Interview mit Peter Filzmaier: Politische Bildung – Chancen und Herausforderungen im digitalen Zeitalter

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Im Mai widmen wir uns verstärkt dem Thema „Politische Bildung und Medienbildung“. Wir haben den Politikwissenschaftler Peter Filzmaier befragt, worin die Besonderheiten der politischen Kommunikation im digitalen Zeitalter liegen und welche Aufgaben der Medienbildung zukommen.

 Peter Filzmaier

Lisa Badura: Politische Bildung geht nicht ohne Medienkompetenz. Man kennt Sie vor allem als analytischen Beobachter vieler Wahlen und politischer Geschehnisse im Lande. Stellen Sie sich vor, Sie würden einen Tag in einer Schulklasse unterrichten. Welche Methoden und Übungen würden Sie anwenden, um Schülerinnen und Schülern näherzubringen, wie politische Kommunikation funktioniert?

 

Peter Filzmaier: Wollen Sie eine bloß gut klingende oder lieber eine ehrliche Antwort? Die Ehrlichkeit des Wissenschaftlers in einer derartigen Situation sieht so aus: Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man eine Schulklasse am besten unterrichtet. Wie sollte es anders sein? Die LehrerInnen und nicht Politikwissenschaftler müssen wissen und selbstkritisch reflektieren, was man didaktisch macht. Sie sind ja die Pädagogen und mein Fachgebiet ist etwas ganz Anderes, nämlich öffentliche Kommunikation und Medienanalyse.

 

Aus dieser Perspektive kann ich nur darauf hinweisen, wie sehr SchülerInnen medial in uns fremden Parallelwelten leben. Für die Generation der Großeltern gilt das sowieso, weil die meistgesehene Nachrichtensendung Österreichs „Bundesland heute“ ist. Mit der Rezeption von Politik durch Jugendliche hat das genau gar nichts zu tun. LehrerInnen im Alter der Elterngeneration sind das Web 2.0 betreffend ebenso „digital immigrants“, die womöglich glauben, dass Facebook & Co relevant sind. Für Teenager ist Facebook allerdings aus der Steinzeit und wird wenig verwendet, für politische Informationen noch weniger. Auch „digital natives“ unter den LehrerInnen verwenden ganz andere Social Media als ihre Zielgruppe.

 

Sie haben mich persönlich angesprochen, also erlaube ich mir personenbezogene Gegenfragen. Wie viele LehrerInnen oder sonstige BildnerInnen unter den LeserInnen haben mich an einem Wahlabend im Fernsehen gesehen? Wenn ja, so freut mich das natürlich. Aber wie viele davon sahen mich auch auf Snapchat in einem dafür extra vom ORF gestalteten Kürzestvideo, das semi-live nur 24 Stunden verfügbar war? Keiner? Eben. Und selbst wenn, so wäre das immer noch fern von den SchülerInnen, die komplett andere Snaps ansehen.

 

L.B.: Medienkompetenz wird von dem von Ihnen zitierten Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli als Basisqualifikation in der demokratischen Gesellschaft angesehen. Wie sehen diese Basisqualifikationen konkret aus? Haben Sie Beispiele, wo diese Qualifikationen notwendig sind?

 

Peter Filzmaier: Sarcinelli meinte damit, dass man heutzutage ohne Mediennutzungs(!)kompetenz genauso ausgegrenzt und benachteiligt wäre wie früher jemand, der nicht lesen und schreiben konnte. In vielen Fällen sind Menschen durch die Informationsflut speziell des Internets überfordert.

 

Eine umfassende Kompetenz für die Mediennutzung enthält – sorry, das wird nun länger – neben technischen Grundkenntnissen mindestens fünf weitere Aspekte:

 

Erstens das Verständnis der Struktur und Funktionsformen von Medien sowie ein kritisches Bewusstsein gegenüber Online-Einflüssen auf Gesellschaft und Individuum. Zweitens Fähigkeiten zur Analyse von durch Medien vermittelte Informationen – dazu zählen Quellenrecherche, Prüfung von Aktualität und Stellenwert, Kontrollmöglichkeiten für Richtigkeit usw.–, um Gesetzmäßigkeiten des Internets und deren Einfluss auf Inhalte zu entschlüsseln. Drittens Fähigkeiten für eine effiziente Informationssuche sowie für eine Nutzung des Web 2.0 als Ausdruck persönlicher Meinungen, um anstatt passiven Konsums sich aktiv zu beteiligen. Viertens soziale Beteiligung und Realbegegnungen, um Medienentwicklungen zu beeinflussen. Eine handlungsorientierte politische Bildungsarbeit in Österreich wird Mediennutzer motivieren müssen, das Web 2.0 auch zu „machen“. Fünftens braucht es die Entwicklung eines ethischen Grundkonsenses für Medieneinsätze.

 

Hand auf’s Herz: Wie kompetent sind wir Österreicher da im Durchschnitt? Sind nicht Schlagwörter wie „Lügenpresse“ und „fake news“ als Kampfbegriffe das beste Beispiel, wie schlecht es um unsere Medienkompetenz steht? Würden nicht obskure Medien mit ihren Verschwörungstheorien sich selbst disqualifizieren, wenn die Nutzer kompetenter wären? Hat nicht die Politische Bildung eine traurige Bilanz, wenn sie dem großteils hilflos gegenübersteht? Sind nicht Politiker sehr spät dran, wenn sie das Problem – Stichwort „Hasspostings“ – heute erst zu entdecken scheinen und gesetzliche Gegenmaßnahmen andenken?

 

L.B.: Laut dem bekannten Medienpädagogen Dieter Baacke ist Medienkompetenz vor allem eine kommunikative Kompetenz. Wenn man überlegt, wie politische Kommunikation heutzutage oft funktioniert, muss man nur an „Frames“ denken, die gängige Medienpraxis sind. Via Sprache aktivieren viele Informationen aus den Medien unsere „Frames“, also unsere gedanklichen Deutungsrahmen. Dies führt oftmals zum „Schubladendenken“, weil unsere (Denk-)Raster verstärkt werden. Kennen Sie Beispiele aus jüngster Zeit, die diesen Umstand gut verdeutlichen? Wie kommt man diesen Begrifflichkeiten reflektierter auf die Spur?

 

Peter Filzmaier: „Framing“ meint die Beeinflussung von Deutungen mittels Betonung einzelner Aspekte eines Themas. Also sollte Medienkompetenz helfen, die dahinter stehenden Interessen und Strategien selbständig zu erkennen. Ich bringe Ihnen zwei Beispiele: Ich kann das Thema Atomenergie ausschließlich im Zusammenhang mit Katastrophen wie Fukushima diskutieren. Das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der öffentlichen Meinung zu einer klaren Mehrheit gegen den Bau neuer Kraftwerke führen, also im Interesse der Umweltbewegung sein. Verknüpft man eine aktuelle Baudebatte wie in Ungarn jedoch mit der Verringerung des Treibhauseffektes oder berechnet nur den Kostenaspekt von Energiequellen, so sind die Mehrheitsverhältnisse vielleicht anders. Was wiederum den Interessen der Kraftwerksbetreiber entsprechen würde.

 

Genauso kann ich das Thema Flüchtlingsbewegungen in Zusammenhang mit Menschenrechten, Religion und Kultur, Sicherheitsfragen oder gar Terroranschlägen, Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, Herausforderungen im Schulunterricht und vielen anderen Aspekten besprechen. Je nachdem wird es sehr unterschiedliche Deutungen geben. Der jeweiligen Interessenlage von politischen Akteuren entsprechend wird es da also Beeinflussungsversuche durch „Framing“ geben.

 

„Frames“ sind aber kein politisches Kommunikationsphänomen, das erst im digitalen Zeitalter des Web 2.0 entstanden ist. Im Gegenteil, man kann es auch so sehen, dass in der lange Zeit kleinen Medienlandschaft Österreichs mit dem ORF und wenigen Zeitungen als tagesaktuellen Quellen Politiker und Parteien viel leichter ein Thema bestimmen und in ihrem Sinn deuten konnten. In Social Media fürchten sie einen Verlust ihrer Kontrolle über Themen und deren „Framing“, wenn Informationen nicht mehr nur über die traditionellen Medien, sondern durch zahllose „User“ generiert und veröffentlicht werden. Das ist durchaus positiv. Negativ kann sein, dass genauso unseriöse bis demokratiefeindliche Gruppen die Deutungshoheit erlangen können. Dagegen sind gut ausgebildete Journalisten als „Gatekeeper“ – also Schleusenwerter hinsichtlich Relevanz und Seriosität, was eine Nachricht sein soll – ein Schutzmechanismus. An Selbstregulative im Internet wurde hingegen eher nur in frühen Theoriephasen der Kommunikationswissenschaft geglaubt, heute ist man diesbezüglich sehr skeptisch.

 

L.B.: Medienkompetenz beschränkt sich nicht auf das Verarbeiten von Informationen bzw. auf die kritische Medienrezeption. Es geht vor allem auch darum zu verstehen, wie Informationen und Botschaften zustande kommen und welches Ziel sie verfolgen. Man denke beispielsweise an die Wahlplakate von Alexander Van der Bellen im Rahmen der jüngsten Präsidentenwahl. Der sonst eher weltoffene Politiker präsentierte sich demonstrativ in heimischer Lederhose. Welche anderen Beispiele verdeutlichen, wie Politik heutzutage funktioniert?

 

Peter Filzmaier: Auch Infotainment und mediale Inszenierungen sind nicht vor kurzem entstanden, sondern bereits Aristoteles und Cicero haben als Charakteristika der öffentlichen Rhetorik beschrieben, dass es bei der Weitergabe politischer Informationen stets um ein Wechselspiel überzeugender Argumente und starker Emotionen gehe. Die Beziehung zwischen einer politischen Botschaft und ihrer mediengerechten Aufbereitung kann für eine Demokratie produktiv sein, etwa weil komplexe politische Inhalte sich so auch für Laien verständlich vermitteln lassen. Aus demokratietheoretischer Sicht problematisch wird so eine strategische Kommunikation jedoch, wenn die Lust von Politik und Medien an der theaterähnlichen Inszenierung dominiert und Inhalte – in Ihrem Beispiel etwa die Zukunft des ländlichen Raums, der von Abwanderung und Überalterung gekennzeichnet ist – kaum mehr als solche wahrgenommen werden.

 

Wenn Sie nach weiteren Beispielen fragen, so sehe ich den Höhepunkt solcher Inszenierungen allerdings in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts oder allenfalls den frühen Zweitausenderjahren. Da sahen wir österreichische Politiker laufend als Volksmusiker oder Marathonläufer. Die Bundesregierung hat es damals sogar in die ZiB1 geschafft, nur weil sie den Tiergarten Schönbrunn besuchte. Das zoologische Interesse der Regierungsmitglieder in allen Ehren, doch war der politische Nachrichtenwert natürlich gleich null.

 

Plakate haben sowieso keine Funktion in der Medienbildung, und diese am Höhepunkt eines Wahlkampfs einzumahnen, hielte ich für kurios. Da ist es das gute Recht der Politik einfach zu werben, doch was tun sie im heurigen – theoretisch wahlkampffreien – Jahr? Das Dilemma ist mehr das Phänomen von Dauerkampagnen. Da geht es nicht um Plakate, sondern dass Medien in ihren redaktionellen Formaten allzu dankbar jede Inszenierung aufgreifen. Hier schließt sich übrigens der Kreis zur Präsidentschaftswahl: Plakate als solche haben keine große Wirkung auf das Wahlverhalten. Der Mehrwert für Van der Bellen waren eigentlich Folgeberichte und -diskussionen in den Nachrichtenformaten, wie sehr er sich um den ländlichen Raum bemüht. Und bei seiner Bergtour im Sommer 2016 sind jede Menge Chefredakteure mitgekraxelt, um anschließend darüber zu schreiben. Aus Norbert Hofers Haus wiederum wurde über Frau, Tochter und Hund berichtet, obwohl diese nun wirklich nicht zur Wahl standen. Nach der Wahl war kürzlich ein Hauptthema Hofer beim Bestellen von Pizza …

 

L.B.: Eine persönliche Einschätzung. Viele unserer Nachrichten haben Unterhaltungswert. Oftmals brechen Video- und Bildmaterial komplexe Sachverhalte auf Anschauungsmaterial herunter, wo eine schriftliche Darlegung vielleicht objektiver und angebrachter wäre. Begriffe wie „Breaking News“ oder „Live Ticker“ in Social Media und Printmedien verstärken den Infotainment-Charakter. Es gibt auch den bekannten Slogan „only bad news are good news“. Läuft an der Aufbereitung oder Auswahl unserer Nachrichten etwas falsch? Welche Gedanken und Ansätze würden Sie mit „Ihren“ SchülerInnen diskutieren?

 

Peter Filzmaier: Da ich Ihre Eingangsfrage sehr ehrlich mit dem Geständnis meiner didaktischen Inkompetenz beantwortet habe, würde ich vor allem meinerseits die SchülerInnen alles Mögliche fragen, anstatt ihnen als „digital immigrant“ aus einer für so junge Menschen fremden Medienwelt irgendetwas altklug zu erklären. Was empfinden beispielsweise die SchülerInnen selbst als Nachrichten- oder Unterhaltungswert? Hat das etwas mit unseren Definitionen von „Infotainment“ zu tun? Falls nein, warum nicht? Welche der von Ihnen skizzierten Dinge sind überhaupt neu oder werden als wirklich gefährlich gesehen? Warum sollte, wie Sie behaupten, eine schriftliche Darlegung objektiver sein?

 

Mein Input in der Diskussion könnte vielleicht nur sein, den SchülerInnen als Hintergrundwissen die Redaktionsabläufe von Fernsehen und Zeitungen zu beschreiben. Mit allen Stärken und Schwächen, jedoch auch nur scheinbar banalen Aspekten wie Logistik, Entscheidungsabläufen, Zeitkorsett, Personalressourcen, ökonomische Zwänge, Quoten- und Reichweitendruck, Zielpublikum und vieles andere. Die Folgefrage wäre, wie das vergleichsweise in Social Media ist, und welche Vor- oder Nachteile sich daraus ergeben.

 

Ach ja, um das transparent zu machen: Ich habe soeben „Framing“ betrieben :-). Ich binde eine allgemeine Medienfrage beispielhaft in jenen Kontext ein, der mir am vertrautesten ist, nämlich Fernsehen und Zeitungen. So wird meine Antwort vielleicht für kompetenter gehalten, als wenn ich allein über Social Media sprechen müsste. Ein jüngerer „digital native“ würde exakt dasselbe tun. Nur genau umgekehrt. Medienkompetenz wäre, die jeweilige Logik des Framings sofort zu durchschauen.

 

 

ZUR PERSON:

 

Univ.-Prof. Dr. Peter FILZMAIER

Der Politik- und Kommunikationswissenschaftler Peter Filzmaier (*1967 in Wien) ist im Rahmen des internationalen und interuniversitären Netzwerks Politische Kommunikation (netPOL) Leiter der Plattform Politische Kommunikation der Donau-Universität Krems und hat ebenda seit 2006 den Lehrstuhl für Demokratiestudien und Politikforschung inne. Seit 2007 ist er geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Strategieanalysen (ISA) in Wien, seit 2010 auch Professor für Politische Kommunikation an der Karl-Franzens-Universität Graz, sowie zudem Politikanalytiker des Österreichischen Rundfunks (ORF). Peter Filzmaier war und ist zudem Kolumnist und Gastkommentator in Zeitungen – u.a. in Der Standard (2005 bis 2007), in österreichischen Bundesländerzeitungen („Filzmaier am Montag“, 2007 bis 2015) und in der Kronen Zeitung („Filzmaier analysiert“, seit 2015).

Filzmaiers Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen öffentliche Kommunikation, Politik-, Medien- und Wahlanalysen, Politische Bildung, Internet und Demokratie, sowie internationale Politik mit dem Fokus USA.
http://www.strategieanalysen.at
http://netpol.at

 

 

 

 

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