Digitale Gegenwehr gefragt – Wie das Projekt „Digital Resistance“ zum kritischen Denken anregt

 
„Fake News“, Desinformationen und zugespitzte Meinungsmache können heutzutage unsere Medienlandschaft beeinflussen. Eine unreflektierte Skepsis gegenüber Medieninhalten wird jedoch zum Problem, wenn Jugendliche sämtliche Informationen in Frage stellen und als Reaktion keinerlei Interesse mehr zeigen, sich mit (politischen) Inhalten überhaupt noch auseinanderzusetzen.

 

Wie kann man junge Menschen ermutigen, sich neugierig und dennoch kritisch mit Medieninhalten zu befassen? Wie fördert man das Demokratieverständnis und ermächtigt junge Menschen, gemäß eines „Digital Citizen“ an politischen und gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben und diese aktiv mitzugestalten?

 

Ein Projekt, das zur aktiven Auseinandersetzung mit Medien einlädt und die Bedeutung von zivilgesellschaftlicher Teilhabe deutlich macht, ist das von Europarat und EU Kommission im Rahmen der Schiene DISCO geförderte Projekt DigiRes (Digital Resistance).
Das Projekt zielt darauf ab, digitale Kompetenzen von SchülerInnen zu stärken und diese zu befähigen, Diskriminierung, Indoktrination und „Fake News“ online zu erkennen und Gegenstrategien zu entwickeln. In insgesamt fünf europäischen Staaten (Deutschland, Griechenland, Italien, Rumänien, Österreich) wurden ausgewählte Schulen eingeladen, am Projekt teilzunehmen. Im Rahmen von Gruppenarbeiten beschäftigten sich die Jugendlichen mit dem Einfluss von (sozialen) Medien auf die Gesellschaft und die Politik, hinterfragten Quellen und dahinterstehende Interessen und vertieften damit ihre Medienkompetenz.

 

Um mehr über DigiRes zu erfahren, treffe ich Johanna Urban, die das Projekt an der Universität Wien inhaltlich betreut und als Ansprechpartnerin für die österreichischen Schulen zur Verfügung steht. (Einblicke in die Schul-Projekte folgen an dieser Stelle in Kürze.)

 

Interview mit Johanna Urban

 

Johanna Urban / Uni Wien (Projektmitarbeiterin von DigiRes) / Foto: Lisa Badura

 

„Das forschende Lernen fördert die eigenen Recherchekompetenzen. Die Schülerinnen und Schüler lernen, Quellen zu identifizieren, sie auf ihre Seriosität hin zu überprüfen und eigene Methoden zu entwickeln, wie sie sich Wissen aneignen.“

 

 

Lisa Badura: Die Universität Wien ist einer der Projektpartner von DigiRes. Ihr betreut LehrerInnen und SchülerInnen zweier Schulen, die an DigiRes teilgenommen haben und damit die beiden Partnerschulen in Österreich sind: zum einen das Gymnasium Geblergasse in Wien und zum anderen das Gymnasium Werndlpark in Steyr (OÖ). Wie kam es dazu, dass die Uni Wien (Zentrum für LehrerInnenbildung, Arbeitsbereich Didaktik der Politischen Bildung) ein Projektpartner wurde und somit die Ziele von DigiRes in Österreich voran treiben kann?

 

Johanna Urban: Unsere Abteilung für „Didaktik der Politischen Bildung“ ist recht neu, es gibt uns erst seit 2017. Einer unserer inhaltlichen Schwerpunkte liegt im Bereich Digital Citizenship Education. Wir haben uns daher gemeinsam mit den Projektpartnern aus den anderen Ländern dazu entschlossen, im Rahmen der Förderschiene von Europarat und EU Kommission einzureichen. Wir hatten Glück – unser Projektvorhaben wurde bewilligt. Wir fanden zwei Schulen, denen die Förderung von Medienkompetenz und im konkreten Fall die Auseinandersetzung mit dem Thema „Falschmeldungen“ ein wichtiges Anliegen ist. Diese beiden Schulen hatten somit ein großes Interesse von sich aus, am Projekt mitzuwirken.

 

Wie sah der Projektverlauf am Gymnasium Geblergasse in groben Zügen aus?

 

Am Gymnasium Geblergasse planten wir gemeinsam mit den LehrerInnen Matthias Leichtfried und Verena Nenning die fächerübergreifende Durchführung (Deutsch und Geschichte) des Projektes. Die tatsächliche Umsetzung startete mit einem Kick-Off im Dezember. Im Rahmen des Kick-Offs klopften wir das Vorwissen der SchülerInnen ab und präsentierten Überthemen, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler während der Projektphase befassen konnten. Die Themenfelder lauteten z.B. „Fake News in der Geschichte“, „audiovisuelle Manipulation“ oder „Journalismus und Fake News“. In Kleingruppen begannen die Schülerinnen und Schüler dann, an ihren entsprechenden Fragestellungen zu arbeiten und zu überlegen, wie sie die Themen medial umsetzen könnten. Im März folgte ein zweitägiger Workshop an der Schule, bei dem wir mit Marlene Maier und Michael Simku, zwei externe KunstvermittlerInnen bzw. MedienpädagogInnen, zur Unterstützung dabei hatten. Diese führten in das Thema der technischen Umsetzung ein. Da sich auf Schülerseite ein verstärktes Interesse für die Videoproduktion zeigte, halfen sie bei der Umsetzung der Videos. Im Gymnasium Werndlpark in Steyr hingegen erstellten wir gemeinsam mit dem Lehrer Florian Bachofner-Mayr, unseren ExpertInnen und den SchülerInnen einen Podcast. Außerdem wird im Moment auch noch an einer Quiz-App zum Thema „Fake News“ gearbeitet.

 

Welche Methoden liegen den Projektrealisierungen zugrunde?

 

Uns waren zwei Ansätze wichtig: zum einen das forschende Lernen, zum anderen der Peer-Ansatz. Beim forschenden Lernen handelt es sich um einen ergebnisoffenen, dynamischen Prozess. Welches Ergebnis am Ende des Forschungsprozesses der Schülerinnen und Schüler steht, ist zu Beginn also noch weitgehend unklar. Die Rolle der Lehrperson kann sehr unterschiedlich sein. Im Grunde steht sie eher begleitend zur Seite und gibt nur Hilfestellungen. Das forschende Lernen fördert daher vor allem die eigenen Recherchekompetenzen. Die Schülerinnen und Schüler lernen, Quellen zu identifizieren, Quellen auf ihre Seriosität hin zu überprüfen und eigene Methoden zu entwickeln, wie sie sich Wissen aneignen. Die Inhalte werden somit selbst zusammengetragen und bilden gleichzeitig die Grundlage für die bereits oben erwähnten Medienprojekte, mit denen die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen an die KollegInnen der Klasse und darüber hinaus im Projekt weitergeben. Diese Vorgehensweise ist auch eine gute Übung für das vorwissenschaftliche Arbeiten am Gymnasium.
Beim Peer-Ansatz in unserem Projekt geht es nicht nur darum, dass die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen, sondern ihre Ergebnisse auch jüngeren SchülerInnengruppen vorstellen. Am Gymnasium Geblergasse findet daher am 18.6. ein Aktionstag mit kurzen Workshops zum Thema „Fake News“ für die Unterstufe statt. Die 6C wird dann ihre entstandenen Medienprojekte auf großer Bühne einem jüngeren Publikum präsentieren und ihr Wissen so weitergeben. Ein weiterer Aktionstag für Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Schulen ist für September in Steyr geplant.

 

Die Projekte der Schülerinnen und Schüler sind schon realisiert, die Aktionstage in Wien und Steyr stehen bald an – DigiRes neigt sich damit dem Ende zu. Gibt es eine Fortsetzung oder Nachbearbeitung des EU-Projekts?

 

Wir sind auf alle Fälle an einer Fortsetzung interessiert, haben aber im Moment noch kein Folgeprojekt eingereicht. Wir werden bis Ende des Jahres auf jeden Fall alle Ergebnisse zusammenfassen und am Ende des Projektes ein digitales Handbuch für Lehrerinnen und Lehrer publizieren. Der Fokus des Handbuchs liegt auf unserer Arbeitsweise im Projekt, den Rahmenbedingungen für eine gelungene Umsetzung und weiterführenden Tipps und Tricks. Das Handbuch wird voraussichtlich Ende des Jahres erscheinen. Wir hoffen, dass wir mit diesem Handbuch neben unserer Linksammlung, die wir schon erstellt und veröffentlicht haben (die Linksammlung kann hier abgerufen werden), eine interessante Hilfestellung für Lehrpersonen bieten können.

 

Sind alle eure Wünsche und Ziele aufgegangen? Dein persönliches Fazit?

 

Was wir bisher von den Projektergebnissen (Anmerkung: der Podcast vom Gymnasium Werndlpark Steyr wurde schon veröffentlicht und kann hier abgerufen werden) mitbekommen haben, sind alle Ziele von DigiRes in Österreich voll aufgegangen. Die Schülerinnen und Schüler haben sich dem Thema Falschinformation auf unterschiedlichen Ebenen kritisch angenähert, haben eigenständig und produktiv selbst Medieninhalte erstellt und lernen nun, wie sie als Expertinnen und Experten ihr Wissen an jüngere Schülerinnen und Schüler weitergeben können. Sie haben außerdem mitbekommen, welche Interessen hinter bestimmten Informationen stehen können und sie wurden sicherlich auch dahingehend sensibilisiert, wie Sprache zu Ausgrenzung und Diffamierung führen und Diskriminierung zustande kommen kann. Nun bin ich auf die Aktionstage in Wien und Steyr sehr gespannt und freue mich auf die Präsentationen.

Neben meiner Tätigkeit an der Uni arbeite ich beim Verein ZARA, der sich für Zivilcourage und gegen Hass im Netz einsetzt. Von meiner schulischen und außerschulischen Arbeit weiß ich, wie wichtig es ist, immer wieder auf die Grundlagen von Rechtstaatlichkeit zu sprechen zu kommen und jungen Menschen bewusst zu machen, wie wichtig Presse- und Meinungsfreiheit sind. In den ZARA-Workshops befassen wir uns mit der Bedeutung, on- und offline Stellung zu beziehen und mit Sprache achtsam umzugehen. Wir zeigen Schülerinnen und Schülern, was man bei Hate Speech im Netz oder Mobbing machen kann und warum es wichtig ist, nicht zu schweigen.
Von daher war DigiRes auch für mich persönlich eine große Bereicherung und hat mir gezeigt, wie medienpädagogische Arbeit und Politische Bildung auf eine sehr erfüllende und bereichernde Weise Hand in Hand gehen können.

 

Johanna, ich danke dir für das aufschlussreiche und interessante Gespräch.

 

 

Zur Person:
Johanna Urban, BA MA, Jahrgang 1988, ist Politikwissenschaftlerin und Trainerin im Bereich Politische Bildung. Sie hat Politikwissenschaft in Wien und Kopenhagen studiert.
Seit 2014 ist Johanna Urban als Trainerin und Vortragende tätig und gibt Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Führungen, sowie Fortbildungen zu Medienkompetenz, (digitaler) Zivilcourage, Antidiskriminierung und Erinnerungspolitik – u.a. für den Verein ZARA und das Mauthausen Komitee Österreich (Projekt „denk mal wien“). Von 2013 bis 2017 war sie am Demokratiezentrum Wien tätig.
Seit 2017 ist Johanna Urban an der Universität Wien für die administrative Betreuung des Arbeitsbereichs „Didaktik der Politischen Bildung“ am Zentrum für LehrerInnenbildung zuständig. Seit 2018 koordiniert und betreut sie außerdem das Projekt „DigiRes – Digital Resistance“ für die Universität Wien als österreichischen Projektpartner inhaltlich.

 

Mehr Infos zu DigiRes:

https://lehrerinnenbildung.univie.ac.at/arbeitsbereiche/didaktik-der-politischen-bildung/forschungsprojekte/laufende-projekte/digires/
https://pjp-eu.coe.int/en/web/charter-edc-hre-pilot-projects/digital-resistance

Das Projekt auf Facebook:
https://www.facebook.com/DigitalResistanceProject/

Das Projekt auf Instagram:
https://www.instagram.com/digitalresistance.project/

Zentrum für LehrerInnenbildung:
https://lehrerinnenbildung.univie.ac.at/

 

 

Die an die Schülerinnen und Schüler gerichteten Fragestellungen (formuliert vom Team der Uni Wien)

 

 

Die vom Team der Uni Wien festgesetzten Ziele

 

 

Die vom Europarat festgesetzten Kompetenzen

 

2 Antworten auf Digitale Gegenwehr gefragt – Wie das Projekt „Digital Resistance“ zum kritischen Denken anregt

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