Statt
nur Realität aufzunehmen, sind Fotografien zur Norm dafür
geworden, wie uns Dinge erscheinen, und verändern damit die
Vorstellung von Realität und Realismus selbst. (Sontag, Susan)
Es wird kaum bezweifelt, dass Technologie ein wichtiger Aspekt der
Kommunikationsumwelt ist, aber es bestehen beträchtliche Meinungsverschiedenheiten
darüber, was der Terminus "Technologie" eigentlich
umfasst. Mit den Worten des Wissenschaftlers Raymond Williams:
... die Menschen sprechen oft von einer neuen
Welt, einer neuen Gesellschaft, einer neuen Phase der Geschichte,
erschaffen - "hervorgebracht" - durch diese oder jene
neue Technologie: durch die Dampfmaschine, das Auto, die Atombombe.
Die meisten von uns wissen, was im Allgemeinen damit gemeint ist.
Aber darin mag die zentrale Schwierigkeit liegen: Dass wir uns in
unseren ganz gewöhnlichen Diskussionen derart an Aussagen dieser
generellen Art gewöhnt haben, dass es sein kann, dass wir ihre
spezifische Bedeutung nicht erkennen.
Denn hinter solchen Aussagen liegen einige der schwierigsten und
gänzlich ungelösten historischen und philosophischen Fragen.
Doch werden die Fragen nicht durch die Aussagen aufgeworfen; tatsächlich
werden sie normalerweise durch diese verschleiert. So diskutieren
wir oft lebhaft diese oder jene "Auswirkung" des Fernsehens,
oder die Formen des Sozialverhaltens, die kulturellen und psychologischen
Bedingungen, zu denen das Fernsehen "geführt hat",
ohne dass wir uns bemüßigt fühlen zu fragen, ob
es überhaupt Sinn macht, irgendeine Technologie als Ursache
zu beschreiben ... (Williams,
Raymond, S. 10)
Aufgrund dieser Situation sollten wir nicht überrascht sein,
dass es zur Natur der menschlichen Technologie viele Missverständnisse
und Debatten gibt. Der vielleicht am weitesten verbreitete Standpunkt
ist als "technologischer Determinismus" bekannt. Es wird
behauptet, dass Menschen von Natur aus neugierige Wesen sind, mit
einem Drang zu erkunden und zu erfinden.Wenn diese neuen Technologien,
die aus diesen Erkundungen und Erfindungen resultieren, weithin
bekannt und verwendbar werden, bringen sie Veränderungen im
täglichen Leben der Menschen, die sie anwenden, mit sich.
Diese Sicht ist deterministisch, denn sie impliziert, dass Technologie
ein unentrinnbarer Teil menschlichen Lebens ist - Menschen können
lernen mit ihren Technologien zu leben, oder es zumindest versuchen,
aber sie können sich selbst nicht davon abhalten, Technologien
zu erfinden. Theorien des technologischen Determinismus reichen
von reinem Pessimismus - der Meinung, dass Technologie eines Tages
zur Vernichtung der menschlichen Rasse führen wird - zu reinem
Optimismus - der Meinung, dass die Menschen eines Tages Technologien
schaffen werden, die zu einer utopischen Existenz für jedermann
führen.
Viele Bücher sind von diesen oder anderen Standpunkten aus
geschrieben worden, und natürlich ist nicht genügend Zeit,
sie alle hier zu besprechen. Stattdessen unterstreicht dieses Tutorial
die Arbeit von vier Wissenschaftlern, die zum Studium von Technologie
und menschlicher Kommunikation beigetragen haben: Harold Innis,
Marshall McLuhan, Walter Ong und Elizabeth Eisenstein wurden ausgewählt,
weil ihre Arbeiten in Beziehung zueinander stehen, und weil sie
den Prozess aufzeigen, wie Kommunikationswissenschaftler ihre Meinungen
und Erklärungen entwickeln.
Innis: Medien, Gesellschaft, Zeit und Raum
 Harold
Innis war ein kanadischer Ökonom und Historiker, der besonders
am Studium von gesellschaftlichen Veränderungen interessiert
war, und dessen Theorien sich auf allgemeine Prinzipien konzentrieren,
die erklären könnten, warum manche Gesellschaften zusammenbrechen,
während andere über lange Zeiträume hinweg stabil
bleiben.
Innis argumentiert, dass Kommunikationsmedien eine wichtige Rolle
in der Gesamtorganisation einer Gesellschaft spielen, weil die vorherrschenden
Ausdrucksmittel einen Einfluss darauf haben, welche Art von menschlichen
Beziehungen sich zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft entwickeln
können. Im Hinblick darauf teilt er die Medien in zwei Kategorien
ein: Zeit-bindende und Raum bindende.
Zeit-bindende Medien tendieren
dazu, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf ihre Vergangenheit
zu konzentrieren. Solche Gesellschaften werden oft von starken philosophischen
oder religiösen Institutionen kontrolliert, sind sehr damit
beschäftigt, ihren traditionellen Lebensstil zu bewahren, sind
nicht offen für Veränderung und sind im Allgemeinen nicht
an Eroberung und Expansion interessiert.
Gesprochene Sprache ist ein Beispiel für ein Zeit-bindendes
Medium. Gesellschaften, deren einziges Kommunikationsmittel das
gesprochene Wort ist, können weder präzis über große
Distanzen kommunizieren noch haben sie Zugang zu gedruckten Aufzeichnungen.
Dies begrenzt ihre Fähigkeit, weit reichende Regierungsinstitutionen
aufzubauen. Mitglieder solcher Gesellschaften reisen üblicherweise
nicht viel und nicht weit, und das tägliche Leben der meisten
Menschen konzentriert sich auf familiäre und religiöse
Traditionen - die Vergangenheit ist ein sehr wichtiger Teil des
täglichen Lebens.
Raum-bindende Medien tendieren
dazu, die Aufmerksamkeit einer Gesellschaft auf ihre Grenzen zu
konzentrieren. Solche Gesellschaften sind oft mittels einer zentralen,
nicht-religiösen Regierung organisiert. An Stelle von Traditionen
haben solche Gesellschaften Gesetze, welche niedergeschrieben und
Veränderungen unterworfen sind. Diese Gesellschaften neigen
dazu, durch Handel oder Eroberung zu expandieren. Zumindest manche
Mitglieder der Gesellschaft reisen des Öfteren. In einer solchen
Gesellschaft beschäftigt man sich im täglichen Leben mit
der Gegenwart und der Zukunft - mit Politik und Wirtschaft und damit,
"sich selbst zu verbessern".
 (Buch-)Druck
ist ein Beispiel für ein Raum-bindendes Medium. Wenn Traditionen
niedergeschrieben werden können, werden sie zu "Gesetzen".
Jeder, der lesen kann, hat Zugang zu den Gesetzen und jeder bemerkt
es, wenn sie sich ändern. Der (Buch-)Druck fördert die
Entwicklung wirtschaftlicher Institutionen wie Banken und Handelsunternehmen
und auch die Entwicklung einer bürokratischen Regierung. Diese
haben die Tendenz, ihr Interesse auf Wirtschaftswachstum und auf
den "Staat" zu konzentrieren.
Innis denkt an einen Prozess, durch den die Entwicklung neuer Medien
Veränderung fördert. Innerhalb einer Gesellschaft wird
das vorherrschende Kommunikationsmedium von der vorherrschenden
politischen Gruppe kontrolliert, welche die Medien dazu verwendet,
die Ideen und Weltanschauung der dominierenden Gruppe zu unterstützen
und alle anderen illegitim zu machen. In dieser Situation liefert
das Aufkommen eines neuen Kommunikationsmediums ein Vehikel, über
das die Opponenten der dominierenden Gruppe soziale Veränderungen
initiieren könnten. Ein Beispiel dafür ist die Verwendung
der Buchpresse durch die protestantischen Christen, die in Opposition
zur Hegemonie der römisch-katholischen Kirche während
der protestantischen Reformation standen.
Die Ideen von Innis wurden zum Ausgangspunkt für eine Reihe
anderer Kommunikationswissenschaftler. Marshall McLuhan erweiterte
das Konzept der gesellschaftlichen Veränderung von Innis; Elizabeth
Eisenstein untersuchte die Auswirkung der Entwicklung des Buchdrucks
auf die gesellschaftliche Struktur Europas im späten 15. Jahrhundert
und Walter Ong erforschte die Art und Weise, in welcher orale und
literalisierte Gesellschaften ihre gesellschaftliche Wirklichkeit
konstruieren. |
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