Wer
empfängt den Text? Wie nehmen wir ihn auf?
Der
erste Medienempfänger, dessen sich ein Kind bewusst wird,
ist es selbst. Medienerziehung kann also damit beginnen, Kindern
die Möglichkeit zu vermitteln und sie dazu zu ermutigen, über
ihre eigenen Erfahrungen mit den Medien und ihre Reaktionen
darauf zu sprechen: |
Warum
mag ich Zeichentrickfilme?
Warum finde ich die Nachrichten langweilig?
Warum darf ich den Abendfilm nicht sehen, die anderen aber schon?
Wie
aus der letzten Frage ersichtlich, entwickeln Kinder sehr bald einen
Sinn dafür, dass es neben ihnen und ihrer unmittelbaren Gruppe noch
andere Empfänger gibt. So lernen sie, sich unterschiedliche Ansprechgruppen
vorzustellen, die einen Text anders auffassen könnten. Damit Hand
in Hand kann die Überlegung laufen, wie sie selbst einfache Texte
für Menschen herstellen könnten, die ihnen persönlich nicht bekannt
sind. Dazu kann Medienerziehung viel beitragen. Selbst eine ganz
kleine Gruppe, die über einen Medientext diskutiert, kann zu einer
Reihe von verschiedenen Interpretationen gelangen.
Über
diese Unterschiedlichkeit nachzudenken und die Herkunft der Unterschiede
zu ergründen, ist wesentlich produktiver als die Suche nach der
"richtigen" Antwort. Alter, Geschlecht, soziale Herkunft genauso
wie der persönliche Hintergrund beeinflussen die Interpretation.
Wenn
Kinder einen Text für ein reales und spezielles Publikum, wie z.
B. noch jüngere Kinder, machen, motiviert sie das zusätzlich und
fördert den Prozess der Entscheidungsfindung.
Kinder
können so verstehen lernen, wie Texte gemacht werden, damit diese
bei verschiedenen Empfängergruppen auch ankommen. Die Betrachtung
der Empfängergruppen wiederum dient als Ansatzpunkt, um zum ersten
Mal bewusst über Stereotypisierung
nachzudenken. Hier können wir der Frage nachgehen, was Medienproduzenten
geeignet finden könnten für:
Frauen
- Kinder - Männer
arme Leute - reiche Leute
Ausländer - Inländer
usw.
Wir
können die Kinder auch dazu ermutigen, Fragen
der Programmgestaltung im Fernsehen oder dem Verhältnis
zwischen Medienkonsum und anderen Bereichen des Lebens nachzugehen,
wie z. B.: |
Warum
werden Frauensendungen am Nachmittag ausgestrahlt?
Warum werden Kindersendungen zwischen ... und ... Uhr gezeigt?
Bist du damit einverstanden?
Wer sieht wohl spät in der Nacht/früh am Morgen fern?
usw.
Zur
Frage der Empfängergruppen gehört
auch die Überlegung, wie man die Gruppen erreicht:
Wie
bringen wir Menschen zum Zuhören und Zuschauen?
Welche Techniken könnten wir verwenden?
Welche Techniken verwenden die Medienproduzenten, um die Aufmerksamkeit
zu erregen und sie zu behalten? (z. B. große Schlagzeilenlettern,
attraktive Fotos, Musik ...)
Die
Frage der Technologie führt sodann
zu wirtschaftlichen und technischen Fragen:
Wie
kommt man in die Zeitung?
Wie erfährt man von einem neuen Buch oder Film?
In
diesem Zusammenhang ergibt sich das Thema "Werbung
und Marketing" fast zwangsläufig. Da aber sollten
wir nicht allein vom Standpunkt des Medienproduzenten, sondern
auch vom Standpunkt des Empfängers sprechen: |
Wie treffen Empfänger
Entscheidungen über ihre jeweilige Mediennutzung?
Wer bestimmt, was gelesen, gehört, angeschaut wird?
Welche Gründe werden da angeführt?
Gehen
wir diesen Fragen nach, indem wir z. B. persönliche Aufzeichnungen
lesen oder eine Klassenumfrage studieren, so können wir die Kinder
auf Fallen der Publikumsforschung
(Recherche)
hinweisen:
Was
bedeuten Begriffe wie "Zuschauen", "Lesen", "Sehen", oder "Zuhören"
eigentlich wirklich?
Wer entscheidet daheim, welche Videokassetten ausgeborgt, welche
Sendungen angeschaut werden?
Welche Seite in der Zeitung/Zeitschrift nehmen wir uns zuerst vor?
In welchem Zimmer (oder in welchen Zimmern) steht der Fernsehapparat?
Mit
all diesen Überlegungen können wir die Kinder ermutigen, sich nicht
notwendigerweise oder immer als einen undifferenzierten Teil eines
Massenpublikums zu sehen, sondern ihre Macht als aktive, kritische
Mediennutzer zu erkennen.
Gewiss,
es ist nicht ganz leicht sich vorzustellen, dass die Wirkung eines
Textes anders ist, als sich das Produzenten vorgestellt haben. Wir
können aber Widerstand leisten, den Text anders verstehen, jeder
kann unterschiedlich reagieren und darüber auch sprechen.
Indem Kinder ihre Reaktionen auf ihre eigenen Texte erforschen und
die Meinungen darüber den anderen Kindern mitteilen, können sie
einen Sinn dafür entwickeln, dass die Resultate nie ganz vorhersehbar
und oft schwer zu bezeichnen oder zu beschreiben sind. Damit überprüfen
und hinterfragen wir die landläufige Vorstellung von Ursache und
einheitlicher Wirkung bzw. überhaupt das einfache Modell des simplen
Ursache/Wirkung-Verständnisses, wie z. B. "Fernsehen macht die Menschen
passiv/gewalttätig/gut informiert/ängstlich ..."
Und
nun einige Vorschläge zur Formulierung von Bildungs- und Lehraufgaben:
(Welche Fähigkeiten können wir entwickeln, was sollten Kinder in
diesem Bereich verstehen und wissen?)
Die
Kinder sollen fähig sein,
-
ihre
Reaktionen auf Medientexte zu benennen, zu begründen und
darüber zu
diskutieren, z. B.: Spaß, Langeweile, Ärger, Verwirrtheit,
Furcht, Aufregung,
Ablehnung, Identifikation ...,
-
Methoden
vorzuschlagen, wie man Medienprodukte bekannt macht, z.
B.
Ankündigung von "Fortsetzung folgt nicht"; Nachspann,
Verpackung, mündliche
Weitergabe, TV- und Filmprogramme ...,
-
einfache
Umfragen über Mediennutzung bei Freunden und Bekannten
durchzuführen und die Ergebnisse in Diagrammform zu illustrieren
(ev. Projekt mit
Mathematikunterricht),
-
einen
einfachen Medientext für eine bestimmte Empfängergruppe
zu produzieren,
z. B. Poster für Eltern, Zeitung für die Klassenzimmerwand
...,
-
Hypothesen
über mögliche Reaktionen einer persönlich nicht bekannten
Empfängergruppe
anzustellen,
-
Texte,
die an unterschiedliche Empfängergruppen gerichtet sind,
z. B. "Zeit im
Bild" und "Mini-ZiB", zu vergleichen und Gründe für die
Unterschiede und Ähnlichkeiten
zu benennen,
-
verschiedene
Rahmenbedingungen (Kontexte) der Mediennutzung zu bezeichnen
und sie miteinander zu vergleichen, z. B. Kino, Mediennutzung
daheim,
in der Schule ...
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Die Kinder sollen verstehen, dass
-
verschiedene
Leute Texte verschieden verstehen und genießen und dass
diese
Unterschiede mit Faktoren wie Alter, Geschlecht, wirtschaftlichem
Status,
persönlichen Erfahrungen usw. zusammenhängen können,
-
die
Entscheidung, eine bestimmte Empfängergruppe anzusprechen,
Inhalt, Präsentation und Verbreitung des Textes beeinflusst,
-
sich
Medientexte an eine Empfängergruppe richten, die die Produzentinnen
nicht persönlich kennen und die Auswahl der speziellen
Gruppen häufig nach den Angaben der Marktforschung erfolgt,
-
verschiedene
Rahmenbedingungen der Mediennutzung die Bedeutung eines
Textes für die Empfängergruppe beeinflussen können, z.
B. wo man den Text sieht/hört, mit wem, wann, in welcher
Stimmung.
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