Interview

Wie junge VolksschülerInnen die Leinwand erobern – Interview mit Elisabeth Köbke (VS Rötzergasse, Wien)

 

Elisabeth Köbke

 

 

 

 

„Beim Projekt wurde eine Vielzahl an Kompetenzen abgedeckt. Fragestellungen waren unter anderem: Wie kann ich meine Meinung äußern und begründen? Wie kann ich in Konflikten nach Lösungen suchen? Wie kann ich in Gesprächen respektvoll und angemessen sprachlich handeln?“

 

 

 

 

 

 

 

Klein hatte alles begonnen. Und dann kamen sie ganz groß heraus. Beim media literacy award 2017 wurden die Schülerinnen und Schüler von Elisabeth Köbke (Volksschule Rötzergasse, Wien) für ihr Projekt „Die Geisterjagd“ in der Kategorie „Video“ ausgezeichnet.  

 

Lisa Badura: Ihre SchülerInnen hatten voriges Jahr einen Legetrickfilm erstellt, in dem alle Aspekte eines gelungenen Films enthalten sind: Eine spannende Geschichte, gute Dialoge und eine technisch schöne Ausarbeitung. Beim Anschauen des Films bekommt man den Eindruck, dass Ihre SchülerInnen viel Spaß hatten. Die Stimmen der Dialoge zeugen von Enthusiasmus und Gefühlen der Involviertheit.

Vielleicht könnten Sie kurz umreißen, wie das Projekt entstanden ist, warum es eine fächerübergreifende Kooperation war und wie lang die SchülerInnen am Projekt gearbeitet haben.

 

Elisabeth Köbke: Die im Projekt „Die Geisterjagd“ verwendete Stop-Motion-Technik hat mich schon seit längerem fasziniert, nicht nur im schulischen Kontext. Als eine Kollegin an meiner Schule dann damit begonnen hat, mit einer SchülerInnengruppe einen Film in dieser Technik zu erstellen, war ich sofort inspiriert, dies auch in meinem Unterricht durchzuführen. Am Anfang stand natürlich das eigene Einarbeiten in die Thematik und die Technik, dann entwickelte ich ein erstes Konzept für die konkrete Umsetzung. Dabei stand nicht nur die Deutschförderung im Vordergrund, auch Kompetenzen in Medienbildung und Bildnerischer Erziehung kamen zum Tragen.

Im Oktober 2016 stellte ich das Projektvorhaben schließlich meiner Arbeitsgruppe, bestehend aus sieben SchülerInnen von acht bis zehn Jahren, vor, die sich von meiner eigenen Motivation für die Sache sofort überzeugen ließen. Insgesamt arbeiteten wir etwa neun Monate intensiv an „Die Geisterjagd“, von der Einführung, der Skizzierung erster Handlungsideen, bis hin zur Premiere.

 

Szene aus „Die Geisterjagd“

 

Es liegt nahe, dass junge SchülerInnen noch nicht so viel Erfahrung mit der Realisierung eigener Medienprojekte haben. Wie viel Freiraum haben Sie Ihren SchülerInnen eingeräumt? Welche Vorgaben gab es?

 

Es war mir wichtig, den SchülerInnen viel Freiheit bei der Umsetzung des Projektes zu geben, um die kreativen Prozesse so wenig wie möglich einzuschränken. Zu meinen Vorgaben gehörte die Stop-Motion-Technik, die ich im Vorfeld präsentierte und für die SchülerInnen der Altersgruppe auch gut umsetzbar ist. Eine Limitierung stellte zudem das Material dar: Da es nur eine Kamera und einen Laptop gab, war klar, dass es ein gemeinsamer Film werden musste.

Ich muss zugeben, dass es für mich zu Beginn schwer war, mich aus den Prozessen herauszunehmen und die Entscheidungen und den Ablauf zum größten Teil in die Hände der SchülerInnen zu legen. In kurzer Zeit konnten sie so aber vollkommen selbstständig sämtliches Equipment auf- und abbauen, die Technik bedienen, die Geschichte nach ihren Vorstellungen entwickeln und umsetzen.

 

„Es war nun nicht einfach ein Projekt, es war IHR Projekt.“

 

Die Debatten über Kinder und Medienkonsum sind momentan besonders hitzig und emotional. Übermäßiger Handykonsum ist oft schon bei jungen SchülerInnen ein Thema. Ihre Klasse hat bewiesen, wie man kreativ und ergebnisorientiert mit Medien arbeiten kann.

Wie haben Ihre SchülerInnen den Prozess der Realisierung (Themenfindung, Teammanagment, Austausch kreativer Ideen, technische Ausarbeitung) erlebt? Mit welchen Herausforderungen waren Ihre SchülerInnen bei diesem Medienprojekt – vielleicht das erste Mal – konfrontiert? Was hat gut geklappt?

 

Der Prozess war, vor allem zu Beginn, sehr konfliktreich. Die SchülerInnen haben viele Fragen zur Handlung diskutiert: Worum handelt unsere Geschichte? Wer sind die ProtagonistInnen? Wo findet die Geschichte statt?

Aber auch auf einer Metaebene mussten Aspekte der Zusammenarbeit besprochen werden: Wie werden Entscheidungen in unserer Gruppe getroffen? Wer hat Mitspracherecht? Welche Inhalte sind legitim?

Teilweise wurde von den SchülerInnen auch ein Abbruch des Projekts thematisiert. Doch dazu kam es glücklicherweise nicht, obwohl ich ihnen die Option in diesem Fall offen gelassen hätte.

 

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Der media literacy award [mla] – Ein Gespräch über Zahlen und Fakten

 

Der [mla] besteht nun schon seit 18 Jahren. Einmal jährlich werden herausragende Medienprojekte österreichischer und europäischer Schulen ausgezeichnet. Angelika Fürst hat eine Auswertung des Wettbewerbs von 2017 vorgenommen. Mithilfe des Projektbegleitbogens, der den eingereichten Projekten beigelegt werden soll, hat sie interessante Erkenntnisse gewonnen.

 

Angelika Fuerst und Renate Holubek im Buero

Angelika Fürst und Renate Holubek

 

„Die spannendsten Projekte entstehen meist, wenn die Inhalte aus der Alltagswelt der Kinder und Jugendlichen kommen. Dann entsteht die Möglichkeit mit Hilfe von Medien ihre eigenen Anliegen zu artikulieren.“

 

 

Lisa Badura: Angelika, du hast den media literacy award [mla] 2017 unter die Lupe genommen. Kannst du einen Überblick über die wichtigsten Eckdaten geben?

 

Angelika Fürst: Insgesamt wurden letztes Schuljahr mehr als 500 Medienprojekte beim media literacy award eingereicht. Sehr viele Menschen haben sich beteiligt, rund 375 Personen pro Tag – SchülerInnen, LehrerInnen, DirektorInnen sowie Fachtagungs-TeilnehmerInnen – sind im Herbst zum Festival nach Wien gekommen. Diese Resonanz ist sehr erfreulich.

 

Anschließend hast du die Ergebnisse 2017 mit jenen von vor zehn Jahren verglichen. Die Festivalleiterin des [mla] Renate Holubek hat diese 2007 im Rahmen ihrer Masterthesis erhoben. Ein interessanter Vergleich, welche Erkenntnisse konntest du daraus ableiten?

 

Es war wirklich spannend, sich die Veränderungen anzusehen, vor allem, weil sich im letzten Jahrzehnt auch technologisch unglaublich viel verändert hat. Die daraus resultierenden Abweichungen herauszulesen, sorgte für ein paar überraschende Erkenntnisse.

Dabei hat sich die Kategorieverteilung beispielsweise gar nicht verändert. Genau wie 2007 werden die meisten Projekte in der Kategorie „Video“ eingereicht. Wie vor zehn Jahren machen diese auch heuer rund 70% der Einreichungen aus. „Audio“ war die zweit häufigste Kategorie, knapp gefolgt vom Multimedia-Bereich. Den geringsten Anteil machen, damals wie heute, Print-Projekte aus.

 

Neben deutlich mehr Einreichungen wird der Großteil der Projekte mittlerweile im Unterricht gemacht. Gleich zwei erfreuliche Tendenzen! Welche weiteren Aspekte haben dich bei der Auswertung positiv gestimmt?

 

Richtig, 2007 wurden 238 Projekte beim [mla] eingereicht, zehn Jahre später waren es bereits knapp über 500. Besonders positiv stimmt uns, dass die Unterrichtseinheiten, in denen Medienprojekte realisiert werden, zugenommen hat: Von durchschnittlich 12 bis 15 Stunden auf nun rund 23 Unterrichtsstunden. 2007 wurden noch viele Projekte in der Freizeit realisiert, mittlerweile wird der Großteil der eingereichten Projekte im Unterricht erarbeitet. Eine Entwicklung, die sich hoffentlich fortsetzt.

 

Interessant ist weiters, dass viele Einreichungen im fächerübergreifenden Unterricht entstehen. Die Gegenstände, in denen sehr viele Projekte umgesetzt wurden sind neben jenen, die einen Medienbezug aufweisen, Deutsch, Bildnerischer Erziehung und Englisch.

 

Gibt es Ergebnisse, die dich überrascht haben?

 

Dass etwa im Deutschunterricht so viele Medienprojekte entstehen, ist wirklich erstaunlich und haben wir so nicht erwartet. Auffallend ist auch, dass heute wesentlich mehr weibliche Lehrpersonen Medienprojekte realisieren.

Zudem finde ich spannend, dass gegenüber 2007 die Anzahl der berufsbildenden Schulen stark zugenommen hat. Das ist eine überaus positive Entwicklung. 2007 waren es nur ein Dutzend Schulen, die am [mla] teilgenommen haben, 2017 bereits knapp über 100.

 

Der media literacy award ist ein europäisch ausgeschriebener Medienwettbewerb. Deswegen sind wir besonders stolz, letztes Jahr aus zwölf verschiedenen Ländern insgesamt 85 Projekte bekommen zu haben. Die meisten davon erreichten uns aus Spanien. Dass sich in den letzten zehn Jahres dieses Netzwerk in Europa von fünf auf zwölf Länder ausgeweitet hat, das bestätigt unseren europäischen Ansatz.

 

Bestimmt habt ihr schon Schlüsse und Gedanken zur Auswertung bzw. zum Vergleich von 2007 zu 2017 gezogen. Gibt es Bereiche, auf die ihr euch in Zukunft verstärkt fokussieren wollt? Gibt es bestimmte Tendenzen, die ihr fördern möchtet?

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Hinhören, zuhören, Radio machen! Das Radiomanual ist online!

 

Florian Danhel

Florian Danhel: Verfasser des Radiomanual

 

„Medienprojekte sind für SchülerInnen ein guter Anlass, sich mit der Welt außerhalb der Schule zu befassen. Im Idealfall entdecken sie dabei auch neue Potenziale bei sich selbst.“

 

 

 

Das soeben erschienene Radiomanual ist ein praktischer Leitfaden, der für den eigenen Unterricht bequem downgeloaded werden kann. Das Kompendium ist für LehrerInnen aller Schultypen und Erfahrungsleveln gedacht. Florian Danhel hat das Radiomanual konzipiert und verfasst. Ein Gespräch über die Faszination von Radio und Tipps zum Selbermachen.

 

 

Lisa Badura: Florian, du selbst bist ein eingefleischter Radio-Fan. Du hast früh mit dem Radiomachen begonnen, hast u.a. als Moderator und Redakteur bei Orange 94.0 gearbeitet, hast mehrere Jahre lang die Schülergruppe „RadioPoly “ aus Wien unterstützt und du hast auch jede Menge Workshops und Seminare im Bereich der medienpädagogischen Radioarbeit gemacht.

Was kann Radio, was Film nicht kann? Oder nicht so überspitzt gefragt, was macht für dich den Reiz auditiver Medien aus?

 

Florian Danhel: Den Reiz macht sicher der überschaubare technische Aufwand aus: Man kann gleich mal los legen und sich inhaltlichen Fragen widmen. Noch ein Vorteil: Es gibt kaum ein Thema, dass sich nicht fürs Hören aufbereiten lässt. Gleichzeitig ist man auch hinsichtlich Gestaltung und Umsetzung sehr frei und die kreativen Möglichkeiten sind wirklich vielfältig. Die Schüler und Schülerinnen können bei Themenwahl und Gestaltung ihre Ideen sehr gut einbringen, was meist zu einer höheren Identifikation mit dem Projekt führt und sich positiv auf die Zusammenarbeit auswirkt.

 

Das Radiomanual ist ein ganz praktischer Leitfaden, der für Lehrerinnen und Lehrer als Hilfestellung dienen soll, Audioprojekte im Unterricht zu realisieren. Über auditive Medien sind schon unzählige Bücher erschienen. Aber wie so oft liegt in der „Kürze die Würze“. Was war dir bei der Erstellung des Kompendiums persönlich am wichtigsten?

 

Am allerwichtigsten war, dass man beim Lesen Lust bekommt, ein Audio- und Radioprojekt zu starten. Im Mittelpunkt stand deshalb die Idee, in kompakter und übersichtlicher Form all jene Informationen zu finden, die man benötigt, um los starten zu können – von der Ideenfindung bis hin zur Präsentation oder Ausstrahlung. Für jene, die dann (hoffentlich) Feuer fangen, gibt es am Ende weiterführende Links zu weiteren empfehlenswerten Publikationen im Netz.

 

Du selber hast schon viele Gruppen bei der Erstellung von Hörspielen, Podcasts oder klassischen Radio-Beiträgen unterstützt. Angenommen einE LehrerIn kennt sich mit der Erstellung eines audiovisuellen Projekts noch nicht so gut aus und möchte im Unterricht ein erstes Projekt realisieren. Welches Format würdest du zu Beginn empfehlen? Auf was sollte man achten, dass man zu einem wünschenswerten Ergebnis kommt? Gibt es gute Freeware-Programme, die du empfehlen kannst?

 

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„Denken in Bewegtbildern“: Filmvermittlung im Österreichischen Filmmuseum: Interview mit Alejandro Bachmann

 

Bachmann

Foto: Natascha Unkart

 

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„Was wir versuchen, ist genau dafür zu sensibilisieren: Was denke ich, wenn ich ein Bild sehe, was fühle ich, wenn ich einer Folge von Bildern beiwohne und worin könnte der Grund dafür liegen, dass ich dies denke oder jenes fühle?“

 

 

 

Lisa Badura: Alejandro, du bist langjähriger Mitarbeiter im Filmmuseum und leitest die Abteilung für „Vermittlung, Forschung und Publikationen“. Seit 2002 legt das Filmmuseum verstärkten Wert darauf, seine Sammlungen aber auch seine spezielle Perspektive auf das Medium Film Schülerinnen und Schülern zugänglich zu machen. Ihr bietet eigens konzipierte Lectures und Workshops an. Ihr bezeichnet euch selbst als „Schule des Sehens“. Warum muss das Sehen gelernt werden?

 

Alejandro Bachmann: Das Filmmuseum hat 2002 begonnen, spezielle Veranstaltungen für jüngere Menschen anzubieten. Mittlerweile besuchen uns im Jahr rund 6000 SchülerInnen. Mit der „Schule des Sehens“ verbinden wir mehrere Ideen, die sich nicht ganz leicht zusammenfassen lassen. Diese Ideen bilden so etwas wie die Basis unserer Veranstaltungen. Wir konzipieren Veranstaltungen beispielsweise zur Zeiterfahrung im Film, zur Montage, zur filmischen Apparatur, zu Filmfarben, zu ephemeren Bildern rund um das Jahr 1938 oder zum Genre des Zombiefilms. Worum es uns im Kern geht, ist den Blick zu öffnen und einzustudieren, dass Sehen immer schon auch Denken bedeutet.

 

Was wir also versuchen, ist genau dafür zu sensibilisieren: Was denke ich, wenn ich ein Bild sehe, was fühle ich, wenn ich einer Folge von Bildern beiwohne und worin könnte der Grund dafür liegen, dass ich dies denke oder jenes fühle? Es geht also tatsächlich um eine Sensibilisierung für das eigene Sehen. Dieses herbeizuführen ist das Ziel unserer Vermittlungsveranstaltungen. Sobald man sich dem mal bewusst geworden ist, wird es unserer Erfahrung nach deutlich leichter, sich mit ungewohnten, sperrigen, vielleicht auch verstörenden Formen des Films auseinander zu setzen. Man merkt, dass man durch neue Seh-Erfahrungen, völlig neue Gedanken und Gefühle an sich selbst beobachten kann.

 

Das Kino, seine Geschichte und seine Ästhetiken sind bei diesen Überlegungen der Ausgangspunkt, weil das Kino nicht nur eine der dominantesten Formen des Denkens in Bildern im 20. Jahrhunderts war, sondern weil es auch eine ungeheure Formenvielfalt zutage gefördert hat. Zudem liegt dem Kino auch von Anfang an eine gewisse Selbstreflexivität zugrunde – Serge Daney hat mal gesagt, das Kino sei die Reflexion der Bilder von Wirklichkeit, das Fernsehen sei einfach nur Wirklichkeit. Diese Vielfalt an Bildern, die über sich selbst als Bilder nachdenken, sichtbar zu machen, ist für uns Vermittlung. Filmgeschichte zu vermitteln, Genres zu besprechen, Gattungen kennen zu lernen, all das entsteht aus dieser Grundüberlegung. Ausgangspunkt bleibt dabei aber immer die eigene Erfahrung, das eigene Sehen, mit dem man ohne großes Wissen um Hintergründe oder Fachbegriffe erstaunlich weit kommen kann. Hier und da erläutern wir vielleicht spezielles Wissen, aber das ist aus unserer Sicht erstmal nur Beiwerk.

 

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Einlass bei einer Filmlecture, Foto: Lisa Badura

 

Das digitale Zeitalter bedeutet vor allem für junge Menschen, Filme und YouTube-Clips via iPad und Handy zu konsumieren. Kino ist eher „out“. Und schwarz-weiß oder Stummfilme gehören einer für viele völlig unbekannten Medienära an. Neben einigen aktuelleren Produktionen präsentiert ihr vor allem historisches Material.

Welche Eindrücke zeigen dir, dass eure Vorstellungen bei Schulklassen gut ankommen?

 

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Yes, we can! Wie ein Klassenblog fit fürs 21. Jahrhundert macht

 

Das neue Jahr hat begonnen – wir finden, dies ist ein guter Anlass, sich mal wieder Gedanken zu machen, auf welche Fähigkeiten es in der heutigen Zeit wirklich ankommt.

Hajnalka Berenyi-Kiss

Hajnalka Berényi-Kiss

 

„SchülerInnen müssen den Unterricht mitgestalten und Ideen einbringen können.“

 

Jemand, der sich mit der Förderung entscheidender Kompetenzen auskennt, ist Hajnalka Berényi-Kiss. Die junge Lehrerin unterrichtet an den Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus Wien. Im Schuljahr 2016/17 initiierte Hajnalka Berényi-Kiss in ihrem Englisch-Unterricht einen Klassenblog. Sowohl erste Erfahrungen in der beruflichen Praxis, Gedanken zu besuchten Konferenzen und Workshops als auch Meinungen zu digitalen Themen finden im Blog ihren Platz. Auf diese Weise wurde er zur festen Diskussions-, Dialog- und Erzählforum ihres Unterrichts.

 

Für den Blog „HTG goes real“ wurde das Team rund um Hajnalka Berényi-Kiss mit dem media literacy award 2017 in der Kategorie „Multimedia“ ausgezeichnet.

 

Ein Interview mit Hajnalka Berényi-Kiss.

 

Lisa Badura: Hajnalka, ursprünglich hattest du den Blog initiiert, damit deine Schülerinnen und Schüler ein geeignetes Tool haben, um während ihres Aufenthaltes in Brighton über ihre Erfahrungen zu berichten und miteinander im Gespräch bleiben zu können. Mittlerweile ist er fester Bestandteil eures Unterrichts. Eure Artikel haben eine große Leserschaft – nicht nur innerhalb der Schule. Kurzum: Aus dem Blog wurde ein großer Erfolg.

Stichpunkt schreiben. Was hat dich am meisten bei deinen SchülerInnen überrascht?

 

Die Konstanz und Freude, mit der sie arbeiten war etwas unerwartet. Ich schätze sehr, dass sich die SchülerInnen über ihre Texte Gedanken machen und dadurch wahrscheinlich mehr Zeit investieren als in „normale“ Hausaufgaben.

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Die Artikel der SchülerInnen zeugen von einer großen Bereitschaft, sich mit gesellschaftlichen Themen zu befassen: die Arbeitswelt wird kritisch unter die Lupe genommen, digitale Herausforderungen – Stichpunkt Privacy – werden reflektiert, Zukunftsszenarien durchgespielt.

In welchen Situationen zeigt sich für dich kritisches Denken?

 

In den Hertha Firnberg Schulen legen wir großen Wert auf kritisches Denken. Wir versuchen dies in allen Fächern zu fördern. Die Fremdsprachen, vor allem Englisch als Arbeitssprache, bietet sich sehr gut an, um über gesellschaftliche Themen, wie Politik und Umwelt oder volkswirtschaftliche Fragen, zu diskutieren. Dadurch wird nicht nur das Bewusstsein der SchülerInnen aktiviert und geschärft, sondern auch das kritische Denken angeregt. Für mich zeigt sich dieses kritische Denken, wenn SchülerInnen über bestimmte Ereignisse fragend reflektieren können, wenn sie den Stoff nicht einfach nur aufnehmen, sondern auch analysieren und hinterfragen, wenn sie neue Perspektiven entdecken und eigene Antworten finden.

 

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Viele Artikel sind von Sprachgefühl und Ironie gekennzeichnet. Lyrik, Wortspiele und Witze finden hier ihren Platz, zudem erstellt ihr schöne Fotografien für eure Artikel.

Du unterrichtest an einer Tourismus- und Wirtschaftsschule. Inwiefern sind ästhetischer Ausdruck und Sprachgefühl für das spätere Berufsumfeld eurer SchülerInnen relevant?

 

Sprachgefühl ist in jedem Beruf, in dem mit Menschen gearbeitet wird, maßgeblich. Unsere SchülerInnen absolvieren schon ab der 10. Schulstufe Tourismuspraktika, teilweise auch im Ausland. Während dieser Praktika müssen sie in verschiedenen Kommunikationssituationen den Grad der Förmlichkeit erkennen bzw. situationsangemessen reagieren und sich passend ausdrücken. Ironie und Witz haben nicht immer und überall Platz – die SchülerInnen entwickeln jedoch ein gutes Gefühl dafür, wann und wie sie mit diesen sprachlichen Mitteln bestimme Effekte erzeugen können.

 

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Das war „die Woche der Medienkompetenz“ – Interview mit Koordinator Christoph Kaindel

Christoph Kaindel

Christoph Kaindel

 

„Medienbildung ist auch politische Bildung. Mir ist wichtig, dass wir weiterhin die Rolle der Medien und der eigenen Medienproduktion im Sinne der gesellschaftlichen Teilhabe, des ‚Empowerment‘, der kreativen Verwirklichung eigener Ideen betonen.“

 

 

 

Lisa Badura: Heuer fand zum ersten Mal die Woche der Medienkompetenz statt. Über 60 Akteurinnen und Akteure nahmen bundesweit teil. Ein Erfolg für die Veranstaltung. Was hat dich persönlich am meisten erfreut? Was hat dich am meisten überrascht?
Erfreut und zugleich überrascht hat mich, dass tatsächlich so viele Veranstaltungen und Aktivitäten zusammengekommen sind. Wir haben ja im ersten Jahr mit 40 oder 50 gerechnet, das war schon optimistisch, und jetzt sind es beinahe 70 geworden. Das freut mich wirklich sehr.

 

Das große Interesse am Thema kann man auch an der großen Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehen. Wenn alle Pläne aufgehen, wird die Woche der Medienkompetenz auch nächstes Jahr stattfinden. Was wünscht du dir für nächstes Jahr?

Ich wünsche mir, dass im nächsten Jahr Aktivitäten aus allen Bundesländern vertreten sind. Dieses Jahr war – noch – der Schwerpunkt in Wien, sehr viel gab es auch in Tirol, wo ich mich ganz herzlich für den Einsatz von Petra Missomelius und ihren KollegInnen an der Universität Innsbruck bedanke. Aus anderen Bundesländern kamen einige Meldungen von schönen Veranstaltungen, aber ich weiß, dass es da viel mehr gibt, das wir gerne hinter dem Vorhang hervor holen würden. Darum werden wir uns bemühen.

 

Das Programm zeichnete sich u.a. durch thematische Vielfalt aus. Ob Gaming, Fake News oder „klassische Medien“ – die Veranstaltungen waren breitgefächert und richteten sich an verschiedenste Zielgruppen. Welche Aspekte/Fragen/Themen gehören deiner Meinung nach noch stärker in den Vordergrund? Welche Institutionen sollten nächstes Jahr im besonderen Maße adressiert werden?

Ich bin froh, dass diese thematische Vielfalt da war, es waren wirklich alle Bereiche abgedeckt – von Zeitung über Radio, Fernsehen, soziale Medien, Spiele, Coding bis hin zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Medieninhalten. So sollte es sein. Die Aktionswoche stand heuer unter dem Motto „Medien und Gesellschaft“, und diesen Zusammenhang werden wir auch in Zukunft mitdenken. Medienbildung ist auch politische Bildung. Mir ist wichtig, dass wir weiterhin die Rolle der Medien und der eigenen Medienproduktion im Sinne der gesellschaftlichen Teilhabe, des „Empowerment“, der kreativen Verwirklichung eigener Ideen betonen. Ganz im Sinne der Grundideen des media literacy award, der ja auch das Herzstück der Woche der Medienkompetenz bildet. Im nächsten Jahr sollen Kunst- und Kulturschaffende stärker angesprochen werden, dazu haben wir heuer mit der Zusammenarbeit mit KulturKontakt Austria den Grundstein gelegt.

 

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Kreativitätsförderung und Medienbildung – Interview mit Christian Ganzer

Christian Ganzer

 

Christian Ganzer ist Bereichsleiter der Ausstellung im ZOOM Kindermuseum in Wien. Mit seinem Team konzipiert er interaktive Ausstellungen zu technischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Themen. Die Vermittlung von Kreativität wird im Museum großgeschrieben. 

 

„In unserem Museum schlüpfen die Kinder in die Rolle von ForscherInnen, ErfinderInnen und GestalterInnen.“

 

 

Lisa Badura: Als Kurator unterscheidet sich Ihr Beruf in gewisser Weise nicht sehr stark von dem einer Lehrerin oder eines Lehrers: Sie sind damit befasst, die Neugierde von jungen Menschen zu entfachen, Wissen zu vermitteln und Kompetenzen zu stärken. In welchen Momenten spüren Sie, dass Sie einen guten Job gemacht haben, dass die Ziele Ihrer Arbeit „aufgegangen“ sind?

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Christian Ganzer: Von meiner Perspektive aus sehe ich die VermittlerInnen in unseren ZOOM Ausstellungen als eine Art Äquivalent zu den LehrerInnen in einer Schule. Um bei diesem Bild zu bleiben, lässt sich meine Aufgabe als Kurator von interaktiven Themen-Ausstellungen im ZOOM eher mit der Konzeption und Produktion eines Schulbuches vergleichen.

Eine gelungene Mitmach-Ausstellung erfüllt die Erwartungen vieler Positionen. Das sind an erster Stelle natürlich die Kinder und erwachsenen BesucherInnen. Ebenso wichtig sind aber noch andere Erwartungen an die Ausstellung, wie z.B. die Umsetzung der inhaltlichen und künstlerischen Leitlinie des ZOOM als interaktives Museum, jungen KünstlerInnen eine Plattform zur Umsetzung von Vermittlungsideen zu geben, dadurch die VermittlerInnen in ihrer Arbeit mit den Kindern bestmöglich zu unterstützen und ein Augenmerk darauf zu haben, dass die Erwartungen der PädagogInnen und Eltern an einen inspirierenden Ausstellungsbesuch erfüllt werden.

Für mich ist eine Ausstellung final dann gelungen, wenn die Kinder ihre Bedürfnisse nach Spiel, Spaß, Selbständigkeit und körperlichen Erfahrungen in einer Ausstellung ausleben können und dabei nachhaltig Inspirationen mit nach Hause oder in die Schule nehmen.

 

 

In Ihrem Museum wird Interaktivität großgeschrieben. Alle Ausstellungen und Workshops sind darauf ausgerichtet zu experimentieren, Gegenstände anzugreifen und Abläufe (wie z.B. Trickfilme machen, Modelle selber bauen) selber zu gestalten bzw. auszuprobieren. Das Prinzip wird auch als „hands-on“ bezeichnet. Was versprechen Sie sich von dem Konzept? Inwiefern werden durch das interaktive Arbeiten – sei es allein oder im Team – Lernprozesse angeregt?

 

Ja, im ZOOM Kindermuseum darf und soll nach Lust und Laune gefragt, berührt, geforscht, gefühlt und gespielt werden. Ganz nach dem Motto „Hands-on, minds-on, hearts-on!“ erkunden Kinder hier mit allen Sinnen die Welt – allein oder in kleinen Gruppen. Sie zoomen sich auf ihre spezifische Art und Weise an Objekte und Situationen heran und entdecken dabei sich selbst und ihre eigenen Fähigkeiten. In den Workshops und Ausstellungen für Kinder sammeln diese spielerisch sinnliche Eindrücke und emotionale Erfahrungen, die Lernprozesse auslösen und Erkenntnisse ermöglichen. Anders als in Museen für Erwachsene und bei den meisten Kinderevents, die eher auf Unterhaltung ausgelegt sind, können Kinder im ZOOM die Gegenstände ausprobieren (hands-on) und über das Greifen zum Begreifen (minds-on) kommen. Das macht Lernen zu einem individuellen und kreativen Prozess.

 

 

In Ihrem Museum gibt es ein Trickfilmstudio und ein Soundlabor. Für die medial entstandenen Arbeiten gibt es die „ZOOM Sammlung“, ein digitales Archiv. Neben der Vermittlung von technischen und naturwissenschaftlichen Themen ist somit auch das mediale und gestalterische Arbeiten ein wichtiger Bereich. Warum hat sich das Museum zur Aufgabe gemacht, das mediale Arbeiten in seine Angebote hineinzunehmen? Inwiefern fördert das Arbeiten mit Medien den kreativen Lernprozess?

 

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Interview mit Peter Filzmaier: Politische Bildung – Chancen und Herausforderungen im digitalen Zeitalter

Im Mai widmen wir uns verstärkt dem Thema „Politische Bildung und Medienbildung“. Wir haben den Politikwissenschaftler Peter Filzmaier befragt, worin die Besonderheiten der politischen Kommunikation im digitalen Zeitalter liegen und welche Aufgaben der Medienbildung zukommen.

 Peter Filzmaier

Lisa Badura: Politische Bildung geht nicht ohne Medienkompetenz. Man kennt Sie vor allem als analytischen Beobachter vieler Wahlen und politischer Geschehnisse im Lande. Stellen Sie sich vor, Sie würden einen Tag in einer Schulklasse unterrichten. Welche Methoden und Übungen würden Sie anwenden, um Schülerinnen und Schülern näherzubringen, wie politische Kommunikation funktioniert?

 

Peter Filzmaier: Wollen Sie eine bloß gut klingende oder lieber eine ehrliche Antwort? Die Ehrlichkeit des Wissenschaftlers in einer derartigen Situation sieht so aus: Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man eine Schulklasse am besten unterrichtet. Wie sollte es anders sein? Die LehrerInnen und nicht Politikwissenschaftler müssen wissen und selbstkritisch reflektieren, was man didaktisch macht. Sie sind ja die Pädagogen und mein Fachgebiet ist etwas ganz Anderes, nämlich öffentliche Kommunikation und Medienanalyse.

 

Aus dieser Perspektive kann ich nur darauf hinweisen, wie sehr SchülerInnen medial in uns fremden Parallelwelten leben. Für die Generation der Großeltern gilt das sowieso, weil die meistgesehene Nachrichtensendung Österreichs „Bundesland heute“ ist. Mit der Rezeption von Politik durch Jugendliche hat das genau gar nichts zu tun. LehrerInnen im Alter der Elterngeneration sind das Web 2.0 betreffend ebenso „digital immigrants“, die womöglich glauben, dass Facebook & Co relevant sind. Für Teenager ist Facebook allerdings aus der Steinzeit und wird wenig verwendet, für politische Informationen noch weniger. Auch „digital natives“ unter den LehrerInnen verwenden ganz andere Social Media als ihre Zielgruppe.

 

Sie haben mich persönlich angesprochen, also erlaube ich mir personenbezogene Gegenfragen. Wie viele LehrerInnen oder sonstige BildnerInnen unter den LeserInnen haben mich an einem Wahlabend im Fernsehen gesehen? Wenn ja, so freut mich das natürlich. Aber wie viele davon sahen mich auch auf Snapchat in einem dafür extra vom ORF gestalteten Kürzestvideo, das semi-live nur 24 Stunden verfügbar war? Keiner? Eben. Und selbst wenn, so wäre das immer noch fern von den SchülerInnen, die komplett andere Snaps ansehen.

 

L.B.: Medienkompetenz wird von dem von Ihnen zitierten Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli als Basisqualifikation in der demokratischen Gesellschaft angesehen. Wie sehen diese Basisqualifikationen konkret aus? Haben Sie Beispiele, wo diese Qualifikationen notwendig sind?

 

Peter Filzmaier: Sarcinelli meinte damit, dass man heutzutage ohne Mediennutzungs(!)kompetenz genauso ausgegrenzt und benachteiligt wäre wie früher jemand, der nicht lesen und schreiben konnte. In vielen Fällen sind Menschen durch die Informationsflut speziell des Internets überfordert.

 

Eine umfassende Kompetenz für die Mediennutzung enthält – sorry, das wird nun länger – neben technischen Grundkenntnissen mindestens fünf weitere Aspekte:

 

Erstens das Verständnis der Struktur und Funktionsformen von Medien sowie ein kritisches Bewusstsein gegenüber Online-Einflüssen auf Gesellschaft und Individuum. Zweitens Fähigkeiten zur Analyse von durch Medien vermittelte Informationen – dazu zählen Quellenrecherche, Prüfung von Aktualität und Stellenwert, Kontrollmöglichkeiten für Richtigkeit usw.–, um Gesetzmäßigkeiten des Internets und deren Einfluss auf Inhalte zu entschlüsseln. Drittens Fähigkeiten für eine effiziente Informationssuche sowie für eine Nutzung des Web 2.0 als Ausdruck persönlicher Meinungen, um anstatt passiven Konsums sich aktiv zu beteiligen. Viertens soziale Beteiligung und Realbegegnungen, um Medienentwicklungen zu beeinflussen. Eine handlungsorientierte politische Bildungsarbeit in Österreich wird Mediennutzer motivieren müssen, das Web 2.0 auch zu „machen“. Fünftens braucht es die Entwicklung eines ethischen Grundkonsenses für Medieneinsätze.

 

Hand auf’s Herz: Wie kompetent sind wir Österreicher da im Durchschnitt? Sind nicht Schlagwörter wie „Lügenpresse“ und „fake news“ als Kampfbegriffe das beste Beispiel, wie schlecht es um unsere Medienkompetenz steht? Würden nicht obskure Medien mit ihren Verschwörungstheorien sich selbst disqualifizieren, wenn die Nutzer kompetenter wären? Hat nicht die Politische Bildung eine traurige Bilanz, wenn sie dem großteils hilflos gegenübersteht? Sind nicht Politiker sehr spät dran, wenn sie das Problem – Stichwort „Hasspostings“ – heute erst zu entdecken scheinen und gesetzliche Gegenmaßnahmen andenken?

 

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Unser kommender Schwerpunkt: Politische Bildung und Medienbildung

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Im Mai werden wir uns verstärkt dem Thema „Politische Bildung und Medienbildung“ widmen. Unser Newsletter wird Initiativen und Ansätze zu diesem Thema aufzeigen.

 

Und gleich zwei Ankündigungen vorneweg! Wir freuen uns, dass der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier seine Einschätzungen in einem Interview darlegen wird. In Kürze erscheint das Interview auf unserem Blog!

AT_2017.inddZudem wollen wir auf die Veranstaltung „Aktionstage Politische Bildung“ vom Zentrum polis hinweisen! In der Zeit von 23. April bis 9. Mai werden in ganz Österreich vielfältige Zugänge zur Politischen Bildung aufgezeigt.

 

 

Digital Makers – Herumtüfteln erwünscht! Interview mit Susi Windischbauer und Hans Christian Merten

Wir waren neugierig, wie man spielerisch, aber trotzdem zielführend, in Bildungszusammenhängen (digital) herumtüfteln kann. Passend zum aktuellen Schwerpunkt „Digital Makers“ haben wir zwei Personen befragt, die sich mit diesem Thema gut auskennen. 

 

Susi Windischbauer hat u.a. das Ars Electronica EducationLab etabliert und arbeitet aktuell als Volksschullehrerin in Nussbach/OÖ

Hans Christian Merten ist Leiter von u19 – CREATE YOUR WORLD der Ars Electronica Linz

 

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Lisa Badura: Für Eltern ist es nicht ungewöhnlich, mit Kindern zum Lego zu greifen, eine Modelleisenbahnstrecke zu bauen oder einen eigenen Trickfilm zu drehen. Warum ist das mediale und technische „Herumtüfteln“ in unseren Schulen häufig noch so ungewöhnlich? Welche Angst sollte man LehrerInnen nehmen?

 

Susi Windischbauer: LehrerInnen werden oft von der Angst verfolgt, für alles ExpertInnen sein zu müssen. Das funktioniert heutzutage nicht mehr und hat wahrscheinlich, wenn wir ehrlich sind, nie funktioniert. Ich denke, am wichtigsten wäre es, sich den Sprung ins kalte Wasser zuzutrauen und einfach einmal etwas auszuprobieren und auf der anderen Seite Mut zur Lücke zu beweisen. Das heißt für mich vor allem, auch einmal eine Seite im Mathematikbuch auszulassen und sich dafür zu überlegen, was es heißt, zwei Programmier-Bausteine so zu verbinden, dass eine „Wenn-dann-Beziehung“ dabei herauskommt. Natürlich kann ich in einem solchen Prozess nur als MentorIn und BegleiterIn agieren und nicht als die- oder derjenige, der die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat.

Dazu gehört auch der Mut, sich darauf einzulassen, etwas gemeinsam mit den SchülerInnen herauszufinden oder zu lösen und nicht vorher schon alles bis ins Detail zu kennen.

Ich selbst bin ja auch nur mit gefährlichem Halbwissen bezüglich digitaler Gestaltung ausgestattet. Was mich vielleicht unterscheidet ist, dass ich diese Ausdrucksmöglichkeit eine spannende finde und ich einfach auch will, dass Menschen, die jetzt kleine Kinder sind, in Zukunft einmal wirklich coole Lösungen entwickeln, damit unsere Welt wieder ein Stückchen besser wird, und nicht einfach schlucken müssen, was ihnen die großen Konzerne vor die Nase setzen. Dazu müssen sie vor allem eines haben: „Gestaltungskompetenz“ – egal ob digital oder analog, wir müssen uns trauen, etwas auszuprobieren, ohne vorher genau zu wissen, was dabei herauskommen wird. Wir müssen experimentieren, nicht nach Rezept, sondern im ursprünglichsten Sinn.

 

Hans Christian Merten: Ich glaube gar nicht, dass das so selten passiert, wie in der öffentlichen Meinung präsent. Viele Lehrerinnen und Lehrer binden neue Technologien und sogenannte Neue Medien regelmäßig im Unterricht ein. Lediglich die administrativen Prozesse im Schulwesen machen es manchmal sehr schwer, an diesen neuen Unterrichtsformen festzuhalten, da es schnell nur mehr zur Angelegenheit der jeweiligen Lehrperson wird, sich um technische Wartungen und das Funktionieren im Schulbetrieb zu kümmern. Irgendwann geht sich das im Schulalltag nicht mehr aus – deshalb endet das Herumtüfteln oft nur als einmaliges Projekt. Die Angst, etwas Neues zu probieren, kommt hier vermutlich davon, dass man fürchtet, dass der Zusatzimpuls dann nur dazu führt, dass man eigentlich nur mehr in der Freizeit daran arbeitet. Also könnte man hier mit einer Lockerung der administrativen Tätigkeiten vermutlich schon viel bewirken.

 

L B: Mediales und technisches „Herumtüfteln“ bedeutet vor allem, eigenständig oder im Team nach Lösungen zu suchen und sich erst einmal auf „unbekanntes“ Lern-Terrain zu begeben. Welche Erfahrungen machen dadurch Kinder und Jugendliche vor allem? Kennt ihr Beispiele oder Anekdoten aus eigener Berufspraxis, wo Lernprozesse/-erfolge besonders gut sichtbar waren?

 

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