann einmal in der Vergangenheit "dazu gekommen" ist. Dieser Umstand ist als Reifikation (= Verdinglichung, Vergegenständlichung) bekannt und Institutionen dieser Art werden als "reifiziert" bezeichnet.

Reifikation bedeutet, menschliche Phänomene so zu begreifen, als wären sie Dinge, das heißt als etwas Nichtmenschliches oder möglicherweise Übermenschliches. Anders gesagt: Reifikation ist, die Produkte menschlicher Aktivität so zu verstehen, als wären sie etwas anderes als menschliche Produkte - wie etwa Gegebenheiten der Natur, Auswirkungen kosmischer Gesetze oder Manifestationen eines göttlichen Willens. (Berger and Luckmann 1966, S. 82)

Wenn Institutionen reifiziert werden, gilt dies auch für ihre Rollen.


Rollen können in derselben Weise reifiziert werden wie Institutionen. Der Bereich des Bewusstseins über sich selbst, der in der Rolle objektiviert worden ist, wird dann als unausweichliches Schicksal aufgefasst, für das der Einzelne möglicherweise jede Verantwortung ablehnt. Die paradigmatische Formel für diese Art von Reifikation ist die Feststellung: "Ich habe keine Wahl in dieser Angelegenheit, ich muss so handeln auf Grund meiner Position." (Berger and Luckmann 1966, S. 84)

Ist eine Institution reifiziert, beziehen sich die Menschen auf sie und ihre Rollen so, als wären sie wirklich wie irgendetwas, das man in der Natur findet. Im selben Sinn wie Leute erwarten, bei einer Fahrt in die Wüste Sand und Sonne und nur wenige Bäume vorzufinden, erwarten sie im Postamt Briefmarken, Formulare zum Ausfüllen und wartende Leute anzutreffen. Ebenso erwarten sie, dass die Leute im Postamt - die Beamten hinter dem Schalter und die anderen in der Warteschlange - sich ihren Rollen entsprechend verhalten. Im Allgemeinen denken die Leute nicht darüber nach. Die Dinge sind so gewesen, so weit sie sich zurückerinnern können, und sie sehen keine Notwendigkeit sich vorzustellen, dass sie sich ändern könnten.

Historizität und Kontrolle
Reifizierte Institutionen schaffen in einer Gesellschaft ein Gefühl für Geschichte. Reifizierte religiöse Institutionen sind in dieser Hinsicht so wichtig, dass viele Gesellschaften sie für ihre Geschichtsdatierung verwenden. Das christliche "BC" in der englischen Sprache für "vor Christi Geburt" und "AD" für "Anno Domini" sind beispielsweise institutionelle Zeitmarken. Die Institution der US-Regierung ist auch ein Synonym für die nationale Sozialgeschichte und Aktionen der Regierung - z.B. der Sezessionskrieg, der 1. Weltkrieg, die Mondlandung werden festgehalten als eine Möglichkeit, den Verlauf der Geschichte zu verfolgen. Institutionelle Dokumente - Geburtsurkunden und Schulzeugnisse etwa - dienen ebenfalls dazu.

Reifizierte Institutionen manifestieren sich auch in gesellschaftlichen Regeln, die den Handlungsspielraum der Leute einschränken und so die Vorgänge im Alltagsleben kontrollieren.

Institutionen kontrollieren auch allein durch ihre Existenz das Verhalten der Menschen, indem sie vordefinierte Verhaltensmuster aufstellen, die das Verhalten in eine Richtung kanalisieren, ungeachtet der anderen Richtungen, die theoretisch möglich wären. (Berger and Luckmann, S. 52)

Folglich beschränken Wirtschaftsinstitutionen die Art, wie eine Gesellschaft Wohlstand misst, Bildungsinstitutionen die Zugänge zu Berufsausbildung und -laufbahn, religiöse Institutionen ethische und religiöse Anschauungen usw. Die Gesamtheit dieser institutionellen Einschränkungen ist die "gesellschaftliche Wirklichkeit", die so als wirklich erlebt wird wie die Felsen und Bäume in der Welt der Natur.

Gesellschaftliche Realität und Kommunikation
In welcher Kultur auch immer wir leben und welche Rolle auch immer wir darin haben, wir müssen einen ständigen Aushandlungsprozess zwischen einer Vielzahl von Ereignissen und Gegenständen führen. Darunter sind die ganz normalen Aktivitäten im Leben und die gesellschaftlichen Kontexte, in denen sie stattfinden ... Traditionellerweise erfolgt die Auseinandersetzung mit ihnen unter der Annahme, dass diese Ereignisse und Gegenstände objektiv und greifbar sind, dass Wissen aus ihrer mehr oder weniger genauen Beschreibung besteht und dass wir auf sie eingehen, um durch unsere Handlungen ihre Bewegung oder Veränderung zu "verursachen". Kurz gesagt, die Ereignisse und Gegenstände der Welt werden behandelt wie Dinge, die wir finden.

Die alternative Sichtweise zeigt die Ereignisse und Gegenstände der Welt als Ergebnisse menschlichen Tuns. Sie sind keine "Fundstücke", die völlig unabhängig in einer objektiven Welt existieren, vielmehr werden die Ereignisse und Gegenstände, wie wir sie kennen, durch eine kontinuierliche Dialektik von Interpretation und Aktion konstruiert. Diese Sicht kehrt die traditionelle Auffassung von der Beziehung zwischen Ereignissen/Gegenständen und Kommunikation um. Statt Kriege, Wirtschaftskrisen und politische Systeme als objektive Ereignisse zu behandeln, innerhalb derer oder über die wir kommunizieren, werden sie als Beispielfälle für Kommunikation genommen. Es ist produktiver nachzuforschen, warum Kommunikationsmuster so oft die Form annehmen, die wir als "Krieg" bezeichnen, als Krieg wie ein Fundstück zu betrachten, dessen Wahrscheinlichkeit durch ein bestimmtes Ausmaß an Kommunikation vergrößert oder vermindert wird. (Pearce, W. Barnett, S. 31)

Die letzten Abschnitte des Tutorials führen zwei Phänomene ein, die eine wesentliche Rolle bei der Konstruktion gesellschaftlicher Realität spielen: Ideologie und Technik.
Top vorherige Seite

©
mediamanual.at 2001-2016 | Webagentur onscreen
vorherige Seite