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In der Anfangsphase bis etwa 1907 konzentrierten sich die Filmemacher auf einzelne Aspekte im realen Geschehen, also auf die Szene, die sich während der Filmaufnahme vor der Kamera abspielte. Sie erzeugten dabei weder zeitliche Bezüge noch versuchten sie durch technische Eingriffe (wie z. B. Schnitt) in das ursächliche Geschehen einzugreifen. Dabei positionierten sie die Kamera so weit vom Geschehen, dass der menschliche Körper in seiner Gesamtheit, mit etwas Raum über dem Kopf und unterhalb der Füße abgebildet wurde. Diese Art der halbtotalen Einstellung ist auch als Tableau- oder Proszenium-Einstellung bekannt. Kamerabewegungen fehlten dabei fast gänzlich. Auch Eingriffe durch Lichtgebung waren höchst selten. Für das Aneinanderfügen von Einstellungen bildeten sich vorerst keine Konventionen heraus, um eine kontinuierliche lineare Handlung im filmischen Raum-Zeit-Gefüge herzustellen. "Von 1894 bis 1902/03 bestanden die meisten Filme aus einer einzigen Einstellung, ihren Inhalt würden wir heute als dokumentarisch bezeichnen. Damals waren sie als 'Aktualitäten' bekannt. Von 1903 bis 1907 begann allmählich der aus mehreren Einstellungen bestehende Film mit Spielhandlung zu dominieren, deren einfache Geschichte den zeitlichen und kausalen Zusammenhang zwischen Einstellungen strukturierte." (Pearson, Roberta: Das frühe Kino, S. 17. In: Geschichte des internationalen Films)

Der Zuschauer im "Kino der Attraktionen" (Tom Gunning) hingegen versteht den Film nicht durch die Interpretation von konventionalisierten filmischen Zeichen, sondern dadurch, dass er sein Wissen über den Inhalt des Films und ihm vorher bekannte Informationen darüber mit dem Filmerlebnis verbindet.

Sortie d´usineBerühmte Beispiele für das "Kino der Attraktionen" sind die nur aus einer Kameraeinstellung bestehenden Filme der Brüder Lumière, wie: Sortie d´usine (Arbeiter verlassen die Fabrik) oder L´Arrivé d´un train en gare de la Ciotat (1895, Ankunft des Zuges), der mit Hilfe einer unbeweglichen Kamera etwa 50 Sekunden lang die Ankunft einer Lokomotive in einem Bahnhof zeigt und dabei die Reisenden beim Aussteigen beobachtet, bis fast alle Reisenden die Einstellung verlassen haben.

L´Arrivé d´un train en gare de la Ciotat Einer Legende nach soll der ankommende Zug die Zuschauer so erschreckt haben, dass sie unter den Sitzen Schutz suchten. Zeitgenössischen Berichten zufolge fesselten nicht die Ereignisse im Bild das Publikum, sondern eher Details, denen ein moderner Betrachter kaum Bedeutung zukommen lassen würde. So zog z. B. die leichte Bewegung der Blätter im Hintergrund die Aufmerksamkeit auf sich oder die flackernde Reflexion des Lichts. Die meisten Filmemacher der ersten Stunde begnügten sich mit der Wiedergabe von Bewegung und der Abbildung von belebten und unbelebten Objekten.

Georges MélièsGeorges Méliès dagegen zeigt in seinen Filmen stets fantastische Begebenheiten, die in der Realität so nicht vorkamen. Auch diese Filme sind in dem für diese Periode typischen Tableaustil aufgenommen, enthalten aber durch den so genannten "Stoptrick" geheimnisvolle Erscheinungen von Darstellern und zeigen deren mysteriöses Verschwinden. Méliès manipulierte aber auch durch Mehrfachbelichtungen einer Einstellung, die bereits im 19. Jahrhundert als fotografische Technik entwickelt wurden. In vielerlei Hinsicht blieben Méliès' Filme außerordentlich theatralisch und 1907 rühmte Méliès sein Studio, dass dieses aufgebaut und ausgestattet wäre wie eine Bühne.

Lange Zeit galten die Filme von Lumière und Méliès' als Beispiele für dokumentarischen Film (Lumière) und Filme mit fiktionaler Handlung (Méliès). Solche Unterscheidungen wurden damals aber nicht getroffen, da fiktionale Elemente mit "dokumentarischem Material" gemischt wurden.

The Execution of Czologsz with Panorama of Auburn Prison"Ein Beispiel hierfür, und gleichzeitig einer der wenigen Filme aus jener Zeit mit mehr als einer Einstellung, ist The Execution of Czologsz with Panorama of Auburn Prison (1901, Hinrichtung des Präsidenten-Mörders Czologosz mittels Elektrizität, Edison), der in vier separaten Einstellungen die Hinrichtung des Attentäters von Präsident McKinley behandelt. Die ersten beiden Einstellungen sind Panoramen, die das Gefängnis von außen zeigen, die dritte zeigt einen Schauspieler als Verurteilten in der Zelle, und die vierte Einstellung stellt die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl nach." (Pearson, Roberta Das frühe Kino, S. 19. In: Geschichte des internationalen Films)

(Aus heutiger Sicht ist die Vermischung von dokumentarischem mit fiktionalem Material in manchen Fällen äußerst problematisch. Man denke etwa an einen TV-Kriegsberichterstatter, der um seinem Bericht Glaubwürdigkeit zu verleihen vor Ort Inszenierungen durchführt und dieses Material dann als authentisch ausgibt.)

EisenbahnDie ersten Filme 1894 zeigten Vaudeville-Darsteller (Vaudeville = volkstümliche szenische Darbietung kabarettistischen Charakters mit Chansons, Tanz, Akrobatik u. a) wie Schlangenmenschen oder Tänzer und dressierte Tiere. Öffentliche Ereignisse wie Paraden, Weltausstellungen und Begräbnisse waren als Sujet bei den frühen Kameramännern beliebt und 1897 konnten populäre Boxkämpfe als Film bis zu einer Stunde lang sein. Die Filme der Jahrhundertwende reflektierten auch die Faszination jener Epoche für das Reisen und so entwickelte sich der von den Brüdern Lumière eingeführte Eisenbahnfilm zu einem eigenständigen Genre.

Sehr beliebt war ein anderes frühes Genre, das Passionsspiel, das Leben und Tod Jesu Christi nacherzählte. Eine dritte Sorte von Filmen erzählte in einer einzigen Einstellung meist komische Mini-Geschichten, wieder andere bemühten sich mit Hilfe von Stoptricks und Mehrfachbelichtung oder rückwärts abgespielter Einstellungen um humoristische Einlagen.

The Big Swallow Damit wurden die Filme immer komplizierter im Aufbau und brachten manchmal mehrere Einstellungen in einen kausalen Zusammenhang, wie das Beispiel The Big Swallow (1901, Williamson) zeigt: In der ersten Einstellung sehen wir einen Kameramann, der versucht, einen Passanten abzulichten. Die zweite Einstellung zeigt uns aus der Perspektive des Kameramanns den Kopf des Passanten, der sich der Kamera nähert, dabei öffnet sich der Mund des Mannes. Als nächste Einstellung sehen wir den Fotografen wie er und seine Kamera ins Nichts fallen. Der Film endet schließlich mit einer Einstellung des Passanten, der zufrieden kauend davongeht.

1902/03 - 1907 wurde der Film mit mehreren Einstellungen von der Ausnahme zur Regel. Damit wurden Einstellungen in Filmen nicht länger als Bedeutungseinheit behandelt, sondern logisch verknüpft. Allerdings benutzten die Filmemacher von damals die Aneinanderreihung von Einstellungen nicht dazu, um räumliche und zeitliche Zusammenhänge zu konstruieren, sondern um die Höhepunkte in einer Handlung zu betonen.

Le Voyage dans la LuneEine der seltsamsten Schnittmethoden zu jener Zeit entstand aus dem Wunsch der Filmemacher, die Ereignisse vor der Kamera im späteren Film räumlich zu erhalten. Wichtige Ereignisse wurden mit Hilfe des überlappenden Schnitts dadurch betont, dass man sie zweimal zeigte. In dem wohl berühmtesten Film seiner Zeit: Le Voyage dans la Lune (1902, Die Reise zum Mond) zeigt Georges Méliès die Landung eines Raumschiffs auf dem Mond in zwei Einstellungen: In der ersten, aus der imaginären Position des Weltalls aufgenommen, landet die Rakete im Auge des Mondes, der in der Folge sein Lächeln verliert und eine Grimasse schneidet. In der nachfolgenden Einstellung, die auf der imaginären Mondoberfläche aufgenommen ist, trifft wieder das Raumschiff ins Auge des Mondes und wieder verändert sich das Lächeln zu einer Grimasse. Für den modernen Zuseher kann dies verwirrend wirken.

Der Film The Widow and the only man (Biograph, 1904) verfeinerte diese Methode und benützte den überlappenden Schnitt auch dazu, die gleiche Handlung aus größerer Nähe abzubilden. Dabei überreicht ein Verehrer in der ersten Einstellung einer Frau Blumen, die daran anerkennend riecht. Anstatt, wie heute üblich, die zweite Einstellung dort fortzusetzen, wo die erste abbrach, wird in der Großaufnahme dieselbe Handlung wiederholt.

Le Voyage dans la LuneÜber diese Schnittmethode hinaus versuchten die Filmemacher jener Zeit bereits, räumliche und zeitliche Bezüge sichtbar zu machen. Bei Le Voyage dans la Lune verwendete Méliès folgende Variante: In der ersten Einstellung verlässt das Raumschiff den Mond und tritt am unteren Rand aus dem Bild. Die zweite Einstellung zeigt, wie sich das Raumschiff von oben nach unten durch den Bildausschnitt bewegt. In der nächsten Einstellung fällt die Kapsel von oben ins Wasser und versinkt schließlich in der vierten Einstellung im Ozean. Diese Filmsequenz ist so wie auch heute üblich gefilmt. Doch während man heute harte Schnitte einsetzen würde, um den Konventionen der Kontinuität zu folgen, benützte Méliès Überblendungen, um die Einstellungen zu verbinden.

James WilliamsonDie Verbindung von Einstellungen durch Überblendungen war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, kann aber für den modernen Zuseher verwirrend sein, da diese Technik heute eher eine "zeitliche Ellipse" ausdrücken würde. Im Gegensatz zu Méliès benützte der englische Filmemacher James Williamson und namhafter, Vertreter der so genannten Brighton School, in seinen 1901 gedrehten Filmen Stop Thief! und Fire! direkte Schnitte, um Handlungen von Einstellung zu Einstellung fortzusetzen. Diese Schnittmethode war so erfolgreich, dass in der Folge viele Filme ihre Handlung darauf aufbauten und sogar ein eigenes Verfolgungsfilm-Genre entstand.

The Great Train RobberyDer berühmte "erste Western" The Great Train Robbery (1903, Edison) verwendete diese Schnittmethode, um über mehrere Einstellungen hinweg die Banditenjagd des Sheriffs und seiner Männer nachzuvollziehen.
Um das visuelle Vergnügen der Zuschauer noch zu steigern experimentierten Filmemacher dieser Epoche auch damit, die Handlungen mit kinematografischen Mitteln zu gliedern und zu dramatisieren. In erster Linie aber nicht um Details zu zeigen, die für eine Erzählung von Bedeutung sein könnten, sondern um die Spannung durch geringere Distanz zur Handlung zu erhöhen.

The Great Train RobberyIn The Great Train Robbery feuert der Bandenchef Barnes - dargestellt mithilfe einer Naheinstellung - direkt in die Kamera. Dazu wurden die Kinobesitzer von Edison ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Einstellung entweder am Anfang oder am Ende des Films eingesetzt werden könnte.


In Photographing a female Crook, der aus nur einer Einstellung besteht, versucht eine Frau, indem sie Grimassen schneidet, die Polizei davon abzuhalten, ein Verbrecherfoto aufzunehmen. Die nähere Einstellung wird mit einer Kamerafahrt realisiert.

Uncle Tom's CabinDer Vitagraph Film von 1903 Uncle Tom´s Cabin verbindet die Einstellungen nicht nur durch Schnitte, sondern auch durch das "Wissen" des Publikums zwischen den Einstellungen. Dieser Film ist auch einer der ersten mit so genannten Zwischentiteln. Diese Titel hatten die Aufgabe, die Handlung der Einstellungen zusammenzufassen.

Bis zum Aufkommen von Filmen mit mehreren Einstellungen und Zwischentiteln um 1903/04 boten die Produzenten einzelne Filmkomponenten an, die von den Kinobesitzern mit Lichtbildern und Titelkarten variiert wurden. Damit hatten die Kinobesitzer genauso viel Einfluss auf die Wirkung der Filme wie die Produzenten selbst.

VaudevilleDie Methoden des Kinos der Attraktionen vor 1907 waren darauf ausgerichtet, visuelles Vergnügen zu erzeugen und erzählten einfache Geschichten. Auch wenn viele dieser Filme den heutigen Zuschauern unverständlich erscheinen - das damalige Publikum verstand diese Filme, weil das "Kino der Attraktionen auf der Kenntnis des Publikums von anderen Texten basierte, die entweder direkte Vorläufer der Filme waren oder indirekt mit ihnen verbunden. Frühe Filmemacher lernten, wie man in einem neuen Medium Bedeutung erzeugt, doch sie arbeiteten nicht in einem Vakuum. Das Kino war in der reichhaltigen Populärkultur dieser Zeit tief verwurzelt und stützte sich in seiner Frühzeit stark auf die narrativen und visuellen Konventionen anderer Formen der populären Unterhaltung. (...) Viele frühen Filme präsentieren zusammenfassende Versionen von relativ komplexen Geschichten, bei denen sich die Produzenten wahrscheinlich eher auf das Vorwissen des Publikums als auf die filmischen Konventionen zur notwendigen narrativen Kohärenz verließen". (Pearson, Roberta: Das frühe Kino, S. 23. In: Geschichte des internationalen Films)

Im ersten Jahrzehnt seiner Existenz hatte sich das Kino als Medium also etabliert und war dabei, das Massenmedium des 20. Jahrhunderts zu werden. Eine eigenständige neue Industrie mit Produktionsmethoden, Vertriebsstrukturen, Vorführstätten und filmischen Konventionen und Techniken des Geschichtenerzählens entstand.

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