Das multimediale Projekt „Hörbilder“

 

Eingängige U-Bahn-Geräusche erklingen, Wasser plätschert vor sich hin, Wind rauscht, ein Motor heult auf. Wir sind mitten drin in den Installationsarbeiten der „Hörbilder“, wo Klangkulissen und ausdrucksstarke Fotografien kunstvoll miteinander verschmelzen.

 

 

 

Hinter den Hörbildern steht Johanna Kellermann, die zusammen mit ihrer Klasse in der Antonkriegergasse in Wien im Fachbereich „Medienpraxis“ ein multimediales Projekt auf die Beine gestellt hat. Die Schülerinnen und Schüler machten zu Fotografien Tonaufnahmen, die dann zu klangvollen Geräuschkulissen verarbeitet wurden. Die Fotografien hatten die SchülerInnen entweder selbst erstellt oder Motive aus vorangegangenen Workshops ausgesucht.

 

Realisiert wurde das Projekt in Kooperation mit dem interkulturellen Kunstverein ipsum. Die Projekte von ipsum zielen darauf ab, die Sinne zu schärfen und Menschen auf der ganzen Welt die Möglichkeit zu geben, ein Stück ihrer Lebensrealität mit anderen Menschen zu teilen. Das taten auch die SchülerInnen von Johanna Kellermann: Höhepunkt des Projekts war die Ausstellung der multimedialen Installationen im Frühjahr 2012 in der Aula der Schule. Im Herbst wurde das Team für ihre „Hörbilder“ mit dem [mla] ausgezeichnet.

 

Wir trafen Johanna Kellermann und zwei Mitglieder der Projektgruppe zum Gespräch.

 

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Video-Link: https://youtube.com/watch?v=sP5fuAEqkYE&feature=youtu.de

 

 

FACTS:

–        Das Projekt „Hörbilder“ wurde im Schuljahr 2011/12 realisiert. Im Frühjahr 2012 wurde das Projekt in der Schule ausgestellt und im Herbst mit dem [mla] in der Kategorie „Neue Medien“ ausgezeichnet.

 

–        Kooperationspartner: Das Projekt entstand mit Unterstützung von ipsum, einem Kunstverein, der internationale Bildungs-, Kultur- und Entwicklungszusammenarbeit leistet. Zwei Fotografinnen und ein Grafiker hatten das Team von „Hörbilder“ bei ihrer Arbeit begleitet.

http://www.ipsum.at/content/ipsum

 

–        Das Projekt wurde an der Antonkriegergasse (BRG/ORG) in Wien-Liesing durchgeführt:

http://www.antonkriegergasse.at/index.php

 

 

 

Mehr Infos zum Projekt:

http://www.ipsum.at/content/durch-medien-zum-selbstausdruck-2011

 

http://www.ipsum.at/content/media-literacy-award

 

 

Das vollständige Interview mit Johanna Kellermann

 

Lisa Badura: „Hörbilder“ ist ein multimediales Projekt, eine Kombination aus Fotografien und Klangkulissen. Wie entstand die Idee für das Projekt?

 

Johanna Kellermann: Neben meiner Lehrtätigkeit arbeite ich seit zehn Jahren bei der Organisation ipsum mit. ipsum kommt aus dem Lateinischen und steht für „selbst“. Es handelt sich hierbei um einen interkulturellen Kunstverein, der Menschen ermutigen möchte, sich selbst auszudrücken und Teile seiner Lebensrealität mit anderen zu teilen. In den letzten Jahren haben wir bei ipsum in erster Linie mit Fotografie gearbeitet. Und da ich an dieser Schule Medienpraxis unterrichte, entstand die Idee, mit ipsum zu kooperieren und Fotografie mit Ton zu verknüpfen. Für uns alle war diese multimediale Arbeit Neuland.

 

LB: Was bedeutet Fotografie für Sie?

 

JK: Mein Zugang zur Fotografie ist stark von meiner Arbeit bei ipsum geprägt. Uns interessiert weniger die technische Herangehensweise, sondern eher, was in einem Bild versteckt ist und unsere Interaktion als Betrachter und Betrachterin. Welche Denkprozesse gehen in mir vor, sobald ich mit einem Bild konfrontiert bin? Diese Frage finden wir auch deshalb so wichtig, weil Schulen und andere Bildungssektoren immer noch stark auf Sprache als Kommunikationsinstrument fokussiert sind. Den Bildern misst man aber relativ wenig Bedeutung bei. Ein Teil unserer Arbeit besteht darin, Mechanismen sichtbar zu machen, die in Kraft treten, sobald wir Bilder lesen.

 

LB: Schulische Medienprojekte sind häufig recht aufwendig. Ist aktive Medienarbeit daher ein Luxus oder trotzdem eine Notwendigkeit?

 

JK: Ich finde, es ist eine absolute Notwenigkeit, weil jetzt Generationen heranwachsen, die noch viel stärker mit Medien konfrontiert sind als wir. Es gibt zu wenige Handlungsanleitungen, wie wir am besten damit umgehen. Denn wie schon erwähnt, sind wir nicht nur umgeben von Sprache und Schrift als Kommunikationsmittel, sondern auch von Bild, Film und Ton. Daher denke ich, dass unsere Wahrnehmung dahingehend geschärft werden sollte. Luxus ist es insofern, als man eigentlich wenig Verankerung in der Schule hat und wenig Möglichkeit, sich auf diese Sachen genügend zu fokussieren. Ironisch gesagt ist der Luxus, dass man sehr viele Stunden seiner Freizeit investiert, um solche Projekte möglich zu machen. Diese Projekte sind auch nur möglich durch Personen und Institutionen – wie zum Beispiel ipsum – die bereit sind, ohne Geld mitzuarbeiten.

 

LB: Wie sollte eine Schulkultur angelegt sein, damit man als Lehrerin oder Lehrer gute Voraussetzungen für aktive Medienarbeit hat?

 

JK: Ein tiefgreifender Aspekt in der österreichischen Schulkultur wäre, wenn alle Fächer gleichberechtigt anerkannt werden und uns bewusst wird, dass wir als Lehrende alle an einem Strang ziehen. Die Wertschätzung gegenüber Mathematik, Englisch oder Medienpraxis sollte die gleiche sein.

 

LB: Für „Hörbilder“ wurde Ihr Team mit dem media literacy award 2012 ausgezeichnet. Warum haben Sie sich an diesem Wettbewerb beteiligt?

 

JK: Ich habe im [mla] eine schöne Chance erkannt, dieses Projekt aus dem schulischen Kontext herauszuholen. Normalerweise haben Schülerinnen und Schüler ja nur die Möglichkeit, ihre Arbeiten innerhalb ihres schulischen Raums zu präsentieren, der [mla] war es eine super Gelegenheit, an die Öffentlichkeit zu gehen.

 

LB: Warum ist Ihnen die Öffnung der Schule nach außen so wichtig?

 

JK: Mir ist die Öffnung wichtig, weil es meines Erachtens keine Grenze geben sollte zwischen Schule und öffentlichem Raum. Da ein Teil der heranwachsenden Gesellschaft „weggesperrt“ wird und wir Lehrende so viel Zeit hinter diesen Mauern verbringen, fände ich es sehr bereichernd für alle Sektoren der Gesellschaft, wenn es sich mehr vermischen würde und Schülerinnen und Schüler mit vollkommen anderen Gruppen der Gesellschaft zusammenarbeiteten. Letztendlich fände ich auch eine architektonische Öffnung schön. Wenn man nicht in diese eine Schule geht, sondern an ganz unterschiedlichen Orten – in der Stadt oder auf dem Land – Schule besucht.

 

LB: Wie schon erwähnt, ist ipsum ein interkultureller Kunstverein. Wie und wo war ipsum schon tätig?

 

JK: Angefangen haben wir mit einem Projekt in Angola. Danach waren wir auch in Pakistan, Afghanistan, in Palästina und in Israel. Alle diese Länder haben gemeinsam, dass sie in einer Krisensituation waren oder sind. Da die mediale Berichterstattung meist nur auf die Krisen, den Krieg und die Ausnahmesituation fokussiert, besteht unser Ziel darin, die Menschen in diesen Ländern dazu zu ermutigen, ihren Alltag medial zu reflektieren. Wir gehen davon aus, dass überall auch Alltag besteht und dass dieser Alltag auch ein Gesicht hat. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Workshops können ihre unterschiedlichen Perspektiven sichtbar machen. Entweder präsentieren sie ihre Bilder auf der ipsum-Homepage oder wir machen – nach Absprache – eine Ausstellung. Dadurch können sich auch die Menschen hier in Österreich ein differenzierteres Bild vom Alltag in Krisensituationen machen. Wir bieten aber auch Workshops hier in Österreich an, wo Menschen ihre Geschichten sichtbar machen können.

 

LB: Wie hat ipsum Sie beim Projekt „Hörbilder“ unterstützt?

 

JK: Zwei Fotografinnen und ein Grafiker von ipsum haben uns bei unserer Arbeit unterstützt. In allen Etappen des Projekts haben wir zusammengearbeitet, d. h. wir haben das Projekt gemeinsam konzipiert und viel ausprobiert. Die beiden Fotografinnen haben die Schülerteams vor allem beim Fotografieschwerpunkt betreut. Alle haben sich ihren Wünschen und Vorkenntnissen entsprechend einbringen können. Am Schluss haben wir für unsere Ausstellung mithilfe des Grafikers Plakate entworfen. Diese enthielten QR-Codes (LINK Wikipedia), anhand derer man wiederum die Bild-Ton-Collagen abrufen konnte.

 

LB: Was konnten Sie aus dem Projekt „Hörbilder“ für sich selbst herausholen?

 

JK: Wenn ich Medienpraxis unterrichte, komme ich immer wieder zu der Feststellung, dass es etwas ganz anderes ist, ein kreatives Fach zu unterrichten als beispielsweise eine Sprache. Man muss als Lehrender damit umgehen können, einer Person, die gerade in einem kreativen Prozess ist, nicht im falschen Moment hineinzupfuschen. Man muss sich zurücknehmen und das richtige Mittelmaß finden zwischen dem Motto „ich steh dir jetzt zur Seite“ und „ich lass das mal passieren“.

 

LB: Was sind Ihre aktuellen Projekte?

 

JK: Zur Zeit machen wir ein Filmprojekt mit einer französisch-österreichischen Künstlerin. Im nächsten Schuljahr würde ich gern den Schülerinnen und Schülern den Freiraum lassen, dass sie aus dem, was sie in den letzten Jahren gemacht haben, etwas herausholen, das für sie spannend ist.

 

LB: Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

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