Menschen

Wie junge VolksschülerInnen die Leinwand erobern – Interview mit Elisabeth Köbke (VS Rötzergasse, Wien)

 

Elisabeth Köbke

 

 

 

 

„Beim Projekt wurde eine Vielzahl an Kompetenzen abgedeckt. Fragestellungen waren unter anderem: Wie kann ich meine Meinung äußern und begründen? Wie kann ich in Konflikten nach Lösungen suchen? Wie kann ich in Gesprächen respektvoll und angemessen sprachlich handeln?“

 

 

 

 

 

 

 

Klein hatte alles begonnen. Und dann kamen sie ganz groß heraus. Beim media literacy award 2017 wurden die Schülerinnen und Schüler von Elisabeth Köbke (Volksschule Rötzergasse, Wien) für ihr Projekt „Die Geisterjagd“ in der Kategorie „Video“ ausgezeichnet.  

 

Lisa Badura: Ihre SchülerInnen hatten voriges Jahr einen Legetrickfilm erstellt, in dem alle Aspekte eines gelungenen Films enthalten sind: Eine spannende Geschichte, gute Dialoge und eine technisch schöne Ausarbeitung. Beim Anschauen des Films bekommt man den Eindruck, dass Ihre SchülerInnen viel Spaß hatten. Die Stimmen der Dialoge zeugen von Enthusiasmus und Gefühlen der Involviertheit.

Vielleicht könnten Sie kurz umreißen, wie das Projekt entstanden ist, warum es eine fächerübergreifende Kooperation war und wie lang die SchülerInnen am Projekt gearbeitet haben.

 

Elisabeth Köbke: Die im Projekt „Die Geisterjagd“ verwendete Stop-Motion-Technik hat mich schon seit längerem fasziniert, nicht nur im schulischen Kontext. Als eine Kollegin an meiner Schule dann damit begonnen hat, mit einer SchülerInnengruppe einen Film in dieser Technik zu erstellen, war ich sofort inspiriert, dies auch in meinem Unterricht durchzuführen. Am Anfang stand natürlich das eigene Einarbeiten in die Thematik und die Technik, dann entwickelte ich ein erstes Konzept für die konkrete Umsetzung. Dabei stand nicht nur die Deutschförderung im Vordergrund, auch Kompetenzen in Medienbildung und Bildnerischer Erziehung kamen zum Tragen.

Im Oktober 2016 stellte ich das Projektvorhaben schließlich meiner Arbeitsgruppe, bestehend aus sieben SchülerInnen von acht bis zehn Jahren, vor, die sich von meiner eigenen Motivation für die Sache sofort überzeugen ließen. Insgesamt arbeiteten wir etwa neun Monate intensiv an „Die Geisterjagd“, von der Einführung, der Skizzierung erster Handlungsideen, bis hin zur Premiere.

 

Szene aus „Die Geisterjagd“

 

Es liegt nahe, dass junge SchülerInnen noch nicht so viel Erfahrung mit der Realisierung eigener Medienprojekte haben. Wie viel Freiraum haben Sie Ihren SchülerInnen eingeräumt? Welche Vorgaben gab es?

 

Es war mir wichtig, den SchülerInnen viel Freiheit bei der Umsetzung des Projektes zu geben, um die kreativen Prozesse so wenig wie möglich einzuschränken. Zu meinen Vorgaben gehörte die Stop-Motion-Technik, die ich im Vorfeld präsentierte und für die SchülerInnen der Altersgruppe auch gut umsetzbar ist. Eine Limitierung stellte zudem das Material dar: Da es nur eine Kamera und einen Laptop gab, war klar, dass es ein gemeinsamer Film werden musste.

Ich muss zugeben, dass es für mich zu Beginn schwer war, mich aus den Prozessen herauszunehmen und die Entscheidungen und den Ablauf zum größten Teil in die Hände der SchülerInnen zu legen. In kurzer Zeit konnten sie so aber vollkommen selbstständig sämtliches Equipment auf- und abbauen, die Technik bedienen, die Geschichte nach ihren Vorstellungen entwickeln und umsetzen.

 

„Es war nun nicht einfach ein Projekt, es war IHR Projekt.“

 

Die Debatten über Kinder und Medienkonsum sind momentan besonders hitzig und emotional. Übermäßiger Handykonsum ist oft schon bei jungen SchülerInnen ein Thema. Ihre Klasse hat bewiesen, wie man kreativ und ergebnisorientiert mit Medien arbeiten kann.

Wie haben Ihre SchülerInnen den Prozess der Realisierung (Themenfindung, Teammanagment, Austausch kreativer Ideen, technische Ausarbeitung) erlebt? Mit welchen Herausforderungen waren Ihre SchülerInnen bei diesem Medienprojekt – vielleicht das erste Mal – konfrontiert? Was hat gut geklappt?

 

Der Prozess war, vor allem zu Beginn, sehr konfliktreich. Die SchülerInnen haben viele Fragen zur Handlung diskutiert: Worum handelt unsere Geschichte? Wer sind die ProtagonistInnen? Wo findet die Geschichte statt?

Aber auch auf einer Metaebene mussten Aspekte der Zusammenarbeit besprochen werden: Wie werden Entscheidungen in unserer Gruppe getroffen? Wer hat Mitspracherecht? Welche Inhalte sind legitim?

Teilweise wurde von den SchülerInnen auch ein Abbruch des Projekts thematisiert. Doch dazu kam es glücklicherweise nicht, obwohl ich ihnen die Option in diesem Fall offen gelassen hätte.

 

Weiterlesen

Der media literacy award [mla] – Ein Gespräch über Zahlen und Fakten

 

Der [mla] besteht nun schon seit 18 Jahren. Einmal jährlich werden herausragende Medienprojekte österreichischer und europäischer Schulen ausgezeichnet. Angelika Fürst hat eine Auswertung des Wettbewerbs von 2017 vorgenommen. Mithilfe des Projektbegleitbogens, der den eingereichten Projekten beigelegt werden soll, hat sie interessante Erkenntnisse gewonnen.

 

Angelika Fuerst und Renate Holubek im Buero

Angelika Fürst und Renate Holubek

 

„Die spannendsten Projekte entstehen meist, wenn die Inhalte aus der Alltagswelt der Kinder und Jugendlichen kommen. Dann entsteht die Möglichkeit mit Hilfe von Medien ihre eigenen Anliegen zu artikulieren.“

 

 

Lisa Badura: Angelika, du hast den media literacy award [mla] 2017 unter die Lupe genommen. Kannst du einen Überblick über die wichtigsten Eckdaten geben?

 

Angelika Fürst: Insgesamt wurden letztes Schuljahr mehr als 500 Medienprojekte beim media literacy award eingereicht. Sehr viele Menschen haben sich beteiligt, rund 375 Personen pro Tag – SchülerInnen, LehrerInnen, DirektorInnen sowie Fachtagungs-TeilnehmerInnen – sind im Herbst zum Festival nach Wien gekommen. Diese Resonanz ist sehr erfreulich.

 

Anschließend hast du die Ergebnisse 2017 mit jenen von vor zehn Jahren verglichen. Die Festivalleiterin des [mla] Renate Holubek hat diese 2007 im Rahmen ihrer Masterthesis erhoben. Ein interessanter Vergleich, welche Erkenntnisse konntest du daraus ableiten?

 

Es war wirklich spannend, sich die Veränderungen anzusehen, vor allem, weil sich im letzten Jahrzehnt auch technologisch unglaublich viel verändert hat. Die daraus resultierenden Abweichungen herauszulesen, sorgte für ein paar überraschende Erkenntnisse.

Dabei hat sich die Kategorieverteilung beispielsweise gar nicht verändert. Genau wie 2007 werden die meisten Projekte in der Kategorie „Video“ eingereicht. Wie vor zehn Jahren machen diese auch heuer rund 70% der Einreichungen aus. „Audio“ war die zweit häufigste Kategorie, knapp gefolgt vom Multimedia-Bereich. Den geringsten Anteil machen, damals wie heute, Print-Projekte aus.

 

Neben deutlich mehr Einreichungen wird der Großteil der Projekte mittlerweile im Unterricht gemacht. Gleich zwei erfreuliche Tendenzen! Welche weiteren Aspekte haben dich bei der Auswertung positiv gestimmt?

 

Richtig, 2007 wurden 238 Projekte beim [mla] eingereicht, zehn Jahre später waren es bereits knapp über 500. Besonders positiv stimmt uns, dass die Unterrichtseinheiten, in denen Medienprojekte realisiert werden, zugenommen hat: Von durchschnittlich 12 bis 15 Stunden auf nun rund 23 Unterrichtsstunden. 2007 wurden noch viele Projekte in der Freizeit realisiert, mittlerweile wird der Großteil der eingereichten Projekte im Unterricht erarbeitet. Eine Entwicklung, die sich hoffentlich fortsetzt.

 

Interessant ist weiters, dass viele Einreichungen im fächerübergreifenden Unterricht entstehen. Die Gegenstände, in denen sehr viele Projekte umgesetzt wurden sind neben jenen, die einen Medienbezug aufweisen, Deutsch, Bildnerischer Erziehung und Englisch.

 

Gibt es Ergebnisse, die dich überrascht haben?

 

Dass etwa im Deutschunterricht so viele Medienprojekte entstehen, ist wirklich erstaunlich und haben wir so nicht erwartet. Auffallend ist auch, dass heute wesentlich mehr weibliche Lehrpersonen Medienprojekte realisieren.

Zudem finde ich spannend, dass gegenüber 2007 die Anzahl der berufsbildenden Schulen stark zugenommen hat. Das ist eine überaus positive Entwicklung. 2007 waren es nur ein Dutzend Schulen, die am [mla] teilgenommen haben, 2017 bereits knapp über 100.

 

Der media literacy award ist ein europäisch ausgeschriebener Medienwettbewerb. Deswegen sind wir besonders stolz, letztes Jahr aus zwölf verschiedenen Ländern insgesamt 85 Projekte bekommen zu haben. Die meisten davon erreichten uns aus Spanien. Dass sich in den letzten zehn Jahres dieses Netzwerk in Europa von fünf auf zwölf Länder ausgeweitet hat, das bestätigt unseren europäischen Ansatz.

 

Bestimmt habt ihr schon Schlüsse und Gedanken zur Auswertung bzw. zum Vergleich von 2007 zu 2017 gezogen. Gibt es Bereiche, auf die ihr euch in Zukunft verstärkt fokussieren wollt? Gibt es bestimmte Tendenzen, die ihr fördern möchtet?

Weiterlesen

Hinhören, zuhören, Radio machen! Das Radiomanual ist online!

 

Florian Danhel

Florian Danhel: Verfasser des Radiomanual

 

„Medienprojekte sind für SchülerInnen ein guter Anlass, sich mit der Welt außerhalb der Schule zu befassen. Im Idealfall entdecken sie dabei auch neue Potenziale bei sich selbst.“

 

 

 

Das soeben erschienene Radiomanual ist ein praktischer Leitfaden, der für den eigenen Unterricht bequem downgeloaded werden kann. Das Kompendium ist für LehrerInnen aller Schultypen und Erfahrungsleveln gedacht. Florian Danhel hat das Radiomanual konzipiert und verfasst. Ein Gespräch über die Faszination von Radio und Tipps zum Selbermachen.

 

 

Lisa Badura: Florian, du selbst bist ein eingefleischter Radio-Fan. Du hast früh mit dem Radiomachen begonnen, hast u.a. als Moderator und Redakteur bei Orange 94.0 gearbeitet, hast mehrere Jahre lang die Schülergruppe „RadioPoly “ aus Wien unterstützt und du hast auch jede Menge Workshops und Seminare im Bereich der medienpädagogischen Radioarbeit gemacht.

Was kann Radio, was Film nicht kann? Oder nicht so überspitzt gefragt, was macht für dich den Reiz auditiver Medien aus?

 

Florian Danhel: Den Reiz macht sicher der überschaubare technische Aufwand aus: Man kann gleich mal los legen und sich inhaltlichen Fragen widmen. Noch ein Vorteil: Es gibt kaum ein Thema, dass sich nicht fürs Hören aufbereiten lässt. Gleichzeitig ist man auch hinsichtlich Gestaltung und Umsetzung sehr frei und die kreativen Möglichkeiten sind wirklich vielfältig. Die Schüler und Schülerinnen können bei Themenwahl und Gestaltung ihre Ideen sehr gut einbringen, was meist zu einer höheren Identifikation mit dem Projekt führt und sich positiv auf die Zusammenarbeit auswirkt.

 

Das Radiomanual ist ein ganz praktischer Leitfaden, der für Lehrerinnen und Lehrer als Hilfestellung dienen soll, Audioprojekte im Unterricht zu realisieren. Über auditive Medien sind schon unzählige Bücher erschienen. Aber wie so oft liegt in der „Kürze die Würze“. Was war dir bei der Erstellung des Kompendiums persönlich am wichtigsten?

 

Am allerwichtigsten war, dass man beim Lesen Lust bekommt, ein Audio- und Radioprojekt zu starten. Im Mittelpunkt stand deshalb die Idee, in kompakter und übersichtlicher Form all jene Informationen zu finden, die man benötigt, um los starten zu können – von der Ideenfindung bis hin zur Präsentation oder Ausstrahlung. Für jene, die dann (hoffentlich) Feuer fangen, gibt es am Ende weiterführende Links zu weiteren empfehlenswerten Publikationen im Netz.

 

Du selber hast schon viele Gruppen bei der Erstellung von Hörspielen, Podcasts oder klassischen Radio-Beiträgen unterstützt. Angenommen einE LehrerIn kennt sich mit der Erstellung eines audiovisuellen Projekts noch nicht so gut aus und möchte im Unterricht ein erstes Projekt realisieren. Welches Format würdest du zu Beginn empfehlen? Auf was sollte man achten, dass man zu einem wünschenswerten Ergebnis kommt? Gibt es gute Freeware-Programme, die du empfehlen kannst?

 

Weiterlesen

Auf ins Filmmuseum! – Wie Filmvermittlung mit Volksschulkindern aussehen kann

 

richard_cieslar

In seiner Freizeit trainiert Richard Cieslar Kinder und Jugendliche in einem Fußballverein.

 –

.

 

 

 

 

„Beim Anschauen von historischem Filmmaterial ist es wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass es sich um ‚altes‘ Material handelt. Ich verwende da gerne den Vergleich mit Dingen des täglichen Lebens, die sich ja auch weiterentwickelt haben.“

 

 

Richard Cieslar ist Volksschullehrer an der GTVS Reichsapfelgasse im 15. Bezirk in Wien und hat mit seiner Klasse im Österreichischen Filmmuseum die Lecture „Auf der Suche nach dem Realen: Dokumentarfilm“ besucht. Welche Beobachtungen wir in der Lecture gemacht haben, haben wir in einem Artikel schon festgehalten. Aber wie hat die Klasse die Veranstaltung aufgenommen? Und wie hat der Lehrer seine SchülerInnen auf die Filme vorbereitet?

 

Wir sprachen mit Richard Cieslar.

 

Lisa Badura: Sie haben im Jänner eine Dokumentarfilm-Lecture mit Ihren SchülerInnen besucht. „Auf der Suche nach dem Realen“ –  kein leicht verdaulicher Titel für ein junges Publikum. Ihre SchülerInnen schauen vermutlich sonst eher YouTube, Netflix oder Fernsehen. Mit historischen Filmen sind die meisten Ihrer SchülerInnen vorher wohl eher weniger in Berührung gekommen. Wie haben Sie Ihre SchülerInnen auf die Veranstaltung im Filmmuseum vorbereitet? Haben Sie sie in bestimmte Themen eingeführt?

 

Richard Cieslar: Wir sind bereits einiges zum Thema „Medien“ und im Besonderen „Film“ gewöhnt. So hatten wir seit der 1. Klasse regelmäßig Theaterprobenbesuche beim Theater der Jugend, Theaterbesuche im „Dschungel Wien“, es entstehen während des Unterrichtes immer wieder Filme und wir sehen regelmäßig Filme zu Sachthemen. So konnte ich den Kindern recht leicht erklären, was ein „Dokumentarfilm“ ist.

 

Während der Veranstaltung diente jeder ca. 5-minütiger Filmausschnitt als Diskussionsgrundlage. Ausgangsfrage war nach jedem Filmbeispiel, was die Kinder gesehen haben. Welche Gedanken, Reaktionen oder Antworten hat Sie bei Ihren SchülerInnen während der Veranstaltung am meisten überrascht?

 

Vor allem bei „Nanook“ (Anm. „Nanook of the North” von Robert Flaherty, USA 1922) gingen die Kinder trotz des „nur schwarz-weiß“ und der „geringen Bildqualität“ überraschend viel mit, beim abschließenden Jazz-Film (Anm. „Jazz Dance“ von Roger Tilton, USA 1954) „steppte“ fast „der Bär“, weil die – obwohl „alte“ – Musik und der Rhythmus auf die Kinder übersprang.

 

Haben Sie die Veranstaltung später im Unterricht noch nachbereitet? Wenn ja, wie?

 

Weiterlesen

„Denken in Bewegtbildern“: Filmvermittlung im Österreichischen Filmmuseum: Interview mit Alejandro Bachmann

 

Bachmann

Foto: Natascha Unkart

 

 –

 

„Was wir versuchen, ist genau dafür zu sensibilisieren: Was denke ich, wenn ich ein Bild sehe, was fühle ich, wenn ich einer Folge von Bildern beiwohne und worin könnte der Grund dafür liegen, dass ich dies denke oder jenes fühle?“

 

 

 

Lisa Badura: Alejandro, du bist langjähriger Mitarbeiter im Filmmuseum und leitest die Abteilung für „Vermittlung, Forschung und Publikationen“. Seit 2002 legt das Filmmuseum verstärkten Wert darauf, seine Sammlungen aber auch seine spezielle Perspektive auf das Medium Film Schülerinnen und Schülern zugänglich zu machen. Ihr bietet eigens konzipierte Lectures und Workshops an. Ihr bezeichnet euch selbst als „Schule des Sehens“. Warum muss das Sehen gelernt werden?

 

Alejandro Bachmann: Das Filmmuseum hat 2002 begonnen, spezielle Veranstaltungen für jüngere Menschen anzubieten. Mittlerweile besuchen uns im Jahr rund 6000 SchülerInnen. Mit der „Schule des Sehens“ verbinden wir mehrere Ideen, die sich nicht ganz leicht zusammenfassen lassen. Diese Ideen bilden so etwas wie die Basis unserer Veranstaltungen. Wir konzipieren Veranstaltungen beispielsweise zur Zeiterfahrung im Film, zur Montage, zur filmischen Apparatur, zu Filmfarben, zu ephemeren Bildern rund um das Jahr 1938 oder zum Genre des Zombiefilms. Worum es uns im Kern geht, ist den Blick zu öffnen und einzustudieren, dass Sehen immer schon auch Denken bedeutet.

 

Was wir also versuchen, ist genau dafür zu sensibilisieren: Was denke ich, wenn ich ein Bild sehe, was fühle ich, wenn ich einer Folge von Bildern beiwohne und worin könnte der Grund dafür liegen, dass ich dies denke oder jenes fühle? Es geht also tatsächlich um eine Sensibilisierung für das eigene Sehen. Dieses herbeizuführen ist das Ziel unserer Vermittlungsveranstaltungen. Sobald man sich dem mal bewusst geworden ist, wird es unserer Erfahrung nach deutlich leichter, sich mit ungewohnten, sperrigen, vielleicht auch verstörenden Formen des Films auseinander zu setzen. Man merkt, dass man durch neue Seh-Erfahrungen, völlig neue Gedanken und Gefühle an sich selbst beobachten kann.

 

Das Kino, seine Geschichte und seine Ästhetiken sind bei diesen Überlegungen der Ausgangspunkt, weil das Kino nicht nur eine der dominantesten Formen des Denkens in Bildern im 20. Jahrhunderts war, sondern weil es auch eine ungeheure Formenvielfalt zutage gefördert hat. Zudem liegt dem Kino auch von Anfang an eine gewisse Selbstreflexivität zugrunde – Serge Daney hat mal gesagt, das Kino sei die Reflexion der Bilder von Wirklichkeit, das Fernsehen sei einfach nur Wirklichkeit. Diese Vielfalt an Bildern, die über sich selbst als Bilder nachdenken, sichtbar zu machen, ist für uns Vermittlung. Filmgeschichte zu vermitteln, Genres zu besprechen, Gattungen kennen zu lernen, all das entsteht aus dieser Grundüberlegung. Ausgangspunkt bleibt dabei aber immer die eigene Erfahrung, das eigene Sehen, mit dem man ohne großes Wissen um Hintergründe oder Fachbegriffe erstaunlich weit kommen kann. Hier und da erläutern wir vielleicht spezielles Wissen, aber das ist aus unserer Sicht erstmal nur Beiwerk.

 

IMG_2722

Einlass bei einer Filmlecture, Foto: Lisa Badura

 

Das digitale Zeitalter bedeutet vor allem für junge Menschen, Filme und YouTube-Clips via iPad und Handy zu konsumieren. Kino ist eher „out“. Und schwarz-weiß oder Stummfilme gehören einer für viele völlig unbekannten Medienära an. Neben einigen aktuelleren Produktionen präsentiert ihr vor allem historisches Material.

Welche Eindrücke zeigen dir, dass eure Vorstellungen bei Schulklassen gut ankommen?

 

  Weiterlesen

Ich seh was, was du nicht siehst…! Besuch einer Dokumentarfilm-Lecture im Österreichischen Filmmuseum

 

Wenn alte Filme auf ein junges Publikum treffen wird man skeptisch. Kann das gut gehen? Dass dies eine durchaus gelungene Kombination sein kann, beweist die Lecture „Auf der Suche nach dem Realen: Dokumentarfilm“. Fünf Volksschulklassen aus Wien nehmen an einer Veranstaltung im Österreichischen Filmmuseum teil.

 

IMG_9596

 

Durchaus spürbar wird, dass selbst historische Filme Kinder regelrecht „versinken“ lassen können. In ihre teils körnigen Projektionen, in ihre schwarz-weiß gehaltenen Leinwandwelten, ins Geschehen, das oftmals ohne Ton auskommt.

 

Selbst junge Menschen lassen sich auf vergangene Welten ein. Auch auf Welten, die anhand von Dokumentarfilmen präsentiert werden. Trotz, oder vielleicht gerade, weil sich die Sehgewohnheiten geändert haben. Während man sich früher oftmals auf langsame Einstellungen einzustellen hatte, verzichtet eine heutige Produktion – ob TV- oder Kinoproduktion, ob Dokumentar- oder Spielfilm – selten auf kurze Einstellungen, ungewohnte Kameraperspektiven oder einen aufwendig produzierten Ton.

 

IMG_9601

 

Heutige KinozuschauerInnen werden durch schnell aufeinander folgende, visuelle und akustische Reize in immer neue Bilderfolgen geleitet – bei Actionfilmen vielmehr: katapultiert. Aus heutiger Sicht ist für das Sehen von Filmen, die vor 100 Jahren entstanden sind, vielmehr so etwas wie Geduld gefragt. Einstellungen waren oftmals nicht nur länger, sondern durch viele Szenen mit wenig Handlung gekennzeichnet.

 

Alte Filme können bei jungen ZuschauerInnen gut ankommen. Denn Geschichten und Emotionalität entstehen unabhängig von der Zeit, in der ein Film entstanden ist. Davon können sich die etwa 100 Schülerinnen und Schüler im Alter von 7 bis 10 Jahren überzeugen. Stefan Huber, Filmvermittler und Mitarbeiter des Filmmuseums, präsentiert vier Filmbeispiele aus der Zeit zwischen 1895 und 1954. Nach jedem Beispiel gibt es Raum für Diskussion und Erörterung der Hintergrundinformationen.

 

IMG_9538

 

 

Die Frage nach dem Gesehenen ist die Eingangsfrage jeder Diskussion. Eine vermeintlich einfache Frage. Aber sie kann das Gespräch in viele verschiedene Richtungen öffnen. Denn wenn man sammelt, was es in einem Bild alles zu sehen gibt, kommt man rasch auf eine Fülle von Details. Und schließlich greift auch jedeR ZuschauerIn auf seine eigene Medienbiographie zurück. Filmerfahrungen und Vorlieben unterscheiden sich. Den SchülerInnen wird somit bewusst, dass „die Suche nach dem Realen“ durchaus kniffelig sein kann. Alle sehen etwas anderes. Die Reflexion der Erzählperspektive verhilft zu Rückschlüssen, ob wir uns als ZuschauerIn eher „weiter weg“ vom Geschehen oder „mittendrin“ fühlen.

 

 

Weiterlesen

Yes, we can! Wie ein Klassenblog fit fürs 21. Jahrhundert macht

 

Das neue Jahr hat begonnen – wir finden, dies ist ein guter Anlass, sich mal wieder Gedanken zu machen, auf welche Fähigkeiten es in der heutigen Zeit wirklich ankommt.

Hajnalka Berenyi-Kiss

Hajnalka Berényi-Kiss

 

„SchülerInnen müssen den Unterricht mitgestalten und Ideen einbringen können.“

 

Jemand, der sich mit der Förderung entscheidender Kompetenzen auskennt, ist Hajnalka Berényi-Kiss. Die junge Lehrerin unterrichtet an den Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus Wien. Im Schuljahr 2016/17 initiierte Hajnalka Berényi-Kiss in ihrem Englisch-Unterricht einen Klassenblog. Sowohl erste Erfahrungen in der beruflichen Praxis, Gedanken zu besuchten Konferenzen und Workshops als auch Meinungen zu digitalen Themen finden im Blog ihren Platz. Auf diese Weise wurde er zur festen Diskussions-, Dialog- und Erzählforum ihres Unterrichts.

 

Für den Blog „HTG goes real“ wurde das Team rund um Hajnalka Berényi-Kiss mit dem media literacy award 2017 in der Kategorie „Multimedia“ ausgezeichnet.

 

Ein Interview mit Hajnalka Berényi-Kiss.

 

Lisa Badura: Hajnalka, ursprünglich hattest du den Blog initiiert, damit deine Schülerinnen und Schüler ein geeignetes Tool haben, um während ihres Aufenthaltes in Brighton über ihre Erfahrungen zu berichten und miteinander im Gespräch bleiben zu können. Mittlerweile ist er fester Bestandteil eures Unterrichts. Eure Artikel haben eine große Leserschaft – nicht nur innerhalb der Schule. Kurzum: Aus dem Blog wurde ein großer Erfolg.

Stichpunkt schreiben. Was hat dich am meisten bei deinen SchülerInnen überrascht?

 

Die Konstanz und Freude, mit der sie arbeiten war etwas unerwartet. Ich schätze sehr, dass sich die SchülerInnen über ihre Texte Gedanken machen und dadurch wahrscheinlich mehr Zeit investieren als in „normale“ Hausaufgaben.

_DSC0383 by Berenyi-Kiss copy

 

Die Artikel der SchülerInnen zeugen von einer großen Bereitschaft, sich mit gesellschaftlichen Themen zu befassen: die Arbeitswelt wird kritisch unter die Lupe genommen, digitale Herausforderungen – Stichpunkt Privacy – werden reflektiert, Zukunftsszenarien durchgespielt.

In welchen Situationen zeigt sich für dich kritisches Denken?

 

In den Hertha Firnberg Schulen legen wir großen Wert auf kritisches Denken. Wir versuchen dies in allen Fächern zu fördern. Die Fremdsprachen, vor allem Englisch als Arbeitssprache, bietet sich sehr gut an, um über gesellschaftliche Themen, wie Politik und Umwelt oder volkswirtschaftliche Fragen, zu diskutieren. Dadurch wird nicht nur das Bewusstsein der SchülerInnen aktiviert und geschärft, sondern auch das kritische Denken angeregt. Für mich zeigt sich dieses kritische Denken, wenn SchülerInnen über bestimmte Ereignisse fragend reflektieren können, wenn sie den Stoff nicht einfach nur aufnehmen, sondern auch analysieren und hinterfragen, wenn sie neue Perspektiven entdecken und eigene Antworten finden.

 

_DSC0014 by Berenyi-Kiss copy

 

Viele Artikel sind von Sprachgefühl und Ironie gekennzeichnet. Lyrik, Wortspiele und Witze finden hier ihren Platz, zudem erstellt ihr schöne Fotografien für eure Artikel.

Du unterrichtest an einer Tourismus- und Wirtschaftsschule. Inwiefern sind ästhetischer Ausdruck und Sprachgefühl für das spätere Berufsumfeld eurer SchülerInnen relevant?

 

Sprachgefühl ist in jedem Beruf, in dem mit Menschen gearbeitet wird, maßgeblich. Unsere SchülerInnen absolvieren schon ab der 10. Schulstufe Tourismuspraktika, teilweise auch im Ausland. Während dieser Praktika müssen sie in verschiedenen Kommunikationssituationen den Grad der Förmlichkeit erkennen bzw. situationsangemessen reagieren und sich passend ausdrücken. Ironie und Witz haben nicht immer und überall Platz – die SchülerInnen entwickeln jedoch ein gutes Gefühl dafür, wann und wie sie mit diesen sprachlichen Mitteln bestimme Effekte erzeugen können.

 

Weiterlesen

Bundesverband Medienbildung gegründet

IMG_1254Im medienpädagogischen Bereich tut sich was! Die bundesweite Verankerung von schulischer und außerschulischer Medienbildung wird nun mittels einer offiziellen Interessensvertretung voran getrieben.

 

Der kürzlich gegründete Bundesverband Medienbildung soll Vernetzungs- und Förderarbeit leisten, sowie die Interessen von medienpädagogischen AkteurInnen – PädagogInnen, WissenschafterInnen, MedienvertreterInnen – bundesweit vertreten. „Demokratien bauen auf Medienvielfalt, sowie mediale IMG_1227Selbstbestimmung auf. Wir müssen die Medien beherrschen. Nicht die Medien uns. Dafür muss eine angemessene Diskussionskultur vermittelt werden“, fasste Verbands-Obmann Univ. Prof. Dr. Christian Swertz die Überzeugung des Bundesverbandes bei der Vorstellung der Vorstandsmitglieder zusammen.

 

Eine erste Maßnahme ist die „Woche der Medienkompetenz“, die mediamanual.at im Auftrag des BMB von 15. bis 23. Oktober erstmals durchführt. Im Rahmen dieser Aktionswoche wird die Bandbreite bestehender medienpädagogischer IMG_1250Aktivitäten in ganz Österreich gezeigt. „Medien, Schulen und medienpädagogische Institutionen bilden die drei wichtigsten Säulen dieser Aktionstage. Diese sollen sich vernetzen und den öffentlichen Diskurs voran treiben. Dafür brauchen wir kritische und mündige Schülerinnen und Schüler “, teilte Koordinator Christoph Kaindl als Ziel der Aktionswoche mit. Er zeigte sich über die große Resonanz der heurigen AkteurInnen sehr erfreut. „Wir sind überrascht, wie viele Institutionen sich bei unserer Aktionswoche bereits angemeldet haben. Auf die Workshops und Angebote sind wir schon sehr gespannt.“

 

IMG_1265

 

Die „Woche der Medienkompetenz“ soll zukünftig jährlich stattfinden. Kern der Woche der Medienkompetenz ist der schon seit 17 Jahren bestehende media literacy award. Im Rahmen des dreitägigen Festivals werden 21 Schulteams aus ganz Österreich und vielen anderen europäischen Ländern für herausragende Medienprojekte ausgezeichnet.

 

 

 

 

http://www.bundesverband-medienbildung.at/

https://www.mediamanual.at/woche-der-medienkompetenz/

https://www.mediamanual.at/media-literacy-award/

 

 

Im Vorstand sind (und auf den Fotos vertreten):

Univ. Prof. Dr. Christian Swertz (Obmann)

Christian Berger, MA

Renate Holubek, MSc

Mag. Anu Pöyskö

Mag. Martin Seibt

Helene Swaton, Dipl.-Päd.

Mag. Christoph Kaindl

(c) Fotos: Lisa Badura

 

IMG_1275

 

Kreativitätsförderung und Medienbildung – Interview mit Christian Ganzer

Christian Ganzer

 

Christian Ganzer ist Bereichsleiter der Ausstellung im ZOOM Kindermuseum in Wien. Mit seinem Team konzipiert er interaktive Ausstellungen zu technischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Themen. Die Vermittlung von Kreativität wird im Museum großgeschrieben. 

 

„In unserem Museum schlüpfen die Kinder in die Rolle von ForscherInnen, ErfinderInnen und GestalterInnen.“

 

 

Lisa Badura: Als Kurator unterscheidet sich Ihr Beruf in gewisser Weise nicht sehr stark von dem einer Lehrerin oder eines Lehrers: Sie sind damit befasst, die Neugierde von jungen Menschen zu entfachen, Wissen zu vermitteln und Kompetenzen zu stärken. In welchen Momenten spüren Sie, dass Sie einen guten Job gemacht haben, dass die Ziele Ihrer Arbeit „aufgegangen“ sind?

 –

Christian Ganzer: Von meiner Perspektive aus sehe ich die VermittlerInnen in unseren ZOOM Ausstellungen als eine Art Äquivalent zu den LehrerInnen in einer Schule. Um bei diesem Bild zu bleiben, lässt sich meine Aufgabe als Kurator von interaktiven Themen-Ausstellungen im ZOOM eher mit der Konzeption und Produktion eines Schulbuches vergleichen.

Eine gelungene Mitmach-Ausstellung erfüllt die Erwartungen vieler Positionen. Das sind an erster Stelle natürlich die Kinder und erwachsenen BesucherInnen. Ebenso wichtig sind aber noch andere Erwartungen an die Ausstellung, wie z.B. die Umsetzung der inhaltlichen und künstlerischen Leitlinie des ZOOM als interaktives Museum, jungen KünstlerInnen eine Plattform zur Umsetzung von Vermittlungsideen zu geben, dadurch die VermittlerInnen in ihrer Arbeit mit den Kindern bestmöglich zu unterstützen und ein Augenmerk darauf zu haben, dass die Erwartungen der PädagogInnen und Eltern an einen inspirierenden Ausstellungsbesuch erfüllt werden.

Für mich ist eine Ausstellung final dann gelungen, wenn die Kinder ihre Bedürfnisse nach Spiel, Spaß, Selbständigkeit und körperlichen Erfahrungen in einer Ausstellung ausleben können und dabei nachhaltig Inspirationen mit nach Hause oder in die Schule nehmen.

 

 

In Ihrem Museum wird Interaktivität großgeschrieben. Alle Ausstellungen und Workshops sind darauf ausgerichtet zu experimentieren, Gegenstände anzugreifen und Abläufe (wie z.B. Trickfilme machen, Modelle selber bauen) selber zu gestalten bzw. auszuprobieren. Das Prinzip wird auch als „hands-on“ bezeichnet. Was versprechen Sie sich von dem Konzept? Inwiefern werden durch das interaktive Arbeiten – sei es allein oder im Team – Lernprozesse angeregt?

 

Ja, im ZOOM Kindermuseum darf und soll nach Lust und Laune gefragt, berührt, geforscht, gefühlt und gespielt werden. Ganz nach dem Motto „Hands-on, minds-on, hearts-on!“ erkunden Kinder hier mit allen Sinnen die Welt – allein oder in kleinen Gruppen. Sie zoomen sich auf ihre spezifische Art und Weise an Objekte und Situationen heran und entdecken dabei sich selbst und ihre eigenen Fähigkeiten. In den Workshops und Ausstellungen für Kinder sammeln diese spielerisch sinnliche Eindrücke und emotionale Erfahrungen, die Lernprozesse auslösen und Erkenntnisse ermöglichen. Anders als in Museen für Erwachsene und bei den meisten Kinderevents, die eher auf Unterhaltung ausgelegt sind, können Kinder im ZOOM die Gegenstände ausprobieren (hands-on) und über das Greifen zum Begreifen (minds-on) kommen. Das macht Lernen zu einem individuellen und kreativen Prozess.

 

 

In Ihrem Museum gibt es ein Trickfilmstudio und ein Soundlabor. Für die medial entstandenen Arbeiten gibt es die „ZOOM Sammlung“, ein digitales Archiv. Neben der Vermittlung von technischen und naturwissenschaftlichen Themen ist somit auch das mediale und gestalterische Arbeiten ein wichtiger Bereich. Warum hat sich das Museum zur Aufgabe gemacht, das mediale Arbeiten in seine Angebote hineinzunehmen? Inwiefern fördert das Arbeiten mit Medien den kreativen Lernprozess?

 

Weiterlesen

Hands-on! – Ein Rundgang mit Christian Ganzer durch das Kindermuseum ZOOM

Wie entsteht Kreativität? Und welche Faktoren begünstigen Lernprozesse? Wir begeben uns auf einen Rundgang mit Ausstellungskurator Christian Ganzer und erfahren (medien-)pädagogische Ansätze im Kindermuseum ZOOM

IMG_8798 2

 

 

Als Kurator kennt er sich mit Kreativität aus. Christian Ganzer ist Bereichsleiter der Ausstellungen und damit betraut, mit seinem Team interaktive Ausstellungen in einem Kindermuseum zu konzipieren. Seit über 20 Jahren arbeitet Christian Ganzer bereits im Wiener Kindermuseum ZOOM – seit 2010 ist er Leiter des Ausstellungsbereichs.

 

Seit Anbeginn seiner Gründung legt das Museum zwei Schwerpunkte: die interaktive Wissensvermittlung durch die Thematisierung von Technik, Umwelt und Alltagskultur sowie Kunstvermittlung und die Ausübung eigener kreativer Arbeiten. Sensomotorische Erfahrungen machen zu können, gehört daher genauso zu den Möglichkeiten des Hauses wie das Herumexperimentieren mit Werkzeugen und Technik. So können die Kinder und Jugendlichen nicht nur im eigens ausgestatteten Trickfilmstudio und Atelier produzierend tätig werden, sondern auch im Ausstellungsbereich, in dem Stationen zum Experimentieren, Forschen und Werken einladen.

 

In Museumskonzept ist neben einer möglichst interessanten und vielseitigen Aufbereitung von Themen und Objekten die Bedeutung von Vermittlerinnen und Vermittlern zentral. „Für Kinder sind unsere VermittlerInnen ‚role models’“, erklärt Christian Ganzer beim Beginn des Rundgangs. Die Überzeugung des Museums besteht darin, dass Lernen und Kreativität sich besonders gut über Persönlichkeiten entfalten. Die Aktivitäten und Themen im Museum werden daher stark von internen und externen VermittlerInnen und KünstlerInnen getragen. Einige VermittlerInnen haben zudem Migrationshintergrund. „Der persönliche Bezug zum Thema macht auf die Jugendlichen und Kinder meist mehr Eindruck als jedes noch so schön gewählte Thema“, so der Kurator.

 

IMG_8739IMG_8750

 

 

 

 

 

 

 

Ankunft im Trickfilmstudio.

„Viele unserer Workshops werden von Künstlern durchgeführt. So kann es durchaus vorkommen, dass neben Filmemachern auch einmal DJs einen Workshop übernehmen. Der persönliche Interessenschwerpunkt entscheidet natürlich auch darüber, wie man seine eigene Kreativität einsetzt. So legt der DJ vermehrten Fokus auf eine aufwendige Soundkulisse beim Film.“ Die Erfahrungen der Kuratorinnen und Kuratoren des Hauses zeigen, dass Begeisterung bei den Kindern gerade dann zustande komme, wenn auch die Workshopleiterinnen und -leiter in ihrem Element seien.

 

IMG_8770

IMG_8758

 

 

 

 

 

 

 

Im Trickfilmstudio erwarten uns neben Scheinwerfern, Kameraequipment und Computern zwei große Multimedia-Tische, die via digitaler Übertragung mit einem Beamer verbunden sind. So können die aufgelegten – und von den Kindern selbstgemalten – Motive direkt auf Großleinwand gebeamt werden. „Lustig ist, wie unterschiedlich Kreativität bei Kindern und Erwachsenen entsteht und ausgelebt wird“, so Christian Ganzer. „Wir hatten auch schon Erwachsenen-Workshops in unserem Trickfilmstudio. Es waren Managerinnen und Manager, die einen Trickfilm machen wollten. Es wurde lang diskutiert, welches Thema der Film haben sollte. Argumente wurden miteinander abgewogen, viele Ideen verworfen und solange diskutiert, bis ein Thema übrig blieb. Bei den Kindern läuft das oft anders ab. Da werden Ideen meist miteinander kombiniert. Dass Ponys ins Weltall geschickt werden und unterschiedliche Welten einfach miteinander verwoben werden, ist für die Kinder kein Problem.“

Um auch der Öffentlichkeit, die Arbeiten der Workshops zugänglich zu machen, werden alle Film- und Soundarbeiten in der digitalen ZOOM-Sammlung archiviert.

 

 

Nächste Station: der Atelierraum.

Im aktuellen Workshop laden neben einer großen Werkbank und einer üppigen Auswahl an Werkzeugen und Farbutensilien, riesige Wasserbecken zum freien Experimentieren mit verschiedenen Elementen ein. Der Authentizitätsaspekt sei wichtig. „Hier im Atelier ist jede Säge echt. Die Kinder sollen mit echtem Werkzeug arbeiten, um zu verstehen, wie man mit den einzelnen Tools umgehen muss, ohne sich zu verletzen. Indem man Kinder an der Erwachsenenwelt teilhaben lässt, sie nicht mit Spielzeug ‚abspeist‛ fühlen sie sich ernst genommen und in ihrem im Selbstbewusstsein gestärkt.“, so der Ausstellungskurator.

IMG_8783IMG_8794

 

 

Je nach Themenschwerpunkt kreieren die Kinder anhand von Erde, Ton und Holz kleinere und größere Arbeiten aller Art. Aktuell steht alles im Zeichen des Wassers. Es darf geplantscht, gewerkt, experimentiert werden. Innere Welten können hier anhand von selbstgeschnitzten Booten und selbstfabrizierten Wasserwelten auch eine äußere Form annehmen.

 

IMG_8779 2

IMG_8789

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir erreichen die großen hellen Ausstellungsräume, die in unserem Fall das Thema Hören und Sehen thematisieren. Der Ausstellungsbereich ist interaktiv angelegt. Alle Objekte laden dazu ein, angefasst und je nach Funktion ausprobiert zu werden. Die Erzeugung von Sinnestäuschungen wird beispielsweise anhand von nachgebauten Zimmern mit verkehrten Perspektiven dargestellt. In diesen Räumen wird Wissensvermittlung mit der Möglichkeit, kreativ tätig zu werden, verbunden. Zwischen den einzelnen Ausstellungsinstallationen sind Bastelstationen angebracht. Tische, Sessel und entsprechende Materialien laden dazu ein, Erlerntes und Erfahrenes in eigene Bilder zu verpacken. „Kreativität entfaltet sich am besten an Orten, an denen man sich wohlfühlt.“, so Christian Ganzer. Das Museum achte daher auf eine passende Farbumgebung und ein wertschätzende Atmosphäre.

 

IMG_8797

 

Als wir auf das Zielpublikum zu sprechen kommen, merkt Christian Ganzer selbstkritisch an, dass das Museum zwar über die Klassenworkshops ein sehr heterogenes Zielpublikum erreiche und damit auch viele Kinder ins Hause kommen, die in ihrer Freizeit, selten ins Museum gehen. „Aber am Wochenende und an den Nachmittagen erreichen wir standortbedingt eher nur Familien und Touristen, die man wohl dem ‚Bildungsbürgertum’ zurechnen würde.“ Um Kindern und Jugendlichen Workshop-Angebote auch in den Außenbezirken Wiens ermöglichen zu können, wurde die Initiative ZOOM 16 gegründet. Im Wiener Gemeindebezirk Ottakring hat das Museum eine Kreativwerkstatt etabliert, in der Kinder und Jugendliche auch fernab des prestigeträchtigen Hauptstandortes werken, basteln und Filme in der Trickfilmwerkstatt produzieren können.

 

 

 

Das Kindermuseum ZOOM

Die Idee, ein interaktives Museum für Kinder und Jugendliche anzubieten, entstand während eines USA-Aufenthaltes, als Claudia Haas, die Gründerin des Museums, Anfang der 1990er Jahre eines der ersten Kunstmuseen nach dem Hands on Prinzip in den USA entdeckte. 1994 eröffnete Claudia Haas als private Initiative das Museum in den provisorischen Räumlichkeiten der ehemaligen Stallungen im heutigen Museumsquartier. 2001 wurde das Kindermuseum ZOOM in den neugestalteten Räumen im Museumsquartier neu eröffnet.

2015 wurde dem Museum der „Children in Museums Award“ verliehen.

 

Mehr Infos:

http://www.kindermuseum.at/

 

 

ZOOM Sammlung:

http://www.kindermuseum.at/jart/prj3/zoom_2013/main.jart?rel=de&content-id=1363947035979&reserve-mode=reserve

 

IMG_8801 2

 

Fotos: Lisa Badura