Kreativitätsförderung und Medienbildung – Interview mit Christian Ganzer

PrintFriendly and PDF

Christian Ganzer

 

Christian Ganzer ist Bereichsleiter der Ausstellung im ZOOM Kindermuseum in Wien. Mit seinem Team konzipiert er interaktive Ausstellungen zu technischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Themen. Die Vermittlung von Kreativität wird im Museum großgeschrieben. 

 

„In unserem Museum schlüpfen die Kinder in die Rolle von ForscherInnen, ErfinderInnen und GestalterInnen.“

 

 

Lisa Badura: Als Kurator unterscheidet sich Ihr Beruf in gewisser Weise nicht sehr stark von dem einer Lehrerin oder eines Lehrers: Sie sind damit befasst, die Neugierde von jungen Menschen zu entfachen, Wissen zu vermitteln und Kompetenzen zu stärken. In welchen Momenten spüren Sie, dass Sie einen guten Job gemacht haben, dass die Ziele Ihrer Arbeit „aufgegangen“ sind?

 –

Christian Ganzer: Von meiner Perspektive aus sehe ich die VermittlerInnen in unseren ZOOM Ausstellungen als eine Art Äquivalent zu den LehrerInnen in einer Schule. Um bei diesem Bild zu bleiben, lässt sich meine Aufgabe als Kurator von interaktiven Themen-Ausstellungen im ZOOM eher mit der Konzeption und Produktion eines Schulbuches vergleichen.

Eine gelungene Mitmach-Ausstellung erfüllt die Erwartungen vieler Positionen. Das sind an erster Stelle natürlich die Kinder und erwachsenen BesucherInnen. Ebenso wichtig sind aber noch andere Erwartungen an die Ausstellung, wie z.B. die Umsetzung der inhaltlichen und künstlerischen Leitlinie des ZOOM als interaktives Museum, jungen KünstlerInnen eine Plattform zur Umsetzung von Vermittlungsideen zu geben, dadurch die VermittlerInnen in ihrer Arbeit mit den Kindern bestmöglich zu unterstützen und ein Augenmerk darauf zu haben, dass die Erwartungen der PädagogInnen und Eltern an einen inspirierenden Ausstellungsbesuch erfüllt werden.

Für mich ist eine Ausstellung final dann gelungen, wenn die Kinder ihre Bedürfnisse nach Spiel, Spaß, Selbständigkeit und körperlichen Erfahrungen in einer Ausstellung ausleben können und dabei nachhaltig Inspirationen mit nach Hause oder in die Schule nehmen.

 

 

In Ihrem Museum wird Interaktivität großgeschrieben. Alle Ausstellungen und Workshops sind darauf ausgerichtet zu experimentieren, Gegenstände anzugreifen und Abläufe (wie z.B. Trickfilme machen, Modelle selber bauen) selber zu gestalten bzw. auszuprobieren. Das Prinzip wird auch als „hands-on“ bezeichnet. Was versprechen Sie sich von dem Konzept? Inwiefern werden durch das interaktive Arbeiten – sei es allein oder im Team – Lernprozesse angeregt?

 

Ja, im ZOOM Kindermuseum darf und soll nach Lust und Laune gefragt, berührt, geforscht, gefühlt und gespielt werden. Ganz nach dem Motto „Hands-on, minds-on, hearts-on!“ erkunden Kinder hier mit allen Sinnen die Welt – allein oder in kleinen Gruppen. Sie zoomen sich auf ihre spezifische Art und Weise an Objekte und Situationen heran und entdecken dabei sich selbst und ihre eigenen Fähigkeiten. In den Workshops und Ausstellungen für Kinder sammeln diese spielerisch sinnliche Eindrücke und emotionale Erfahrungen, die Lernprozesse auslösen und Erkenntnisse ermöglichen. Anders als in Museen für Erwachsene und bei den meisten Kinderevents, die eher auf Unterhaltung ausgelegt sind, können Kinder im ZOOM die Gegenstände ausprobieren (hands-on) und über das Greifen zum Begreifen (minds-on) kommen. Das macht Lernen zu einem individuellen und kreativen Prozess.

 

 

In Ihrem Museum gibt es ein Trickfilmstudio und ein Soundlabor. Für die medial entstandenen Arbeiten gibt es die „ZOOM Sammlung“, ein digitales Archiv. Neben der Vermittlung von technischen und naturwissenschaftlichen Themen ist somit auch das mediale und gestalterische Arbeiten ein wichtiger Bereich. Warum hat sich das Museum zur Aufgabe gemacht, das mediale Arbeiten in seine Angebote hineinzunehmen? Inwiefern fördert das Arbeiten mit Medien den kreativen Lernprozess?

 

Aufgabe des ZOOM Trickfilmstudios ist es, Kindern ein Bewusstsein für neue Medien zu vermitteln – es soll die Schnittstelle von realer und virtueller Welt deutlich gemacht werden. Neben dem Entdecken neuer Medien und Technologien lernen die Kinder dabei im Team zu agieren und gemeinsam ein Storyboard und die Charaktere für einen Trickfilm zu entwickeln. So werden die Kinder spielerisch an die Welt der virtuellen Realität herangeführt. Das Erlernen eines selbstbestimmten Umgangs mit den neuen Medien ist dabei zentral. Ähnlich wie Pinsel und Farbe, sollen ihnen diese als Werkzeuge dienen, um eigene Wahrnehmungen, Ideen und Emotionen kreativ umzusetzen. Wichtig ist uns dabei, dass die Kinder die neuen Medien „durchschauen“. Sie erfahren, wie Realität mit ein paar Mausklicks manipulierbar ist. Kinder als zukünftige MedienkonsumentInnen sollten das früh genug wissen.

 

 

Kreativität meint die „Neukombination von Informationen“. Es muss also nicht ausschließlich um schöpferische Tätigkeiten im strengen Sinne gehen, sondern kann auch meinen, Problemlösungskompetenz zu beweisen und Aspekte aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. In welchen Situationen haben Sie schon erlebt, dass diese Kompetenz bei den Kindern/Jugendlichen sichtbar wurde?

 

Bei der vorangegangenen Mitmach-Ausstellung „Kunst-Stoff-Plastik“ gab es ein Labyrinth, in der die komplexe Welt der vielen unterschiedlichen Kunststoffarten und Materialeigenschaften sowie die häufigsten Themen-Begriffe wie zB. „Biokunststoffe“, „Mikroplastik“ oder „Additive“ vorgestellt wurden. Mit Hilfe einer Rätselrallye erforschten die Kinder diese Station und reflektierten anschließend in der Öko-Ideenwerkstatt, wie man mit Kunststoffen im Alltag ökologisch sinnvoll umgehen kann. Die Ergebnisse der Reflektionen in Form von Zeichnungen haben deutlich gezeigt, dass die Kinder überaus problembewusst, kreativ und mitunter auch sehr gewitzt auf kontroversielle Themen reagieren.

 

 

Ergebnisse zeigen, dass die Erfahrung von Selbstwirksamkeit bei Lernprozessen eine wesentliche Rolle spielt. Das Gefühl, im Rahmen von Prozessen etwas bewirken zu können und Einfluss auszuüben, ist fundamental. Die Erfahrungen von Versuch und Irrtum gehören zu diesen Prozessen dazu. In welchen Situationen erleben Sie, dass die jungen Besucherinnen und Besucher diese Erfahrungen bei Ihnen machen können?

 

In unseren Ausstellungen und Workshops schlüpfen die Kinder in die Rolle von ForscherInnen, ErfinderInnen oder GestalterInnen. Die Szenografie der Räume, die von KünstlerInnen gestalteten Interaktiva und unsere geschulten VermittlerInnen helfen mit, dies zu verstärken, sodass die Kinder ihre individuellen Bedürfnisse soweit als möglich ausleben können. Im Entdecken der Station kommen dann nicht nur die individuellen Begabungen und Fertigkeiten der Kinder zum Tragen, sondern auch viele wichtige Kompetenzen, wie z.B. Konzentrationsfähigkeit, Strategien zur Lösung von Aufgaben, Feinmotorik, Organisationsfähigkeit und unterschiedliche Kommunikationsformen zum Einsatz.

 

 

Nicht jedeR LehrerIn hat ein voll ausgestattetes Experimentierlabor in der Schule oder ein Trickfilmstudio. Wie kann man durch einfache Mittel die Kreativität beim Lernen fördern? Gibt es Evaluierungen auf Seiten des Museums, wie sich das Kreativ-Sein auf das Lernen auswirkt?

 

Wir führen im ZOOM keine wissenschaftlichen Evaluierungen bzgl. der Wechselwirkung von Kreativität und Lernen durch. Allerdings …
Meiner Meinung nach ist das Spielen im Freien, in der Natur für Kinder der ursprünglichste und vielleicht auch spannendste Lehrraum. Dabei lassen sich nicht nur naturwissenschaftliche Phänomene beobachten, sondern es gibt auch genügend Spielraum für die Entwicklung von Kreativität und Fantasie.
Da es in den Städten jedoch immer weniger natürlichen Freiraum für Kinder gibt, müssen wir die nötigen Freiräume zum Lernen und Kreativ-Sein sowohl in pädagogischen als auch in kulturellen Einrichtungen schaffen.

Das ZOOM Kindermuseum ist einer dieser urbanen „Räume“ für Kinder und wir setzen uns dabei sehr intensiv mit der Gestaltung und den szenografischen Möglichkeiten von Lern- und Experimentierräumen für Kinder, den sogenannten „dritten Pädagogen“ auseinander. Allerdings wäre es zu einfach, das nur als eine Frage der Gestaltung von Räumen zu sehen. Denn, um es mit Salman Ansari zu sagen: „Selbst die beste Umgebung kann nur wenig bewirken, wenn darin LehrerInnen oder VermittlerInnen agieren, die sich selbst als PädagogInnen noch nicht entdeckt haben.“
 –

 

ZUR PERSON:

 

Mag. Christian GANZER

Christian Ganzer (*1973 in Lienz) ist seit 2010 Bereichsleiter der Ausstellung im ZOOM Kindermuseum. Parallel zum Studium der Bildhauerei arbeitete er bereits ab 1995 als Ausstellungsvermittler, 2001 wechselte Christian Ganzer als Bereichsleiter ins Trickfilmstudio und von dort zur Bereichsleitung der Ausstellungen. Seither entwickelte er interaktive Ausstellungen zu den Themen Baukultur und urbanes Wohnen, das Leben im Mittelalter, das Pro und Contra von Kunststoffen und aktuell die Welt der visuellen und akustischen Orientierung des Menschen in seiner Umgebung.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.