Das vollständige Interview mit Petra Suko über MULTIMEDIALE LITERATUR

 

Lisa Badura: „Multimediale Literatur“ ist ein Text- und Bildgewaltiges Projekt und öffnet viele mediale Zugänge. Wie entstand das Thema?

 

Petra Suko: Zusammen mit zwei meiner Kollegen haben wir überlegt, was Ausgangsmaterial sein könnte. Sind es Bilder oder Texte? Wir sind auf Literatur und Text gekommen mit der Idee, Literatur zu verbildlichen. Darüber kamen wir dann auf Dadaismus, Nonsens, Experimentelle Literatur. Die Texte wurden von den SchülerInnen im Fachbereich Deutsch selbst verfasst und dienten dann als Ausgangsmaterial für mein Projekt: dem Visualisieren von Text. Mein Ansatz ist die VJ-Kultur, die auf visuelle und audiovisuelle Kunst abzielt. Zum Beispiel gibt es Lesungen, wo KünstlerInnen experimentelle Literatur lesen und zu diesen Texten Visualisierungen gemacht werden. Wie verknüpft man also Text mit Bild? Während unseres Projektes gab es eine Ernst Jandl* Ausstellung im Wien Museum. Viele meiner SchülerInnen haben sich diese Ausstellung angeschaut. Ich glaube, es war eine gute Anregung, weil es auf dieser Ausstellung Lesungen gab und experimentelle Visualisierungen der Gedichte vorgestellt wurden.

 

*Ernst Jandl (1925-2000) war Wiener Poet und gehörte dem Literatenkreis der Wiener Gruppe an. Jandl schrieb vor allem experimentelle Lyrik und verwendete die phonetischen, visuellen und akustischen Dimensionen der Sprache als literarisches Mittel. Seine Arbeiten umfassen visuelle Poesie, Lautgedichte und Werke, die der Konkreten Poesie zugeordnet werden.

 

Wie setzte sich Ihre Projektgruppe zusammen?

Das Projekt wurde am G 19 in Wien gemacht. Die Gruppe bestand aus ungefähr 18 SchülerInnen. Sie  waren in der 7. Klasse und 16 bis 18 Jahre alt. Wir haben die SchülerInnen in 4 Projektgruppen geteilt, die dann parallel betreut wurden.

 

Wie sieht die technische Ausstattung an Ihrer Schule aus?

Wir haben einen Zeichen-Saal mit einem kleinen Computerlabor, in dem 3 iMacs zur Verfügung stehen. Zusätzlich haben wir noch 2 schuleigene MacBooks verwendet.

 

Kommen wir zum Projektverlauf. Wie sah er in etwa aus?


In der Umsetzung waren wir recht flott. Mit insgesamt 5 Doppelstunden sind wir ausgekommen. In der ersten Doppelstunde ging es um die Präsentation der technischen Möglichkeiten. Erst einmal habe ich dadaistisches Material aus dem Internet präsentiert, um den SchülerInnen zu zeigen, was in dem Bereich schon gemacht wurde. Nach den Bild- und Videobeispielen habe ich den SchülerInnen die Programme erklärt.

Da ging es erstmal darum, mit welchen Geräten man aufnehmen kann. z.B. mit einer Video- oder mit einer Handykamera. Dann ging es darum, wie man das Aufgezeichnete in ein Programm importiert. Wie man mit einem Flash-Programm arbeitet oder eine Animation macht, haben wir über Video-Beamer im Zeichen-Saal präsentiert. Anschließend habe ich eine Einführung in Adobe After Effects gemacht. Ich habe erklärt, wie man einen Effekt macht, wie man von einer Blue Box-Aufnahme den Hintergrund transparent machen  kann,  wie man das mit einer 2. Ebene verquicken kann, wie man etwas ausschneiden, wie man etwas drehen und vergrößern kann. Diese ganzen Transformationseffekte haben die SchülerInnen dann in Kleingruppen und direkt am Projekt selber experimentell ausprobiert.

 

Wie ging es nach der technischen Einführung weiter?

Wir haben überlegt, wie wir die Texte mit dem Bild zusammen bringen. Für uns war klar, dass die SchülerInnen die Texte lesen. Damit hatten wir schon mal den Ton. Die Videoclips wurden dann zum Teil sehr spontan gedreht. Verwendet wurden ja auch Einzelbilder und Fotos. Für die SchülerInnen der Gruppe mit den Lautgedichten war beispielsweise sofort klar, dass sie was mit Lippen- und Mundbewegungen machen wollen. Sie haben sich die Lippen bemalt und dann Kamera-Nahaufnahmen gemacht. Schön war, als ich gesehen habe, dass sie sich damit völlig eigenständig befassen und es gar nicht mehr unter meiner Aufsicht läuft. Ich habe ihnen dann nur noch den Trick gezeigt, wie man das Gefilmte wieder ausschneidet und den Hintergrund schwarz macht.

 

 

In den Videos sind viele direkte und indirekte politische Botschaften enthalten. Wie im Dadaismus zeigt sich viel Gespür für Ironie, Zynismus, Kritik an unserer Zeit. Inwieweit haben sich Ihre SchülerInnen mit politischen und gesellschaftlichen Fragen auseinander gesetzt?

Nicht ich habe diese politische Thematik hineingebracht, da mein Bereich eher die Visualisierung und die technische Umsetzung war. Mir ist aber sehr wohl die politische Thematik aufgefallen. Es war die Rede von Faschismus oder Umweltengagement  – und das oft mit Nonsens und Ironie verwoben. Die direkten und indirekten politischen Äußerungen waren aber nicht Hauptansatz des Projektes, sondern eher ein Nebeneffekt.

 

Wie war der Zugang zu Ironie bei Ihren SchülerInnen?

Ein Projekt entsteht immer aus vielen Komponenten. Vieles ist Intuition, Zufall, Moment. Vielleicht ist es auch manchmal einfacher Ironie oder Anti-Kunst zu erzeugen als ganz perfekte Kunst.

 

 

Sie arbeiten schon seit Mitte der 90er Jahre mit Medien im Unterricht – vor allem mit experimenteller Videoarbeit. Was sind Ihre allgemeinen Zielsetzungen mit Medienarbeit und speziell bei Ihrem Projekt „Multimediale Literatur“?

Ich finde es interessant, mit SchülerInnen mit zeitgemäßen Medien zu arbeiten. Ich verwende hierfür gerne die technischen Mittel, die vorhandenen sind wie z.B. Photoshop, Bildbearbeitung. Wie kann man durch das Mittel der Bewegung im Bild noch einen Schritt weiter gehen als das Standbild? Wie kann man damit eine neue Aussage über ein Bild oder eine Kunst machen?

Es geht mir nicht nur um die Technik – die Technik ist natürlich immer das Mittel oder das Medium – sondern es geht mir vor allem um einen zeitgemäßen Zugang zur Kunst. Seit Mitte der 90er Jahre – seit meinem Abschluss auf der Hochschule für Angewandte Kunst – habe ich mich mit diesen Möglichkeiten auseinandergesetzt. Vor 10 Jahren habe ich an unserer Schule (G19 Wien) das Wahlpflichtfach „Kunst und neue Medien“ gegründet, damit interessierte SchülerInnen die Gelegenheit haben, sich mit diesen Themen theoretisch und praktisch auseinandersetzen zu können.

 

Welche Kompetenzen möchten Sie anhand von Medienprojekten bei Ihren SchülerInnen herausbilden?

Mir geht es vor allem um die Auseinandersetzung mit Kunst. Und es ist ja auch schon interessant, wenn man sich Werbung nach einem Medienprojekt ansieht und sich fragt, wie das gemacht sein könnte. Sicher ist es Teil und Ziel auch, die Welt ein bisschen kritischer zu betrachten, Zeitung anders anzuschauen, einen Film anders anzuschauen.

 

Geht es um den medialen Zugang und technisches Know-how spricht man oft von einer Wissens-Kluft zwischen der älteren Generation und den „Digital Natives“. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Im Gegensatz zu meiner Generation sind die SchülerInnen, die ich jetzt unterrichte, mit den Medien aufgewachsen. Der Zugang ist sicherlich einfacher für sie. Viele Programme muss ich nicht ausführlich erklären. Intuitiv wissen sie oft, wie sie mit den technischen Mitteln umgehen können. Aber trotzdem glaube ich sehr wohl, dass ich ihnen etwas zeigen kann. Über ein schulisches Projekt kann man lernen, ein Medium, das man vorher schon gekannt hat, in einem anderen Kontext anders zu nützen. Man kann als LehrerIn also einen neuen Zugang schaffen. Es könnte das Thema Facebook, Handy, GPS oder was auch immer sein.

 

 

 

Die vier Spots von „Multimediale Literatur“ wurden im Rahmen des Filmfestivals Vienna Independent Shorts im Juni 2011 in der Kunsthalle Wien – in der Ursula Blickle Videolounge – uraufgeführt und damit einem breitem Publikum präsentiert. Wie wichtig ist Ihnen (und letztendlich auch den SchülerInnen) die öffentliche Präsentation von eigenen Projekten?

Ich denke, es ist schon immer wichtig, wo und wie etwas präsentiert wird. Als wir „Multimediale Literatur“ in der Kunsthalle Wien im Rahmen des Festivals präsentiert haben, haben sich meine SchülerInnen sehr gefreut. Wenn Dinge nur im Unterricht passieren, wissen sie vielleicht gar nicht, dass ihre Projekte für ein anderes Publikum interessant sind.

 

Gab es auch Herausforderungen oder schwierige Phasen? Wie kann man diese als Lehrperson positiv beeinflussen?

Schwierige Phasen gibt es wohl bei jedem Projekt. Wir hatten z.B. abstürzende Rechner, die den Zeitplan verzögert haben. Und bei der Gruppenfindung wurden SchülerInnen zusammengewürfelt, die eigentlich nicht zusammen arbeiten wollten. Dann muss man mit den SchülerInnen einfach reden. Zeitmanagement ist auch nicht immer ganz einfach. Das Läuten kommt schneller als man denkt.

 

Was sind Ideen für zukünftige Projekte?

Beim nächsten Projekt möchte ich mit einem Museum zusammenarbeiten und KünstlerInnen einladen.

 

Was ist Ihr persönliches Resümee aus dem Projekt? Was sind Anregungen an KollegInnen?

 

Wichtig ist eine gute Zeitplanung.  Also am besten im Vorfeld überlegen, wie viel Zeit man für die einzelnen Schritte braucht, um die Stundenaufteilung dementsprechend vorzunehmen. Gut ist oft, wenn man in größeren Zeitblöcken arbeiten kann. Es ist natürlich auch wichtig sich zu überlegen, welche Medien man überhaupt braucht, um je nach Schüleranzahl genügend Computer etc. zur Verfügung zu haben. Die Einteilung der SchülerInnen in Kleingruppen ist oft sinnvoll.

Auch das Thema ist natürlich wichtig und damit verbunden die Überlegung, wie viel Spielraum man den SchülerInnen lässt und wie viel Vorgabe man ihnen gibt. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass weder nur das eine noch das andere gut ist. Ein Mittelweg ist vielleicht das Beste.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

PROJEKT-FACTS:

  • Dauer des Projekts: 5 Doppelstunden
  • Projektablauf: die Kunstlehrerin Petra Suko wurde von ihrer Kollegin Lilli Kern eingeladen, die von den SchülerInnen bereits zuvor beim Deutschlehrer Leopold Moser im Fach Deutsch-Kreativ verfassten Texte mittels Einzelbilder, Fotos, sowie Video- und Handymaterial collagenartig zu visualisieren. Als Ideen-Input dienten Ernst-Jandl Ausstellung und selbstrecherchiertes Material im Internet.
  • Technische Hilfsmittel / Voraussetzungen: Hardware: 3 iMacs und 2 MacBooks, Software: Adobe Photoshop, Flash, After Effects, Photo-Booth, I-Movie und I-DVD, Final Cut Pro.
  • Budget / Kosten: 650,- Euro Honorarkosten für ReferentInnen
  • Details zur Finanzierung: Förderung von Kulturkontakt Austria / Schulbudget

Die ausführlichen Videos und weitere Infos finden Sie auf der Schul-Homepage

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.